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Entscheidungen auf der Tanzfläche müssen nicht immer die schlechtesten sein.

Nicht im Hinterzimmer, nicht im Privatflugzeug und auch nicht per SMS. Sondern am Rand der Tanzfläche wurde angeblich entschieden, wie es in der CDU weitergeht. So erzählt es zumindest Annegret Kramp-Karrenbauer, als sie Paul Ziemiak, den 33-jährigen Chef der Jungen Union, als neuen Generalsekretär vorstellt. (bento)

Es ist ein Zeichen: Die CDU meint es ernst mit der Erneuerung nach Angela Merkel – und setzt dabei auch auf diese jungen Leute. 

Welches Lied auf der Tanzfläche lief, ist nicht bekannt. Doch die Geschichte klingt ohnehin eher unglaubwürdig. Ausgerechnet die CDU castet auf einer Party einen 33-Jährigen als neuen Generalsekretär? 

In Wirklichkeit dürfte die Entscheidung für Paul Ziemiak etwas anders zustande gekommen sein. Ganz klassisch, irgendwo am Telefon oder in Hinterzimmer-Gesprächen. 

Das klingt nicht mehr ganz so originell und mutig, ist aber nur logisch. Denn Ziemiak hat das, was der Merkel-Nachfolgerin Annegret Kramp-Karrenbauer fehlt: Er hat einen guten Draht zu Jens Spahn, kennt die Anhänger von Friedrich Merz, ist konservativ, männlich und auf Distanz zu Angela Merkel. Für einen 33-jährigen CDU-Nachwuchspolitiker sind das derzeit sehr viele nützliche Eigenschaften – und es soll all diejenigen befrieden, die eher nicht "AKK" zur neuen Parteichefin gemacht hätten.

Es ist aber auch ein Signal: Diese jungen Leute in der Union waren unter Angela Merkel oft unzufrieden – jetzt dürfen sie ran und sollen es bitteschön selbst besser machen.

Das ist ein starkes Zeichen. Während andere Parteien von Erneuerung reden, macht die CDU das einfach. Mit bemerkenswerter Spontanität und auch Entschlossenheit, trotz aller Auseinandersetzungen. Nach der Kandidatur von Jens Spahn ist es die zweite große Entscheidung an diesem Wochenende, bei der ein junger Kandidat auf dem Wahlzettel stand.

Wie das genaue Gegenteil aussieht, zeigt die SPD: Dort reiste der 29-jährige Juso-Chef Kevin Kühnert monatelang durch das Land, um für die Erneuerung seiner Partei zu werben. Junge Menschen traten wegen ihm in die Partei ein, Medien folgte ihm bis in die Regionalbahn oder rauchten mit ihm auf der Dachterasse der SPD-Zentrale. Doch seitdem ist nicht viel passiert. 

Während Paul Ziemiak in der CDU aufrückt, redet die SPD über Kevin Kühnert immer noch wie über ein Problemkind, das man am liebsten unter der Treppe verstecken würde.

Die Entscheidung für Ziemiak mag deshalb vielleicht taktisch oder opportunistisch gewesen sein, ein Friedensangebot an die Merz-Anhänger – aber sie ist in ihrer Entschlossenheit wirklich mutig: Die konservative Volkspartei CDU lässt junge Menschen auf die Bühne, lässt sie reden und kandidieren – mit allen Konsequenzen. Selbst dann, wenn sie sich vielleicht blamieren. 

Ziemiak bekam bei seiner Wahl etwa 62 Prozent. Das ist in der CDU-Welt wenig. Aber vielleicht ist es der Preis, den man zahlen muss, wenn man es endlich selbst machen will. 

Die viel größere Herausforderung für Ziemiak dürfte ohnehin eine andere sein: Jetzt, wo er im Rampenlicht steht, muss er es nutzen. Das könnte schwer werden. Denn ähnlich wie Jens Spahn hat er bislang vor allem provoziert. 

  • Er wetterte gegen junge Deutschtürkinnen und Deutschtürken, die die doppelte Staatsbürgerschaft haben ("Man kann den Menschen eine Entscheidung abverlangen").
  • Er warnte vor einer angeblichen Gefahr durch Muslime ("Wer die Scharia mehr achtet als deutsche Gesetze – da hilft kein Integrationskurs, da hilft Gefängnis").
  • Und er gratulierte mit der JU Donald Trump, als alle noch entsetzt waren ("Es wird viel geredet, kritisiert, demonstriert. Lasst uns mal abwarten").

Solche Statements helfen vielleicht, wenn man sich in einer Partei profilieren oder in Talkshows eingeladen werden will. Doch sie ersetzen keine echten politischen Auseinandersetzungen und kein Programm. 

Das ist die Gefahr bei vielen jungen Politikern, die nach oben drängen. Sie werden nicht ernstgenommen, nicht einbezogen und sie möchten endlich mitreden – doch am Ende ist Alter eben nicht die einzige Kategorie, um die Welt zu verstehen und politisch etwas zu verändern. Nur jung zu sein, liefert keine Antworten:

  • auf die Frage, wie junge Menschen einen Job finden, von dem sie leben können und der ihnen die Sicherheit gibt, eine Familie zu gründen (was übrigens ein schönes, konservatives Anliegen wäre). 
  • auf die Frage, ob Schwule und Migranten mit Kinderwunsch und gutem Einkommen jetzt eigentlich eine Gefahr oder die Rettung des konservativen Familienmodells sind.
  • auf die Frage, ob junge Menschen später bis 70 arbeiten und vielleicht gar Pakete ausfahren müssen, weil das Rentensystem nicht mehr funktioniert.
  • auf die Frage, wie eine Demokratie funktionieren soll, in der Parteien eine zentrale Rolle einnehmen, für viele Menschen aber mittlerweile weit weg und unattraktiv sind.

Nur jung sein reicht nicht. 

Wenn Paul Ziemiak mit 33 ein erfolgreicher Generalsekretär werden will, muss er konkrete Ideen entwickeln, die das Leben von jungen (und alten) Menschen verbessern. 


Gerechtigkeit

Ein angebliches Schulbuch in Sachsen berichtet von "Menschenrassen" – was ist da los?
Woher der Ausschnitt stammt – und was am Begriff problematisch ist.

"Die unterschiedliche Hautfarbe von Menschen der gleichen Menschenrasse wird von mehreren Faktoren bestimmt."

Dieser Satz steht nicht in einem Buch aus dem Dritten Reich, sondern in einem Schriftstück, das Schülerinnen und Schülern im Biologie-Unterricht verwenden sollen. Das Wort "Menschenrasse" ist kursiv hervorgehoben. In dem Buch gibt es Bilder von schwarzen, weißen und asiatischen Menschen, darunter werden sie einem "negriden", "europiden" und einem "mongoliden Rassenkreis" zugeordnet.

Publik wurde der Ausschnitt auf Twitter.