Als Yagmur, 28, neulich auf einem Date war, fragte der Mann, ob ihr Vater wüsste, dass sie hier sei. Auf einem anderen Treffen einige Monate zuvor machte ihr Date schnell unmissverständlich klar, dass er nicht vorhabe, sie bald zu heiraten. Was Männer sie auch gern fragen: Ob sie als unverheiratete Frau tatsächlich noch Jungfrau sei, wie der Islam es vorgebe. 

Solche Gespräche führt Yagmur* bei fast jedem Date. Sie nennt es "gemuslimt" werden. "Leute schauen mich an und glauben zu wissen, wer ich bin." Sie glauben zu wissen, was ihr wichtig ist, was sie von einer Beziehung möchte, was sie ablehnt. 

Yagmur arbeitet in einer Nichtregierungsorganisation in Berlin, sie hat lange, dunkelbraune Haare, in den Längen und Spitzen blond gefärbt, die Lippen rot geschminkt. 

Die Glaubens-Ratio

"Wenn Muslime daten, tänzeln wir eigentlich immer um die Frage herum, wie religiös jemand ist – und wie er oder sie praktiziert", sagt sie. Sie selbst trägt kein Kopftuch und betet nicht fünf mal am Tag. Sie trinkt keinen Alkohol, geht nicht in Diskotheken, will ihr erstes Mal mit ihrem Ehemann erleben. Sie möchte einen Mann finden, der ähnliche Wertvorstellungen hat wie sie. 

Menschen suchen ihre Partner nach allen möglichen Kriterien aus: Musikgeschmack, Humor, Körper, Schlafrhythmus, Ernährungsgewohnheiten, um nur wenige zu nennen. Weil man aus all dem ein Lebensgefühl ableitet, sich ähnliche Werte und Prioritätensetzung erhofft, eine Einheit, ein Team zu sein. Bei gläubigen Muslimen ist einer dieser Indikatoren häufig die "Glaubens-Ratio", wie Yagmur es nennt. Etwas, woran man sich orientieren kann. "Früher haben Eltern für ihre Kinder die passenden Partner ausgesucht. Heute müssen wir das selbst machen", sagt Yagmur.

Was auf den ersten Blick wie ein Wandel zwischen den Generationen aussieht, eine neue Art der muslimischen Partnersuche, ist ein neues Phänomen, sagt Ghandour. Er ist Theologe, Autor des Buches "Liebe, Sex und Allah" und klärt auf Instagram junge Muslime in Liebesdingen auf. Denn sie gehören zu einer Minderheit: Aufgewachsen in einer säkularen Gesellschaft, umgeben von anderen Wertvorstellungen als Eltern und Religion es womöglich vermittelt haben.

Eine neue Generation islamisches Dating

Junge deutsche Muslime die daten, gibt es noch nicht all zu lange, in den meisten Fällen gehören sie zur ersten, maximal zur zweiten Generation von Muslimen, die in Deutschland überhaupt datet. "Die Eltern der heute jungen Generation kam erst zwischen den Siebzigern und Neunzigern als Gastarbeiter nach Deutschland," sagt Ali Ghandour. Das bringt Konflikte mit sich. Yagmur nennt es den "Ballast der postmigrantischen Muslime". 

Die komplizierte Suche nach dem geeigneten gläubigen Partner für den Rest des Lebens hat mittlerweile unzählige Datingapps auf den Markt gebracht. Als Marktführer gilt "Muzmatch". Seit 2011 haben sich laut Unternehmensangaben mehr als zwei Millionen Nutzerinnen und Nutzer registriert, mehr als 45.000 Ehen habe man schon ermöglicht. Konkurrent "Minder" kommt auf etwa eine Millionen Nutzende – und behauptet, mehr als 100.000 Matches ermöglicht zu haben.

"Muzmatch" und "Minder" funktionieren wie Tinder mit Profilfotos und Swipes, andere schlüsseln sich nur nach islamischer Konfession und Herkunftssprache auf. Eher konservative Apps wie "Nikah Destiny" erlauben nur die Suche nach "Bräutigam" und "Braut", liberale Plattformen wie "Muslim Vows" erlauben Suchen wie "Frau sucht Mann" oder sogar "Mann sucht Mann". Was aber fast alle Portale gemein haben: ein "Religiositätsbarometer", mit dem man sein Profil etwa von "sehr liberal" bis "ständig am Beten" verorten kann.

Die erst im Dezember gelaunchte App "NIM" treibt die Islam-Regeln gar auf die Spitze: Wer sich anmeldet, darf sich seine Partner nicht selbst aussuchen, stattdessen übernehmen ein Algorithmus und "Religionsexperten" das Matchmaking. In einem zweiten Schritt kann man Freunde und Familie auf die Auswahl schauen lassen, in der Scharia-Version liest zudem ein Sittenwächter bei den Chats mit. "Wir glauben an maßgeschneidere Matches, kein sinnloses Geswipe", wirbt die App für sich.

Yagmur hat sich einmal "zum Spaß" bei Minder angemeldet. "Ich wollte gucken, was da so für Typen sind." Ihr Eindruck: Vor allem sehr streng religiöse Muslime suchen über die Plattform den passenden Partner. 

Tatsächlich werden über "Minder" und "Muzmatch" in der Regel direkt Ehepartnerinnen und -partner gesucht, weiß Ali. Viel interessanter findet er aber, dass sich an solchen Apps zeigt, wie sich auch die Liebe den Regeln des Kapitalismus unterwirft. "Diese Glaubens-Skalen, diese ganzen Kategorisierungen, das sind sehr moderne Phänomene", sagt er. Wer wie oft bete, habe früher keine so große Rolle gespielt. "Unsere Datingpartner werden zu Produkten, die auf drei bis fünf Eigenschaften reduziert werden."

Auch Yagmur fühlte sich auf Minder ein bisschen so, als würde man jemanden aus dem Katalog aussuchen. Sie möchte ihren Partner lieber persönlich kennenlernen, ohne die Hilfe von Apps – und trotzdem wissen, wie ihr Gegenüber es mit dem Glauben hält. 

Die Gretchenfrage

"Ich versuche zum Beispiel im Gespräch herauszufinden, ob mein Date viel feiert oder viel trinkt. Das wäre für mich eher ein Ausschlusskriterium, weil ich das selbst nicht mache." Sie schaue sich auch gerne das Instagram-Profil eines Mannes an, das sage viel über jemanden aus: Wenn er etwa vielen freizügig gekleideten Frauen folge, dann spreche das eher dafür, dass er weniger religiös sei. Viele ihrer Freundinnen würden auch den Bart eines Mannes als Anhaltspunkt nehmen. "Wenn er einen langen Bart trägt, kann es gut sein, dass er religiös ist – wenn du Pech hast, ist er einfach nur Hipster", sagt sie und lacht. 

Viel könne man auch aus der Art und Weise, wie jemand spricht, herauslesen, sagt Yagmur. "Wenn mich jemand im Gespräch oft 'Schwester' nennt, ist das für mich ein Hinweis dafür, dass er für meine Maßstäbe wieder zu religiös ist." Es bedeute nämlich in etwa: Du bist solange meine Schwester, bis du meine Frau bist. 

Wie unterscheidet sich aber diese Herangehensweise vom "gemuslimt" werden, von Dating-Apps, die Einstellungen und Religionspraktiken abfragen? 

"Für mich steht schon der Mensch im Mittelpunkt. Wenn ich mich in jemanden verliebe, der kein Muslim ist, dann ist das eben so. Bei manchen Männern, die ich treffe, habe ich dagegen den Eindruck, die sehen mich gar nicht als Person, nur als Muslima." 

Dennoch glaubt sie, dass es einfacher wäre, wenn ihr Partner auch Muslim wäre – weil sie sich dann weniger erklären müsste, sagt sie. 

Auch Ali Ghandour sagt, man müsse mit seinem Partner oder seiner Partnerin nicht in allen Glaubensfragen übereinstimmen, aber einige Muslime denken, dass es entspannter im Beziehungsalltag liefe, je mehr Überschneidungen es gebe. Trotzdem: "Diese ganzen Kategorisierungen sind eine Perversion des Glaubens. Die Merkmale, die oft auf Dating-Apps abgefragt werden, wie die Frequenz des Betens, haben damit oft gar nicht viel zu tun. Glaube ist viel komplexer." 

Und das gilt natürlich nicht nur für den Islam. Für Christen gibt es Plattformen wie "Himmlisch Plaudern" und auch viele Säkulare haben ein Set an Regeln, die für sie zu "Dealbreakern" bei potentiellen Partnern werden können, so merkwürdig sie auch erscheinen: Der "Pumper" auf Tinder wird weggeswiped (zu sportlich) die Frau mit der Katze auch (weil man selbst mag Hunde lieber) und wenn sein Verhältnis zu seiner Mutter zu eng ist, zieht man auch lieber die Reißleine. 

Bleibt also noch die Frage, was muslimisches Dating eigentlich genau von christlichem Dating oder veganem Dating unterscheidet. "Letztlich sind diese ganzen Merkmale alle keine Garantie dafür, dass eine Beziehung funktioniert", sagt Ali. "Menschen sind mehr als ihre Religion." Und mehr als ihre physischen Präferenzen, ihre Vorliebe für Haustiere und ihre Essgewohnheiten. 

Die Religion, sie ist nur eine von vielen Möglichkeiten, sich zu orientieren in dieser Welt, in der einem niemand mehr vorgibt, wen man zu lieben (oder zumindest zu heiraten) hat.

Ob Yagmur sich manchmal wünscht, ihre Eltern würden ihr einen Partner suchen? 

"Das war natürlich auch scheiße", sagt Yagmur und lacht. "Aber ich glaube manchmal, es würde mein Leben leichter machen." 

*Yagmur wollte ihren echten Namen nicht in dieser Geschichte sehen, er ist der Redaktion bekannt.


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