Bild: Christian Bergmann
Fünf junge Männer und Frauen erzählen

Ich will etwas tun, ich will mich politisch engagieren – diesen Impuls haben im vergangenen Jahr viele verspürt, nach den Wahlerfolgen der AfD, nach dem Brexit, spätestens aber nach dem 9. November, dem Tag, an dem die Amerikaner Donald Trump zum nächsten Präsidenten wählten.

In Berlin gingen am Samstag nach der US-Wahl Hunderte Menschen auf die Straße (bento), um gegen Trumps Sieg zu protestieren. In Hamburg gründete sich eine Jugendbewegung, genannt DEMO ("Zeit Magazin").

Aber was ist mit der klassischsten Form politischen Engagements, der Mitgliedschaft in einer Partei?

Die großen Parteien verlieren seit Jahren Mitglieder. Einer Studie des Politikwissenschaftlers Oskar Niedermayer zufolge hat sich die Mitgliederzahl zwischen 1990 und 2014 nahezu halbiert, insbesondere der Anteil jüngerer Parteimitglieder geht immer weiter zurück.

Seit Trumps Wahlsieg erleben nun zumindest linke Parteien einen Aufschwung:

  • Im November traten mehr als 1.800 Menschen in die SPD ein, das sind knapp doppelt so viele wie in normalen Monaten.
  • Bei den Grünen gingen allein am 9. November 114 Mitgliedsanträge online ein, so viele wie sonst in einer ganzen Woche.
  • Die Linkspartei verzeichnete in der Woche nach der US-Wahl 314 Neumitglieder, knapp zwei Drittel von ihnen unter 35. Zuvor waren pro Woche etwa 70 Menschen eingetreten.
Was bewegt junge Menschen dazu, Mitglied einer Partei zu werden? Wir haben fünf Männer und Frauen gefragt.

Marlis Kimbel, 25, SPD

(Bild: Jana Röthlisberger)

Ich begreife mich schon lange als politischen Menschen. Die Frage war nur: Will ich mich "im System" engagieren oder außerhalb? Unter "System" verstehe ich die Parteien, das Establishment – eigentlich sehr ähnlich zu den Ansichten der Rechtspopulisten.

Lange dachte ich, zivilgesellschaftliches Engagement sei die bessere Wahl. "Das System" fand ich zu verknöchert; zu wenig Spielraum, zu viele Skandale und Machtspielchen. Lieber engagierte ich mich in NGOs und Hochschulgruppen, ging zu Demos. Diese Form des Engagements ist bequem, weil es kurzfristig ist.

Doch dann passierte alles auf einmal: Pegida, Front National, FPÖ, Orban, Erdogan, Brexit – und Donald Trump.

Als ich in der Wahlnacht ins Bett ging, lag Hillary Clinton vorne; als ich aufwachte, war Trump US-Präsident. Ich war erschüttert und wütend – und ich dachte: Jetzt musst du was machen.

Ein paar Tage nach der Wahl trat ich in die SPD ein. Man kann über die Parteien schimpfen, aber damit ändert man nichts. Nach Trumps Wahlsieg hatte ich plötzlich das Gefühl, dass ich das System stärken muss. Ja, man muss es verändern, das kostet Kraft und Hirnschmalz – aber man muss hinein ins System, das scheint mir der einzige Weg zu sein.

Natürlich gibt es Punkte im Parteiprogramm der SPD, die ich ablehne: Dass sie den Kohleausstieg nicht mitmacht, finde ich rückwärtsgewandt. Dass nicht mehr Frauen in der Parteispitze sind, ebenfalls. Zuvor hatte ich mich immer hinter den 40 Prozent versteckt, in denen ich nicht mit der Partei übereinstimme. Nach der US-Wahl hatte ich endlich den Mut, wegen der übrigen 60 Prozent einzutreten.

Wenn du dich zivilgesellschaftlich engagierst, bleibst du immer in deiner Bubble.

Wenn du in eine Umweltschutzgruppe gehst, triffst du dort auf andere Umweltschützer. Klar, auch eine Partei ist eine Bubble, doch schon beim Neumitglieder-Treffen habe ich festgestellt: Nicht alle SPD-Mitglieder sind gleich. Da sind alte und junge Menschen vertreten, verschiedene soziale Schichten, unterschiedliche Anliegen. Zum Beispiel ein Herr um die 60 aus Reinickendorf; sein Hauptanliegen ist die Pflege, weil seine Frau krank ist. So jemanden hätte ich sonst wahrscheinlich nicht getroffen.

Und ich will auch über die Partei hinaus mit Leuten in Kontakt kommen, die ganz andere Ansichten haben als ich. Das geht zum Beispiel beim Wahlkampf. Ich weiß noch nicht, ob ich da nächstes Jahr wirklich mitmache, aber die Möglichkeit habe ich zumindest.


Jannis, Anfang 20, SPD

Ich bin vor einem halben Jahr in die SPD eingetreten. Ich finde, in einer parlamentarischen Demokratie ist es die logische Konsequenz, dass man sich in einer Partei organisiert und dort auch mitwirkt.

Mein Eintritt in die SPD lässt sich nicht auf einen Anlass reduzieren, aber er ist auch ein Protest gegen den Populismus und die viel zu einfachen Antworten, die er auf schwierige Fragen gibt. Was in den vergangenen Monaten in Deutschland passiert ist, hat mich daran erinnert, wie wichtig die Unterstützung liberaler, sozialer und rechtsstaatlicher Parteien ist. Die Vorkommnisse in Bautzen, Björn Höckes Reden, die Wahlerfolge der AfD – das sind Ereignisse, die man in einer aufgeklärten Gesellschaft eigentlich nicht mehr für möglich gehalten hat.

Ich glaube, fast jede Kritik an den Parteien, am "System", hat ihre Berechtigung.

Aber ich glaube auch, es ist zu leicht, jedes Problem mit einem Fehler der Parteien oder des Systems zu begründen. Sicher könnten die Parteien mehr machen, mehr in den Dialog mit den Bürgern treten. Umgekehrt könnten aber auch die Bürger mehr machen, sich mehr engagieren.

Die SPD ist die Partei, mit der ich mich am meisten identifiziere; ich teile ihre Grundwerte – und die sind schließlich wichtiger als einzelne Führungspersonen. Alle anderen Parteien kommen für mich nicht infrage: Ich bin kein Freund von Radikalem, ich glaube, das ist auf beiden Seiten gefährlich. Und ein konservatives Wertebild wie bei der CDU widerstrebt mir.

Trotzdem: Auch die SPD macht nicht alles richtig und ich habe meine Differenzen mit ihr. Ich bin für den Klimaschutz – und dagegen, dass sich die SPD in Teilen gegen den Ausstieg aus der Kohleförderung wehrt.

Früher war ich ab und zu bei Veranstaltungen der Jusos, habe für die SPD im Wahlkampf Flyer verteilt. Seitdem ich eingetreten bin, habe ich aber noch nichts Größeres unternommen, momentan fehlt mir einfach die Zeit. Aber ich würde demnächst gerne mehr machen und mich wirklich engagieren. In eine Partei einzutreten ist ja nur ein erster Schritt.

Christian Bergmann, 28, Grüne

(Bild: Christian Bergmann)

Ich bin zum 1. November in die Partei Bündnis 90/Die Grünen eingetreten, vorher war ich sieben Jahre lang Mitglied in der SPD. Ich hatte schon eine ganze Zeit lang überlegt, zu den Grünen zu wechseln. Ich habe mich in den vergangenen Jahren eher mit grünen Themen auseinandergesetzt, Atomkraft zum Beispiel.

Ich finde auch, dass die SPD nicht mehr das repräsentiert, was sie eigentlich repräsentieren sollte. In Punkto Gleichberechtigung sehe ich überhaupt keine Fortschritte. Wer kommt als Kanzlerkandidat in Frage? Das sind wieder die alten Männer. Bei den Grünen ist das allein wegen der Doppelspitze ganz anders.

Die Wahl in den USA hat für mich persönlich nichts verändert.

Ich finde es aber lobenswert, wenn Menschen den Wahlsieg Donald Trumps als Warnsignal sehen und sich jetzt politisch engagieren – das muss ja nicht mal in einer Partei sein. Sie haben plötzlich realisiert: Was da passiert, geht auch uns an.

In Zukunft will ich regelmäßig zu den Treffen meines Kreisverbands in Berlin gehen. Es gibt verschiedene Arbeitsgemeinschaften, zum Beispiel zu Kultur, Grundeinkommen oder erneuerbaren Energien; da würde ich mich in den nächsten Monaten gerne einbringen. Ich hoffe, dass ich bei den Grünen Mitstreiter treffen werde, die ähnlich denken wie ich und mit denen ich meine politischen Ideen umsetzen kann.

Klar, politische Prozesse erfordern sehr viel Geduld. Aber momentan ist das der einzige Weg, den ich sehe – abgesehen von der Revolution. Aber ich glaube, das Revolutionspotenzial ist in Deutschland nicht ganz so hoch. Hoffentlich täusche ich mich.


Amandus Pauli, 20, Grüne

Im Herbst habe ich ein Praktikum in der Bundesgeschäftsstelle der Grünen gemacht. Ich wollte wissen, wie Parteien in Deutschland von innen aussehen, wie sie funktionieren – und vor allem, wie sie sich strategisch auf den Wahlkampf im kommenden Jahr einstellen.

Am Ende des Praktikums, vom 11. bis zum 13. November, fand die Bundesdelegiertenkonferenz in Münster statt. Dort habe ich mich entschieden einzutreten. Ich habe gesehen, wie viele Leute sich bei den Grünen engagieren und Ideen einbringen – auch wenn sie am Ende vielleicht verlieren. Das muss man einfach unterstützen.

Ich hatte schon länger darüber nachgedacht, Mitglied einer Partei zu werden. Als mit dem Brexit-Referendum der Populismus endgültig im Mainstream ankam, war ich geschockt, das hatte ich nicht erwartet. Inzwischen bin ich gelassener; ich glaube, wir sollten nicht in Apokalypse-Stimmung verfallen. Der Erfolg der Populisten hat aber meine Meinung gefestigt, dass man politische Überzeugungen nicht nur im Wahllokal ausdrücken sollte.

Viele Bürger kritisieren die etablierten Parteien: Sie seien zu weit weg und würden sich nicht interessieren, AfD und Linkspartei stacheln das weiter an. Ich sehe das ein bisschen anders: Jeder Bürger hat jederzeit die Möglichkeit, mit dem Abgeordneten aus seinem Wahlkreis zu sprechen. Ich habe das bei den Grünen erlebt: Die versuchen, auf jede Frage einzugehen.

Gleichzeitig finde ich, dass die Parteien klarer sprechen müssen.

Trump war so erfolgreich, weil er einfach gesprochen hat. Es darf nicht plump werden, aber wenn Politiker einfach und klar sprechen, schrumpft der Abstand zwischen Parteien und Bevölkerung vielleicht wieder.

In meinem Studiengang kenne ich ein paar junge Leute, die ebenfalls Mitglied in einer Partei sind oder zumindest über einen Eintritt nachdenken. Die meisten meiner Freunde sind zwar politisch interessiert, aber in eine Partei einzutreten und sich damit festzulegen, das ist für viele ein zu großer Schritt.

Für mich ist der Eintritt eine langfristige Entscheidung. Ich würde mich gerne im Bereich Europapolitik engagieren, aber wie genau, weiß ich noch nicht. Ich muss mich jetzt erst mal orientieren und herausfinden, welche AGs und Versammlungen es überhaupt gibt. Es sind viele kleine Schritte. Man kann nicht eintreten und erwarten, dass sofort alles so läuft, wie man sich das vorgestellt hat.


Thorben Mahlstedt, 19, CDU

(Bild: Privat)

Im Juni dieses Jahres bin ich in die CDU eingetreten, inzwischen bin ich auch Mitglied der CDU-Fraktion hier in Norderstedt und engagiere mich im Umweltausschuss. Zur Jungen Union bin ich über einen Freund gekommen. Er hat mich einfach zu einer Veranstaltung des stellvertretenden CDU-Ortsvorsitzenden mitgenommen. Ohne diesen Freund wäre ich wohl nie in eine Partei eingetreten.

Mittlerweile glaube ich: Wer politisch interessiert ist, sollte sich in einer Partei engagieren. Der Aufstieg der AfD und der Wahlsieg von Donald Trump haben mich in dieser Haltung bestätigt. Ich glaube, viele Bürger wählen Rechtspopulisten aus Trotz und weil sie von der Politik der etablierten Parteien frustriert sind. Aber die Wahrheit ist: Es ist nicht so schwer, seiner Stimme Ausdruck zu verleihen und in der Politik mitzuwirken.

Meckern kann jeder – aber wirklich etwas verändern, das kann man nur in einer Partei.

Im Wahlkampf habe ich mich vor Supermärkte gestellt und Flyer verteilt. "Scheiß CDU, haut doch ab ihr Säcke" – solche Sprüche musste ich mir anhören. In einer Einkaufspassage habe ich Schultüten verteilt. Als ein Kind eine Schultüte entgegennehmen wollte, griff die Mutter ein und sagte: "Von der CDU nehmen wir nichts."

In solchen Momenten habe ich mich schon gefragt, warum ich hier gerade stehe. Aber das sind nur einzelne Momente. Die Mehrheit der Bürger reagiert positiv.

Im Rathaus habe ich vor Kurzem meine erste Rede gehalten, sie war kurz und spontan. Aber die anderen Politiker haben applaudiert, das hat mich sehr gefreut und in meiner Haltung bestärkt. Natürlich stimme ich nicht mit allen Positionen meiner Partei überein, aber jeder kann sich schließlich bei Abstimmungen enthalten oder könnte auch gegen die eigene Fraktion stimmen.

Ich bin mit zwei Bekannten von der Jungen Union zusammen in die CDU eingetreten. Die Stadtvertreter der CDU in meinem Ort sind im Schnitt über 60 Jahre alt. Wir vertreten in der Partei auch die Stimmen der Jungen. Das finde ich wichtig.


Was wünschen sich junge Menschen für das neue Jahr?
"Ich würde mir wünschen, dass unsere Gesellschaft ein bisschen offener und freundlicher wird."
"Ich habe überlegt, in Frankreich meinen Master zu machen. Aber ich warte erst die Wahl ab: wer eine schwulen- und ausländerfeindliche Partei wählt, der stimmt auch gegen mich."
"Nächstes Jahr ist es besonders wichtig, dass alle jungen Menschen bei der Bundestagswahl ihre Stimme abgeben."
"Ich möchte mich gerne selbstständig machen und eine App entwickeln, die Studenten helfen soll, sich in dem ganzen Informationsüberfluss zurecht zu finden. "
"Für 2017 wünsche ich mir, dass die Menschen an ihrer Einstellung arbeiten und glücklich mit dem sind, was wir hier in Deutschland haben – denn das ist alles andere als selbstverständlich."
"Auch im neuen Jahr möchte ich so grün wie möglich leben: Schon länger wohne ich mit meinen Mitbewohnern in einem Haus, das sich komplett selbst mit Energie versorgt."
1/12

Hinweise zur Recherche

Wir haben neben SPD, Grünen und CDU auch die Pressestellen von Linkspartei, FDP und AfD angefragt. Von dort konnten uns leider keine jungen Menschen vermittelt werden, die kürzlich in die Parteien eingetreten sind. Wenn es aus diesen Parteien Neumitglieder gibt, die mit uns sprechen wollen, können sie sich gerne noch an uns wenden: sophia.schirmer@bento.de.

FDP und AfD haben uns auch keine Mitgliederzahlen geschickt, aus der CDU-Zentrale hieß es: "Nach den Präsidentschaftswahlen in den USA sind nicht überdurchschnittlich viele Neumitglieder online in die CDU eingetreten."


Today

Zwei Kletterer entfachen riesigen Waldbrand in Bayern

Zwei Münchner wollten in der Silvesternacht das Feuerwerk von einem Berg aus sehen – und haben nun am oberbayrischen Jochberg einen Großbrand entfacht, der auch am Montag noch nicht unter Kontrolle ist.

Wie schlimm ist das Feuer?

Nach Angaben der Polizei sind 100 Hektar Wald- und Wiesenfläche am Jochberg betroffen. Das entspricht in etwa der halben Größe des Berliner Tiergartens. Am Sonntag waren zeitgleich sieben Helikopter der bayrischen Polizei und aus Tirol im Einsatz, um das Feuer zu löschen. In der Nacht mussten sie ihre Arbeit unterbrechen – am Montag soll es weitergehen, sobald es hell genug ist (BR I).