Barbarisch, sexistisch, aggressiv, bedrohlich, so ist der Islam. Das denken viele Menschen nicht erst seit den Anschlägen in Paris, nicht erst seit London (2005), Madrid (2004) oder New York (2001).

1997 veröffentlichte der renommierte Think Tank "Runnymede Trust" den Essay "Islamophobia: a challenge for all of us“. Auf 75 Seiten identifizieren die Autoren Islamophobie als eigenständige Form der Fremdenfeindlichkeit. Jeder terroristische Anschlag von Dschihadisten schürt diese Phobie.

Unter den Folgen leiden Muslime und jene Menschen, die für Muslime gehalten werden, weil sie dunkle Augen haben oder dunkle Haare, weil sie einen Bart tragen oder ein Kopftuch, weil sie eine Sprache sprechen, die irgendwie fremd klingt.
Ich bin eine Muslimin, bin ich jetzt schuldig?

"Bitte, lass es kein Moslem sein!" Das habe sie nach den Anschlägen von Paris gedacht, schrieb uns kürzlich eine Studentin. Dann hatte sich der "Islamische Staat" zu den Anschlägen in Paris bekannt.

Und sofort las ich in sozialen Netzwerken: "Alle Muslime sind keine Terroristen, aber alle Terroristen sind Muslime" Oder: "Ich fordere ein Islam-Verbot."

Angst, Panik, Wut und Trauer lösen sich in mir aus. Nicht nur in mir, auch weitere Millionen Muslime fühlen im Moment dasselbe. Jedes Mal nach Terroranschlägen habe ich Angst vor weiteren Angriffen durch sogenannte "Islamisten" und auch vor Angriffen durch "Extremisten". Ich trauere um die Ermordeten und denke dabei an die Familienangehörigen, an die Freunde und Bekannten.

"Alle Muslime sind schuldig", lese ich.

Ich bin eine Muslimin, bin ich jetzt schuldig? Muss ich mich für etwas rechtfertigen, was ich nicht getan habe?

(Bild: City News Toronto)

Nach den Anschlägen in Paris haben viele Muslime genau das getan. Wieder einmal.In ihren Statements versuchten sie zu erklären, was eigentlich selbstverständlich sein sollte: Terroristen haben die Anschläge verübt. Fundamentalisten, die den muslimischen Glauben nicht repräsentieren.

Viele sehen das nicht, oder wollen das nicht sehen, weil es manchmal eben leichter ist, die Welt in gut und böse zu unterteilen, statt zu differenzieren. Deswegen müssen seit den Anschlägen in Paris weltweit Menschen mit den Folgen dieser Islamfeindlichkeit umgehen; dabei spielt oft eigentlich gar keine Rolle, ob sie wirklich Muslime sind.

Arabische Schriftzeichen reichen schon:
(Bild: Magallanez)

Der 22-jährige Magallanez aus Phoenix hat vor diesem Dialog auf Arabisch "I loved you in the winter" in sein Grindr-Profil geschrieben, eine Liedzeile des libanesischen Sängers Fairouz. "How it jumped from a simple sentence on my profile to me being a terrorist, I find that outrageous", sagte Magallanez "Mic".

Oder arabische Worte:

So berichtete "NBC 10" diese Woche, dass Khalil, 29 and Ayyad, 28, zwei Männer, die vor 15 Jahren aus Palästina in die USA auswanderten, ein Flugzeug nicht betreten durften. Der Grund: Ein Gast habe sie Arabisch sprechen hören. Deswegen habe er sich gefürchtet, mit ihnen gemeinsam zu fliegen. Khalil sagte, er habe sich nicht anders zu helfen gewusst, als die Polizei zu rufen. Danach durften die beiden doch an Bord.

Oder ein Kopftuch:

"McClatchy DC" berichtet von einer amerikanischen Studentin aus Arlington, Texas, die sich nicht mehr traut, ihr Kopftuch wie üblich zu tragen: Statt Hijab bindet sie sich jetzt lieber einen Turban, wie es auch Nicht-Muslima tun. Sie sagt: "My very first post on Facebook was about how we as American Muslims are working so hard to assimilate and break the stereotypes in the American society and then these people come and mess it up for us."

All diese Nachrichten zirkulierten in der vergangenen Woche im Netz, tausendfach gelesen, gelikt, geteilt. All diese Nachrichten bedrücken, zeigen sie doch, wie groß die Angst ist und wie weit verbreitet die Vorurteile vieler Menschen.

Was man dagegen tun kann?

Zum Beispiel all die anderen Nachrichten lesen, liken und teilen. Die von dem französischen Muslim zum Beispiel, der mit verbundenen Augen auf dem Place de la République stand und zwei Schilder auf den Boden gelegt hat: "Ich bin Muslim, man sagt von mir ich sei ein Terrorist. Ich vertraue euch. Ihr mir auch? Gebt mir eine Umarmung!"


(Bild: Jérémie Lortic )

Oder die von dem französisch-syrischem Paar, das sich küsst und dabei ein Plakat in die Kamera hält: "Als syrisch-französisches Paar zahlen wir jeden Tag den Preis für Terrorismus, Fanatismus, Rassismus, Grenzen, Waffen etc. FUCK OFF. Die Liebe wird immer gewinnen." Oder die von der alten Dame Danielle, die sagt: "Wir verbrüdern uns mit den fünf Millionen Muslimen, die ihre Religion frei ausüben. Und wir kämpfen gegen die 10.000 Barbaren, die angeblich im Namen von Allah töten.“

Oder aber man liest die Wort des jungen Briten Kash Ali. Er postete vergangene Woche auf Facebook:

Hoffentlich verstehen dann nach und nach immer mehr Menschen, dass Muslime den "Islamischen Staat" nicht stoppen können. Und dass Fundamentalisten den Islam genauso wenig repräsentatieren wie der Ku-Klux-Klan das Christentum.