Fünf Menschen erzählen, wie sie das Jahr nach der Terrorattacke erlebt haben.

Vor einem Jahr, am 13. November 2015, verwandelten Islamisten eine Pariser Partynacht in Stunden voller Terror, Tod und Tränen: Drei Attentäter sprengten sich am Fußballstadion Stade de France in die Luft, während die französische und die deutsche Nationalmannschaft spielten. Weitere Terroristen schossen in Restaurants und Bars um sich und nahmen im Konzertsaal Bataclan Hunderte Geiseln. 130 Menschen starben. (bento)

Es war ein Anschlag auf die Sorglosigkeit, auf die Lebensfreude, auf die Jugend.

Kurz nach den Anschlägen sprach bento mit Menschen in Paris. Viele von ihnen wollten sich damals nicht unterkriegen lassen, weiter feiern gehen, das Leben genießen. Dem Terror keine Chance geben.

Ein Jahr nach den Anschlägen haben wir sie noch einmal angerufen und gefragt: Wie habt ihr das vergangene Jahr erlebt? Wie haben die Anschläge euren Alltag beeinflusst? Und wie hat sich das Leben in Paris verändert?

Caroline, 25, Paris

(Bild: Lydia B.)

Es fühlt sich immer noch an wie ein Albtraum. Wenn ich an die Anschläge denke, ist da ein Gefühl der Niedergeschlagenheit, die ganzen Bilder kommen zurück. Das wird niemals verschwinden. Trotzdem müssen wir weiterleben.

In den Wochen und Monaten nach den Anschlägen habe ich mich oft mit Freunden getroffen. Wir wollten zusammen sein, uns gegenseitig ermutigen. Ich war ständig unterwegs, im Kino, im Theater. Ich verbrachte viel Zeit damit, Neues auszuprobieren, neue Orte kennenzulernen. Ich wollte mein Leben noch mehr genießen als vorher. Aber ich stellte auch fest, dass ich in Bars oder bei Konzerten automatisch nach den Notausgängen suchte.

Und noch etwas hat sich verändert: Seit den Anschlägen verspüre ich einen stärkeren Drang, mich in der Gesellschaft zu engagieren. Das liegt nicht direkt an den Attentaten, sondern an dem, was danach kam. Ich sehe, dass Muslime seitdem noch mehr stigmatisiert werden – und das will ich nicht akzeptieren.

Was das Leben in Paris angeht: Man sieht keinen Unterschied, nach außen hat sich nichts verändert. Was sich verändert hat, ist die Mentalität, die Pariser sind vorsichtiger geworden, viele haben ähnliche Reflexe wie ich.

Wir dürfen die Angst aber nicht gewinnen lassen. Wir dürfen niemals aufhören, zu leben – denn genau das wollen die Terroristen.

Küsse für Paris – in der Fotostrecke siehst du, wie ein Künstler die Stadt heilen will:
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Joaquin, 26, wohnt inzwischen in Berlin

(Bild: Leo Karnatz)

Als ich noch in Paris wohnte, kam ich häufiger am Bataclan vorbei, es liegt ja mitten im 11. Arrondissement, dem Ausgehviertel. Das erinnerte mich jedes Mal an die Terroranschläge. Ein Student meiner Uni war an dem Abend dort, er kam ums Leben. Die Stimmung auf dem Campus war wochenlang gedrückt.

Ich war am 13. November im Stade de France, wo sich drei Selbstmordattentäter in die Luft sprengten. Ich bekam die Angst und Panik unmittelbar mit.

In den Tagen und Wochen danach bemerkte ich, dass ich die Menschen um mich herum genauer anschaute. Manchmal ertappte ich mich, wie ich jemanden mit dunklerer Haut oder Bart etwas länger musterte. Das fand ich erschreckend – und ich fürchtete, dieses Verhalten beizubehalten. Tatsächlich war es aber umgekehrt: Seit ich bewusst darauf achte, mache ich es sogar weniger als vor den Anschlägen.

So etwas kann immer und überall passieren.

In den Monaten nach den Attentaten waren in Paris Tausende Soldaten unterwegs. Wenn man überall Maschinengewehre sieht, ist die Angst noch präsenter. Tatsächlich hatte ich das Gefühl, dass die Soldaten nicht für mehr Sicherheit sorgen, sondern die Angst schüren. Es wirkte, als würde der Ausnahmezustand nie aufhören.

Auch jetzt, ein Jahr später, spreche ich mit Freunden immer wieder über die Anschläge, vor allem wenn es um Sicherheitspolitik geht. Gerade nach der US-Wahl ist das Thema relevant. Ich glaube, Donald Trumps Aussagen gegenüber Muslimen machen die USA wieder mehr zur Zielscheibe.

Ich glaube auch, dass sich das Bild verändert hat, das andere Länder von Frankreich haben. Viele haben den Eindruck, die militärische Präsenz Frankreichs im Nahen Osten rückt Europa mehr in den Fokus von Terroristen.

Ich selbst habe heute nicht mehr Angst vor Terror als vor den Anschlägen in Paris. So etwas kann immer und überall passieren, warum sollte ich mir Gedanken machen? Ich gehe weiterhin ganz normal aus, auch in Fußballstadien. Natürlich denke ich jedes Mal an die Attentate, aber ich habe keine Angst.

Mathilde, 26, Paris

(Bild: Mathilde)

Obwohl die Anschläge erst ein Jahr her sind, fühlen sie sich sehr weit weg an. Ich erinnere mich an dieses Gefühl des Terrors; da passiert etwas, was du nicht kontrollieren kannst. Seit vergangenem Jahr spüre ich eine grundsätzliche Verunsicherung. Die große Frage ist: Wird es aufhören?

Ich habe versucht, normal weiterzumachen, die Attentate ein Stück weit zu vergessen. Doch je mehr Zeit vergeht, desto mehr bemerke ich, dass die Anschläge meine Art zu leben verändert haben.

Ich meide bestimmte U-Bahnlinien zu bestimmten Uhrzeiten, manchmal bin ich unruhig, wenn ich im Zug sitze. Ich habe mit Freunden gesprochen, ihnen geht es ähnlich. In den Wochen vor Weihnachten werden die Einkaufzentren wieder voll sein. Ich werde nicht hingehen. Ich will nicht an einem Ort sein, der voller Menschen ist – und abgeschlossen. Vielleicht klingt das albern, aber ich habe Angst vor neuen Attentaten.

Nach dem Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo hatte ich diese Angst noch nicht; ich fühlte mich nicht bedroht, weil das Attentat ganz bestimmten Personen gegolten hatte. Aber die Anschläge im Bataclan und in den Bars, die richteten sich gegen Menschen wie du und ich. Das einzige Ziel war, so viele Menschen wie möglich zu töten.

Auch das Leben in Paris hat sich seit den Anschlägen verändert: Es kommen weniger Touristen. In den Museen, Restaurants und Bars sind weniger Menschen. Ich habe den Eindruck, dass die Pariser mehr zuhause bleiben – und vor allem, dass sie misstrauischer geworden sind. Wenn eine Frau mit Kopftuch in die Metro steigt, kommt es immer wieder vor, dass die anderen komisch gucken.

Am Wochenende zum Beispiel war ich in der U-Bahn, als eine alte Dame einstieg. Niemand stand auf, um ihr einen Platz anzubieten – außer einer verschleierten Frau. Die alte Dame schaute sie an mit einer Mischung aus Aggressivität und Überraschung. Mich machte das sehr traurig. Das ist Alltagsrassismus.

So sieht das 11. Pariser Arrondissement aus, in dem Terroristen am 13. November 2015 Dutzende Menschen töteten:
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Sylvia, 25, Paris

(Bild: Annie Seng)

Ich erinnere mich immer noch genauso klar an den Abend des 13. November wie eine Woche nach den Anschlägen. Ich erinnere mich an all die Anrufe von meinen Freunden und meiner Familie, das Warten auf Neuigkeiten, die Leere auf den Straßen am nächsten Morgen. Es fühlt sich an, als wären die Anschläge gerade erst passiert.

Die Wochen und Monate danach waren schwierig. Die ganze Stadt war betroffen, in den Restaurants und Bars war weniger los, die Menschen blieben zu Hause. Zwei, drei Monate später spürte man dann, wie das Leben in die Stadt zurückkehrte: Die Menschen fingen an, wieder auszugehen. Wir versuchten, die Attentate ein Stück weit zu verdrängen, weiterzumachen, nach vorne zu blicken.

Heute kommen weniger Touristen nach Paris, in der Stadt sind mehr Polizisten unterwegs, man sieht ständig Militärfahrzeuge. Trotzdem: Für uns Pariser hat sich Paris nicht verändert. Alle Orte, die von den Attentaten betroffen waren, sind wieder offen und voller Menschen.

Ich bin sicher, dass es wieder passieren wird.

Auch in meinem Alltag hat sich nicht viel verändert. Aber ich merke immer wieder, wie die Menschen in bestimmten Situationen anders reagieren: Wenn die U-Bahn mitten auf der Strecke anhält, war das früher nichts Besonderes. Heute werden die Menschen unruhig.

Solche Reflexe der Angst sehe ich im Alltag immer wieder. Wir versuchen, zu vergessen, aber es gibt immer wieder Momente, in denen wir denken: Was wenn es wieder passiert?

Nach diesen ganzen Attentaten werden Muslime noch mehr stigmatisiert, in Frankreich und auf der ganzen Welt. Man merkt das zum Beispiel in der Flüchtlingsfrage. Das sind Menschen, denen wir helfen, die wir aufnehmen müssen. Stattdessen haben viele Angst. Ich verstehe nicht, warum.

Caroline, 29, Paris

(Bild: Fanny Vambacas)

Ich versuche, nicht zu viel an die Attentate zu denken. Ich erinnere mich noch an den Stress und die Angst, nicht zu wissen, was genau da passiert. In den Wochen und Monaten danach versuchte ich, einfach normal weiterzumachen. Ich wollte nicht, dass sich in meinem Alltag etwas verändert. Ich wollte nicht, dass die Angst gewinnt.

Der Alltag hat uns abgelenkt.

Jeder Anschlag macht aufs Neue klar, wie unfair das alles ist. Und dass wir mit den Menschen um uns herum freundlicher umgehen und uns um alle kümmern müssen, niemanden ausgrenzen dürfen.

Mit meinen Freunden und meiner Familie spreche ich heute nicht mehr oft über die Attentate, der Alltag hat uns abgelenkt. Manchmal kommen die Erinnerungen aber wieder hoch, zum Beispiel, wenn es weitere Anschläge gibt. Und jetzt, nach Trumps Wahlsieg, mache ich mir Sorgen über die bevorstehenden Wahlen in Frankreich.


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