Bild: Boris Rössler/dpa
Für ihn ist es ein "Hobby".

Wer sich in Deutschland online über Abtreibungen informieren will, findet vieles – aber keine Informationen von Ärzten. Denn ihnen ist es verboten, auf Websites über Schwangerschaftsabbrüche zu informieren. Das gilt nach Paragraf 219a des Strafgesetzbuches als Werbung.

Seit ein paar Monaten wird in der Politik über eine Abschaffung dieses Paragrafen diskutiert. Ausgelöst wurde die Diskussion durch die Verurteilung der Gießener Ärztin Kristina Hänel, die auf ihrer Website über Schwangerschaftsabbrüche informierte.

Die Anzeigen gegen Arztpraxen wegen unerlaubter "Werbung" haben in den letzten Jahren zugenommen (Zeit Online). Nun hat eine Journalistin den Mann gefunden, der Kristina Hänel und andere Ärztinnen und Ärzte angezeigt hat – er schrieb 60 bis 70 Anzeigen in den vergangenen drei Jahren.

Im Interview erzählt "Markus Krause", der in Wirklichkeit anders heißt, ganz offen, wie er gezielt auf den Websites von Ärzten nach Informationen über Abtreibungen sucht – und diese dann online anzeigt. Ein "Hobby" sei das für ihn. (taz)

Beim Lesen wundert man sich, was dieser "Markus" wohl für ein Mensch ist. Doch vielleicht noch wichtiger:

Man kann einiges über die Debatte lernen, die gerade über den Paragrafen 219a geführt wird – vor allem darüber, was in dieser Debatte schief läuft.

1

"Markus" ist ein Mann.

Wer "Markus" genau ist, wissen wir nicht, in dem Interview möchte er anonym bleiben. Doch so viel gibt er preis: Er ist 27, studiert Mathematik und – ist ein Mann.

Gleich vorweg: Selbstverständlich können auch Männer sich zu Themen äußern, die Frauen betreffen. Zu einer gleichberechtigten Gesellschaft gehört auch, über alle Themen gemeinsam reden zu können. Und manchmal werden "Frauenthemen" sogar auch zu Männerthemen – da wir mit Männern zusammen leben, als Partner, als Freunde, als Arbeitskollegen.

Dennoch gibt es Themen, bei denen Männer niemals so unmittelbar betroffen sind wie Frauen. Eine ungewollte Schwangerschaft ist so ein Thema. Denn am Ende müssen Frauen Kinder austragen – mit allen Konsequenzen. 

Und trotzdem ist es jemand wie Jens Spahn, der sich lautstark zu 219a äußert – und dessen Aussagen gehört werden (bento). Ausgerechnet Spahn, der sich schon in der Vergangenheit nicht gerade durch Verständnis für Frauen in Notsituationen ("Die Pille danach sind keine Smarties") hervorgetan hat.

Das Gefühl, ein Kind im Bauch zu haben, das man nicht bekommen kann oder will, wird kein Mann der Welt jemals ganz nachvollziehen können. Selbst, wenn er noch so einfühlsam ist – selbst, wenn er noch so viele Gespräche mit Frauen in einer solchen Situation geführt hat.

Achso – about that…

2

"Markus" hat noch nie mit einer Frau geredet, die ungewollt schwanger wurde.

Wenn es sich ergeben würde, würde er es durchaus mal machen, sagt er. Wie großzügig.

Ein Irrsinn – dieser Mann verbringt einen beträchtlichen Teil seiner Zeit damit, sich für eine Sache einzusetzen, aber hat noch nicht ein einziges Gespräch mit denen geführt, die sein "Einsatz" direkt betrifft

Doch nicht nur mit ihnen redet "Markus" nicht:

Ich mache das für mich. Ich bin nicht in irgendwelchen Vereinen, Initiativen tätig. Ich mache das ganz für mich alleine, also da weiß niemand etwas von.
"Markus"

Wenn er Zeit hat, meistens am Wochenende, setze er sich in sein Arbeitszimmer und google nach Ärzten, die er anzeigen kann, erzählt "Markus" weiter. Seinen Namen nennt er aus Angst vor "gewaltbereiten linken Abtreibungsbefürwortern" nicht, wie er sagt. 

Für ihn ist sein Alleingang natürlich bequem – niemand kann ihm widersprechen. Genau so bequem ist es für einen Politiker, im Bundestag über Recht und Unrecht von Abtreibung zu dozieren. Während diejenigen, die schon einmal vor einer solchen Entscheidung standen, dort oft nicht gehört werden.

3

"Markus" macht anderen Leuten das Leben schwer. Ein veraltetes Gesetz erlaubt es ihm.

Im Interview merkt man: "Markus" klebt an den Buchstaben des Gesetzes, er kennt die entsprechenden Urteile. Doch was er mit seinen Handlungen tatsächlich bewirkt, das weiß er offenbar nicht. Er denkt nicht an die Frauen, die sich in einer Notlage befinden und online keine Hilfe finden, oder an die Ärztinnen, die nicht helfen dürfen. Er sieht sich im Recht, weil er sich an das Recht hält.

Das alles ist nur möglich, weil auch Politiker krampfhaft an diesem Gesetz festhalten. Weil es irgendwann einmal aus (durchaus richtigen) Gründen beschlossen wurde – aber nicht, weil es in der Realität das Richtige bewirkt. Denn auch heute will niemand geschmacklose Werbekampagnen für extra-billige und extra-schnelle Abtreibungen. Aber jeden Tag nehmen Ärzte Abtreibungen vor. Und jeden Tag werden Frauen schwanger – und suchen dort nach Informationen, wo sie auch sonst nach Informationen suchen: im Internet.

Das Werbeverbot für Abtreibungen hat seine Anfänge in der Nazizeit, den Paragraf 219a in seiner heutigen Form gibt es seit 1974 (Deutscher Bundestag). Er stammt also aus einer Zeit, in der es das Internet noch nicht gab. Sich auf diese Regelung zu versteifen, und sie weiterhin durchzusetzen, bloß, weil sie irgendjemand irgendwann einmal so beschlossen hat, ist idiotisch.

4

"Markus" versucht, wissenschaftlich zu argumentieren – und scheitert.

"Markus" ist sich vollkommen sicher, dass der Paragraf 219a richtig ist – weil er völlig sicher ist, dass Abtreibung falsch ist. "Markus" sieht das so, weil er findet, dass alles Leben schützenswert sei – und dass das menschliche Leben bei der Befruchtung beginne. Im Interview sagt er weiter:

"Es gibt ja auch zum Beispiel Fälle, dass sich die befruchtete Eizelle statt in der Gebärmutter in den Eierstöcken einnistet. Die Eizelle ist zu diesem Zeitpunkt befruchtet, ist also bereits als Mensch anzusehen und nach Möglichkeit zu schützen."

Wovon "Markus" hier redet, ist eine Eileiterschwangerschaft. Eine Eizelle, die sich in einem Eierstock einnistet, kann sich nicht zu einem Menschen entwickeln, sie wird absterben oder muss operativ entfernt werden. Wird eine Eileiterschwangerschaft zu spät erkannt, kann es zu inneren Blutungen kommen. Das, was "Markus" hier schützen will, kann also das Leben der Frau bedrohen.

Das zeigt: Selbst seine scheinbar objektive, weil "wissenschaftliche", Argumentation ist nicht so wasserdicht, wie er es gerne hätte. Solche Argumente finden wir auch in der öffentlichen Debatte immer wieder. Sowohl Abtreibungsgegner als auch -befürworter argumentieren biologisch. Doch auch die biologischen Fakten können unterschiedliche interpretiert werden. Wer tut, als sei das nicht so, drückt sich vor einer Debatte auf moralischer Ebene.

Und jetzt?

Momentan ist noch unklar, wie es mit dem Paragrafen 219a weitergeht. Justizministerin Katarina Barley (SPD) arbeitet an einem neuen Gesetz. Es soll Fälle wie den von Kristina Hänel unmöglich machen.

Klar ist: Es muss eine neue Regelung geben. 

Und die Debatte darüber muss offen stattfinden, sie muss von denen dominiert werden, die das Thema wirklich angeht: Frauen. Nicht von Männern wie "Markus".


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