Wir haben sie gefragt, was sie mit ihrer Aktion erreichen wollen.

Heute schon abgetrieben? Nein? Aber der Fötus im Bauch zwickt doch gerade so unangenehm! Zum Glück gibt's da dieses neue Mittel. Einmal einnehmen, zack, und: "Da weiß man, was man nicht mehr hat!"

Klingt makaber? Soll es auch. Der Werbespruch – geklaut von einer bekannten Waschmittelmarke – geistert seit Kurzem durch Instagram. Er zeigt, wie es aussähe, wenn in Deutschland für Abtreibungen genauso geworben werden dürfte wie für Zahnpasta, Schokoriegel oder Turnschuhe:

Dahinter steckt ein ernstes Anliegen. Ärztinnen und Ärzte dürfen in Deutschland nicht uneingeschränkt über Schwangerschaftsabbrüche informieren. Das regelt der umstrittene Paragraf 219a – er verbietet, für Abtreibungen zu "werben". Kritikerinnen sagen: Das "Werbeverbot" sei in Wirklichkeit ein Informationsverbot und hindere so Arztpraxen, seriöse Informationen bereitzustellen. Frauen in Notsituationen würden so mit ihren Sorgen alleingelassen.

Die Initiative "Oh You Women" aus Berlin will nun auf die Schieflage aufmerksam machen – indem sie tatsächlich für Abtreibungen "wirbt".

Hinter der Initiative stecken drei junge Mütter aus Berlin: Nadine, Julia und Alex. "Wir haben uns regelmäßig zum Stammtisch getroffen", sagt Alex zu bento, "und irgendwann gemerkt, dass unsere Gespräche immer politischer wurden." Also gründeten sie vor knapp einem Jahr "Oh You Women", um das Reden zur Aktion zu machen. 

Aus dem Dreier-Stammtisch wurde die Reihe "Table Talks", lockere Gesprächsrunden über Gleichberechtigung, Equal Pay oder auch weibliche Führungskräfte. Mittlerweile kommen bis zu 80 Interessierte zu den Treffen, Frauen wie Männer, sagt Alex. Und mittlerweile reicht Reden manchmal eben nicht. Mit Aktionen wie den Werbeanzeigen für Abtreibungen will die Initiative daher andere zum Nachdenken anregen. 

Also haben sie bekannte Werbebotschaften "gefaket". So, dass sie möglichst fies und aufrüttelnd zum Thema Schwangerschaftsabbruch passen.

Das sind die Motive der Kampagne zum "Werbeverbot" von Paragraf 219a:

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Wir haben Alex gefragt, was die Kampagne soll – und wen sie damit erreichen wollen.

Alex, ihr werbt gerade für Abtreibungen mit Sprüchen wie 'Einmal hin, nix mehr drin'. Warum so drastisch?

"Weil manchmal nur drastische Bilder weiterhelfen. Der Paragraf 219a macht es Frauen ohne vernünftigen Grund schwer, sich neutral über Schwangerschaftsabbrüche zu informieren. Ärztinnen und Ärzte, die trotzdem Informationen anbieten, werden abgestraft. Also wollen wir eine neue Kontroverse über 219a anstoßen – und tun das, indem wir das Hauptargument der Abtreibungsgegner einmal für bare Münze nehmen. 

„Wenn Abtreibungsgegner sagen, Information sei Werbung, dann zeigen wir halt, wie abstoßend Werbung für Abtreibungen tatsächlich aussehen würde.“

Wir halten dem Gegner den Spiegel vor."

Aber verhelft ihr dadurch nicht dem Argument der Abtreibungsgegner erst zu echter Aufmerksamkeit?

"Im Gegenteil. Wir glauben, jetzt wird erst richtig sichtbar, wie absurd der Vorwurf ist, Ärzte oder Kliniken würden für Abtreibungen 'werben'."

Nun gibt es ja aber nicht nur Werbung im Marktschreier-Stil. Oft kann auch nüchtern oder subtil geworben werden. 

"Klar, Werbung hat viele Gesichter. Aber gerade Ärztinnen und Ärzten geht es in ihrer Arbeit ja nicht um das Werben für eine bestimmte Handlung oder gar ein bestimmtes Anliegen, sondern erst mal ums Patientenwohl. Was man übrigens von vielen Beratungsstellen nicht behaupten kann."

Warum überhaupt Abtreibungen sichtbar machen? 

"Frauen, die über einen Abbruch nachdenken, müssen wissen, wo sie hingehen können und was sie dort erwartet. Sie dürfen in ihrer Verzweiflung nicht allein bleiben, sondern brauchen Ärztinnen und Ärzte, denen sie vertrauen können.

„Nur eine entscheidet über ihren Körper: Die Frau selbst.“

Entsprechend sollte die Politik keine Hürden einbauen, die es ihnen schwer macht, an sachlich-medizinische Informationen ranzukommen."

Anfang des Jahres hat die Regierung genau das schon getan und die Rechtslage gelockert. Es gibt eine Liste mit Praxen, die Abtreibungen vornehmen.

"Die Lockerung finde ich gut. Sie ist aber letztlich ein Herumdoktern an Symptomen. Der bevormundende Grundton des Paragrafen 219a erinnert mich an längst vergangene Zeiten, in denen alles weibliche Denken unterbunden wurde. Es ist traurig, dass wir heute noch an diesem muffigen Relikt herumschrauben, statt es endlich komplett abzuschaffen."

An wen richtet sich eure Anti-Werbung? Hofft ihr, Gesundheitsminister Jens Spahn oder Familienministerin Franziska Giffey bekommen sie in die Timeline gespült?

"Im besten Fall ja. Vor allem aber wollen wir damit zeigen, dass es – bis zur zwölfen Woche – jeder Frau selbst überlassen sein sollte, über ihre Schwangerschaft zu entscheiden. Die Werbemotive unserer Kampagne sollen die Diskussion lebendig halten und die Politik weiterhin unter Druck setzen."


Gerechtigkeit

Angry Black Woman? Wie ich meine Wut besiegte – und meine Schönheit als schwarze Frau erkannte

"Weiß wie Schnee" ist Schneewittchens Haut,  "fein wie gesponnen Gold" ist Rapunzels Haar. So schreiben es die Gebrüder Grimm. Meine Lieblingsprinzessin war immer Cinderella in der Disney-Version: Süß und brav. Und hellbeige mit gelben Haaren.

Cinderella gab mir vor wie Schönheit aussah – anders als ich. Denn ich war ein kleines Mädchen mit dunkler Haut, krausem Haar und Pausbacken.

Mein Anderssein begann im Kindergarten. Meine Kindheit verbrachte ich im bürgerlichen Münsterland, als schwarzes Mädchen unter Weißen, mit liebevollen Eltern und vielen Freunden. Und ich verstand einfach nicht, warum ich mich so anders fühlte. Warum sehe ich nicht aus wie Lisa und Anna?, fragte ich mich, während meine Mutter mir neugierige, weiße Kinder immer wieder durch die Locken fuhren.