Bild: Getty Images/Franco Origlia
Erst ein 2300 Seiten dicker Bericht konnte ihn zum Umdenken bewegen.

Papst Franziskus hat eingeräumt, dass er bei der Beurteilung eines Missbrauchfalls in Chile "schwere Irrtümer" begangen hat. "Jene, die ich verletzt habe, bitte ich um Verzeihung", schrieb er am Mittwoch in einem Brief an die chilenischen Bischöfe.

Was ist passiert?
  • Im Januar reiste der Papst nach Chile, wo er von einer demonstrierenden Bevölkerung erwartet wurde. Die Menschen protestierten gegen den Bischof der chilenischen Diözese Osorno, Juan Barros Madrid
  • Barros soll von sexuellen Übergriffen des Pfarrers und Priesterausbilders Fernando Karadima aus den achtziger Jahren gewusst und diese gedeckt haben. 
  • Schon nach Barros' Ernennung im März 2015 hatte es Proteste gegeben. Der Papst hatte ihn aber bei seiner Reise nach Chile im vergangenen Januar in Schutz genommen: Er sagte, es würden keine Beweise dafür vorliegen, dass Barros tatsächlich von den Übergriffen von Karadima wusste und sprach von "Verleumdung". 
  • Kurz nach seiner Rückkehr entschuldigte der Papst sich für seine Äußerung. "Wenn der Papst sagt, bringe mir einen Brief mit dem Beweis, ist das eine Ohrfeige", sagte er Journalisten auf seiner Rückreise aus Lateinamerika. Es fügte hinzu, es wäre besser gewesen, von "Indizien" zu sprechen. (Deutsche Welle)
In der Hauptstadt Santiago protestieren Chilenen mit Plakaten gegen Juan Barros(Bild: imago/Osvaldo Villarroel)
Wie viel wusste der Papst wirklich?

Das ist unklar. Eines der Missbrauchsopfer von Fernando Karadima, Juan Carlos Cruz Chellew, hatte Papst Franziskus im März 2015 einen Brief geschrieben und ihm die Namen der Priester genannt, die von den Übergriffen durch Karadima wussten, oder sogar bei den Taten anwesend waren – darunter auch Juan Barros. (SPIEGEL ONLINE)

Nicht ganz klar ist allerdings, ob Papst Franziskus den Brief wirklich erhalten hat. Ein ehemaliges Mitglied der Kommission zum Schutz von Minderjährigen – die 2014 durch Franziskus erst ins Leben gerufen wurde –, Marie Collins, soll den Brief persönlich an den Leiter der Päpstlichen Kinderschutzkommission weitergegeben haben, nämlich den Bostoner Kardinal Sean O'Malley. Dieser hat bekräftigt, dem Papst den Brief übergeben zu haben. Nach Einschätzung von SPIEGEL ONLINE ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass der Papst also noch 2015 über den Inhalt des Briefes informiert wurde. 

Wieso hat der Papst seine Meinung über Juan Barros öffentlich nun doch geändert?

Nach seiner Rückkehr aus Chile hatte der Papst den maltesischen Erzbischof Charles Scicluna gebeten, in der Sache zu ermitteln. Er sollte nach Lateinamerika reisen und mit den Opfern des Missbrauchs und den Zeugen reden. Scicluna kam wieder mit 64 Zeugenaussagen und einem Bericht, der 2300 Seiten umfasste. (DW)

In seinem Brief an die chilenischen Bischöfe schreibt Franziskus, dass die Ermittler erschüttert gewesen seien von den Aussagen der Betroffenen. Die Zeugenaussagen halte er für glaubwürdig. "Nach der Lektüre der Akten kann ich versichern, dass die gesammelten Zeugnisse auf rohe und ungeschönte Weise von gepeinigten Leben erzählen", schrieb er und fügte noch hinzu: 

Ich gestehe, dass mich das mit Schmerz und Scham erfüllt.
Papst Franziskus
Wie geht es jetzt weiter?

Das ist noch unklar. Papst Franziskus hat nun erst einmal die chilenischen Bischöfe nach Rom eingeladen, um dort mit ihnen die Ergebnisse von Sciclunas Untersuchung zu besprechen. Juan Barros ist immer noch im Amt.

Auch Juan Carlos Cruz Chellew, der im Jahr 2015 den Brief an Franziskus geschrieben hatte, erklärte in einem Tweet, dass er vom Papst in den Vatikan eingeladen wurde. 

Ob die Ermittlungen und neuen Erkenntnisse für Juan Barros Konsequenzen haben werden, ist noch unklar. Dass der Papst sich aber in dem Fall entschuldigt und Reue zeugt, ist ein wichtiges – und längst überfälliges – Zeichen der katholischen Kirche. 

Mit Material von dpa.


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