Bild: Privat
Deshalb freuen wir uns auf das 2019 mit dem Mann, der bei Deliveroo einen Betriebsrat gründete.

Pizza, Sushi, das geile Steak vom Restaurant im Nachbarviertel: Dank Lieferdiensten wie Foodora oder Lieferando gibt es inzwischen jedes Essen zu jeder Zeit. Mit ihrem grenzenlosen Angebot und ihrer ständigen Verfügbarkeit stehen solche Unternehmen in gewisser Weise für eine Generation, die theoretisch alles haben kann und will. Doch sie stehen auch für ein anderes Merkmal unserer Zeit: schlechte Arbeitsbedingungen, befristete Verträge, niedrige Löhne. 

Die Leute, die sich für unsere Poke-Bowl auf dem Fahrrad einen abstrampeln, verdienen oft sehr wenig und können ihre Zukunft kaum planen, weil sie sich von einem Kurzzeitvertrag zum nächsten hangeln. Das wollen die Fahrerinnen und Fahrer nicht mehr hinnehmen. Einer ihrer Vorkämpfer: der 26-jährige Orry Mittenmayer aus Marburg.

Mittenmayer startete gemeinsam mit seinen Kolleginnen und Kollegen im Sommer 2017 bei Deliveroo den Aufstand. Es sollte endlich einen Betriebsrat geben, der sich für die Rechte der Fahrerinnen und Fahrer einsetzt. Ihr Slogan: Liefern am Limit. Denn so wie bisher konnte es ihrer Meinung nach nicht weitergehen. Doch das Unternehmen wehrte sich. Die Gründung des Betriebsrats war zäh und schwierig. Im Februar 2018 war es trotz aller Hürden vollbracht – doch schon wenige Monate später musste sich der Betriebsrat wieder auflösen, denn Deliveroo hatte die befristeten Verträge aller Beteiligten nach und nach auslaufen lassen. 

Als letzter musste Orry gehen.

Wir gedenken heute dem Recht auf innerbetriebliche Mitbestimmung, die den Kolleg*Innen von Deliveroo bis auf weiteres...

Posted by Liefern am Limit on Wednesday, May 9, 2018

Nun kämpft Orry vor Gericht um seinen Arbeitsvertrag. Doch er tut es nicht nur für sich: Er möchte einen Präzedenzfall durchfechten, der allen Menschen in ähnlichen Lagen mehr Rechte und Sicherheit gibt. 

Wir haben mit ihm über sein turbulentes Jahr und seine Wünsche für das kommende gesprochen.

Was war 2018 dein größter Erfolg?

Für mich persönlich war das Beste, dass wir es als Fahrer von Deliveroo und Foodora geschafft haben, uns zu einer riesigen Gruppe zu vereinen und gemeinsam gegen diese Unternehmen anzugehen – und sogar Erfolg hatten. Wir haben große Demos organisiert, an denen sich ganz unterschiedliche Fraktionen beteiligt haben, von der "Aktion gegen Arbeitsunrecht" bis zur Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Obwohl viele der Beteiligten ganz unterschiedliche Ausrichtungen haben, haben sie sich hinter unserer Sache vereint. Und natürlich war es dann ein riesiger Erfolg, am Ende tatsächlich einen Betriebsrat gründen zu können.

Was waren dabei deine größten Herausforderungen und wie hast du sie überwunden?

Zunächst war es die größte Herausforderung, überhaupt Menschen für unsere Sache zu begeistern. Auch nach einer Acht-Stunden-Schicht im Regen sind wir abends noch losgezogen und haben versucht, Leute für unser Anliegen zu motivieren.

Die nächste Herausforderung war dann die Betriebsratszeit selbst. Ab dem Zeitpunkt, zu dem wir einen gründen wollten, ist Deliveroo gegen uns vorgegangen – indem sie beispielsweise die befristeten Verträge auslaufen ließen und Angestelltenverhältnisse in Freelancer-Verhältnisse umwandelten. 

Außerdem haben wir schnell festgestellt, dass es für die Plattformökonomien, zu der die Lieferdienste gehören, nicht wirklich rechtliche Begriffe gibt, an denen wir uns orientieren konnten. Zum Beispiel: Was ist bei Deliveroo überhaupt "der Betrieb"? Sind das nur die Zentralen in London und Berlin oder das gesamte Liefergebiet mit allen darin Beschäftigten? All dieses Wissen mussten wir uns als Laien innerhalb von wenigen Wochen aneignen, ohne Unterstützung durch das Unternehmen. 

Was bedeutet Plattformökonomie?

Unter den Begriff fallen unternehmen wie Airbnb, Uber oder eben auch Lieferdienste die Deliveroo. Das Prinzip dabei: Die Unternehmen stellen selbst keine Waren her, sondern bieten lediglich die Plattform für Vermieter, Taxifahrer oder Restaurants, die durch ihre Teilnahme an dem System Zugang zu mehr Kunden haben. 

Wir haben es gemeistert, indem wir mein WG-Zimmer zum Betriebsratsbüro umfunktioniert haben. Dort haben wir oft mehrere Tage am Stück durchgepaukt, haben versucht, Gesetzestexte zu verstehen und dafür unser Sozialleben aufgegeben. Manchmal sind wir dabei richtig aneinander geraten, dann musste man immer kurz raus, zusammen ein Bier trinken und sich wieder vertragen. Letztendlich sind wir in dieser Zeit wie eine Familie geworden.

Was ist dein Wunsch für 2019?

Ich wünsche mir, dass es keine befristeten Verträge mehr gibt. Aus mehreren Gründen. 

Erstens: Befristete Verträge – vor allem die ohne Sachgrund – sind ein bequemes Mittel für Arbeitgeber, unliebsame Elemente aus dem Unternehmen zu entfernen. Damit werden Arbeitnehmer dazu gebracht, Leistungen zu erbringen, die unter normalen Umständen nicht vertretbar wären. Zum Beispiel: Eigentlich sollte es normal sein, dass man mit einer Lungenentzündung zu Hause bleibt und sich auskuriert. Wenn man aber einen befristeten Vertrag hat und gleichzeitig auch noch sehr wenig Geld verdient, überlegt man es sich zwei mal, ob man wirklich zum Arzt geht und damit riskiert, dass eventuell vier Monate später der Vertrag nicht verlängert wird. 

Zweitens: Kein Mensch kann auf diese Art ein menschenwürdiges Leben führen. Wie will man beispielsweise jemals einen Urlaub planen, wenn man weiß: Alle sechs Monate wird der Vertrag verlängert – oder eben nicht. Das kann mental sehr belastend sein.

Was brauchst du, um dein Ziel zu erreichen?

Wir brauchen weiterhin die Unterstützung der Öffentlichkeit. Also einerseits durch Berichterstattung, aber auch durch die Solidarität der Kunden. Die sollen ja nicht aufhören, bei den Lieferdiensten zu bestellen. Es ist keine Lösung, die Firmen zu zerstören, denn wenn eines kaputt geht, übernimmt einfach ein anderes. Im schlimmsten Fall hat das jeweilige Unternehmen dann auch noch aus dem Fall gelernt und führt die Ausbeutung der Mitarbeiter mit mehr rechtlicher Absicherung durch. 

Statt Boykott also lieber Solidarität mit den Beschäftigten.

19 für 2019

Sie helfen Menschen in Not, retten Bäume für das Klima, kämpfen für faire Löhne, engagieren sich gegen Rechts, streiten für Gerechtigkeit und sind ganz einfach Vorbilder: Wir stellen 19 junge Menschen vor, die uns 2018 inspiriert haben – und von denen wir 2019 noch viel hören werden. Hier geht es zur Übersicht


Gerechtigkeit

19 für 2019: Sara Nuru hilft Frauen in Äthiopien
Deshalb freuen wir uns auf 2019 mit der Gründerin von nuruCoffee.

2009 gewann Sara Nuru die vierte Staffel von Germany's Next Topmodel. Heute ist die 29-Jährige mehr als nur Topmodel: Sie ist Botschafterin der deutschen NGO "Menschen für Menschen", sie unterstützt Hilfsprojekte in Äthiopien, sie macht sich für einen bewussteren Umgang mit der Umwelt stark. 

Gemeinsam mit ihrer Schwester Sali gründete sie 2016 das Unternehmen nuruCoffee und verkauft fair gehandelten Kaffee aus ihrer Heimat Äthiopien. Mit den Erlösen unterstützt sie Frauen vor Ort. Dieses Jahr konnten die ersten Projekte angestoßen werden.

Wir haben mit Sara über 2018 geredet und darüber, was sie sich für das kommende Jahr vorgenommen hat.