Sein erstes Büro war eine Abstellkammer

Onur Özata hat erst seit einem Jahr seine Zulassung, als er Terroristin Beate Zschäpe im Gerichtssaal gegenübersitzt. 
Der NSU-Prozess ist ein Mammut-Verfahren: 438 Prozesstage, über 60 renommierte Anwälte aus ganz Deutschland – und Özata ist dabei.

Vor ihm liegen Papier und ein Stift. Er soll Notizen machen, vertritt an einigen Tagen den Anwalt eines Opfers des Bomben-Attentats an der Keupstrasse. "Dort zu sitzen und mitzuwirken, war unheimlich beeindruckend, gerade als Türkischstämmiger", erinnert er sich.

Özatas Büro liegt damals in einem Hinterzimmer in Berlin Wilmersdorf. Eine Abstellkammer in der Kanzlei des Vaters eines Freundes. Özata darf sich im Raum voller Akten zwei Regalreihen freiräumen. Sein Name steht nicht einmal auf dem Türschild. Die bisherigen Mandanten sind Familie und Freunde. Es geht um Scheidungen, Verkehrsdelikte, Drogen. "Wald und Wiese", nennt er das.

Heute nimmt Onur Özata auf einem Ledersofa in der Ecke seiner Kanzlei in einer geräumigen Altbauwohnung in Schöneberg Platz.

Er ist mittlerweile einer der wichtigsten Opferanwälte rassistischer Gewalt in Deutschland. Özatas ist 35, wirkt aber jünger, trägt Anzug und eine Hornbrille. Seine Worte wählt er mit Bedacht. Die Liste seiner Fälle liest sich beeindruckend:

Der NSU-Prozess, der Prozess gegen Oskar Gröning, den Buchhalter von Auschwitz, und gegen SS-Wachmann Reinhold Hanning, gegen den ausländerfeindlichen Mörder Rolf Z., und gegen den Waffenhändler des Attentäters im Münchner Einkaufszentrum OEZ.

Alte Nazis, neue Nazis, das habe sich so ergeben, sagt Özata.

Er kommt aus Berlin Wilmersdorf, wuchs in einem Akademikerhaushalt auf. Anwalt zu werden war eine pragmatische Entscheidung. "Meiner Familie war es wichtig, dass ich etwas Bodenständiges mache."

Politisiert wurde er erst später: 2011. Da lief Anders Breivik Amok und der NSU flog auf. Özata war damals Referendar, seine Kommilitonen sprachen von einem Einzelfall. Özata sah das anders. Er fühlte, dass die Stimmung in Deutschland kippte.

Özata lernte den Anwalt Mehmet Daimagüler kennen, der holte ihn in die Kanzlei nach Schöneberg und legte ihm seinen ersten Fall auf den Tisch:

Burak Bektas, erschossen. Zehn Leitz-Ordner hatte die Staatsanwaltschaft per Kurier geliefert. Der Stand der Ermittlungen: seit 2012 ergebnislos. Ein rechtsextremer Hintergrund wurde vermutet. Kein Verdächtiger, kein Prozess. Das war viel Verantwortung für Özata, der die Eltern vertreten sollte.

Dass der Verdächtige tatsächlich ein Nazi sein könnte, entdeckte Onur Özata in einem kleinen Verweis am Rande einer Akte.

Die Polizei hatte Hinweise aus der Bevölkerung bekommen, zunächst nahm sie niemand ernst. Doch ein Sexkino-Betreiber hatte zu Protokoll gegeben: Ein Typ namens Rolf Z. habe von einer Schrotflinte erzählt und einem "jungen Kanaken", den man"abgeknallt habe", was doch "gut" sei.

Genau dieser Rolf Z. war auch seit Monaten in den Medien, weil er einen jungen Engländer ermordet hatte. Auch da vermuteten die Ermittlerinnen und Ermittler ein rassistisches Motiv. Auch da war eine Schrotflinte im Spiel. "Die Vorgehensweise war fast identisch."

Özata verfolgte die Spur.

Und vertrat auch die Eltern in diesem zweiten Mordfall des getöteten britischen Studenten Luke Holland.

Özatas Ziel: Beweisen, dass Rolf Z. nicht nur ein Mörder, sondern ein Rassist ist. Der Prozess kostete viel Energie, die Verteidigung verhielt sich aggressiv. Zwei junge Anwälte, die wie Özata ihren ersten Schwurgerichtsprozess bestritten, saßen ihm gegenüber. "Das war ein Kampf."

Rolf Z. besaß eine Hitlerbüste, hatte sich mehrfach rassistisch geäußert, sich darüber beschwert, dass in Neukölln die Eckkneipen von Shishabars und Wettbüros verdrängt würden.

Özata lernte, dass junge Anwälte es nicht immer leicht haben. Vor allem, wenn sie Behörden unterstellen, Rassismus zu übersehen. Vor allem, wenn sie einen Migrationshintergrund haben.

Nebenklage-Anwalt zu sein, bedeutet, im Gerichtssaal für die Opfer zu sprechen, gut vorbereitet zu sein. Özata liest Ermittlungsakten mit Zeugenvernehmungen, Vermerke, Beweise, Gutachten, Tatort-Fotos. Was haben Polizeibeamte herausgefunden, was übersehen?

Özata schrieb in sein erstes Plädoyer:

Nach Würdigung aller Beweise, ist eines nicht mehr von der Hand zu weisen: Der Angeklagte ist ein Rassist.
Plädoyer im Fall Rolf Z.

Er führte geduldig aus, warum eine Hitlerbüste dafür durchaus ein gutes Indiz sei. Weil es natürlich Rassismus ohne Nationalsozialismus gebe, aber nicht umgekehrt. Rolf Z. wurde verurteilt, ohne Hinweis auf ein rechtes Motiv. Auch die Verbindung zum anderen Fall, dem jungen Burak Bektas, konnte Özata letztlich nicht beweisen.

Es war Özatas erste Niederlage gegen die staatliche Definition von Rassismus.

Stellt man Özata eine Frage, schweigt er erst einmal. Als will er sich seiner Worte erst ganz sicher sein. Dann antwortet er oft nur mit einem Satz.

Würde er auch einen Nazi verteidigen?

"Ich würde nicht ablehnen, aber wäre nicht der Richtige dafür."

Wie empfindet er seine Rolle im Gerichtssaal?

"Meine Aufgabe ist es, den Schmerz der Opfer zu artikulieren."

Özata schläft heute nicht mehr viel. Tagsüber widerspricht er noch Bußgeldbescheiden und Durchsuchungsbeschlüssen wegen Drogenbesitzes. Er verhandelt Verkehrsvergehen und Unfälle. Alles, um die Miete zu zahlen. Danach wälzt er die Akten der anderen Fälle. Manchmal bis 2 Uhr nachts.

"Jedes dieser Verfahren beschäftigt mich auch heute immer noch." Manchmal, wenn er nicht abschalten kann, zieht er seine Turnschuhe an und läuft. 25 Kilometer. Dann ist der Kopf frei.

Özata sitzt bei den Müttern erschossener Söhne auf dem Sofa und hört zu. Auch wenn sich Angehörige ständig wiederholen und die Geschichten für den Prozess gar nicht wichtig sind.

Das ist nicht einfach. Die haben so einen riesigen Schmerz, große Fragen und du sollst der Retter sein.

Dann fährt er nach Hause und gießt das Leid in eine "gerichtsrelevante" Form. Er entwickelt Fragenkataloge an die Staatsanwaltschaft, schreibt Beweisanträge und bereitet Zeugenbefragungen vor. Verfasst ein nüchternes oder aggressives Plädoyer. Und er sorgt dafür, dass im Gerichtssaal über Rassismus gesprochen wird.

Oft folgt das Gericht seiner Argumentation nicht, wie bei Rolf Z., "weil es als Kritik aufgefasst wird: Auch an diesem Land und der deutschen Identität". In einem Interview sagte Özata einmal, das rechte Auge deutscher Behören sei vielleicht nicht blind, aber trübe. (taz)

Oft sei das auch eine Geldfrage. "Wir schauen zu sehr auf die Kosten bei Strafprozessen. Man kriegt das Gefühl: Die wollen nicht so restlos aufklären, weil das Geld kostet". Dabei gehe es vielen Opfern, Hinterbliebenen und Angehörigen im Prozess vor allem darum, nicht um Geld, Kompensation oder Strafe.

Manchmal ist Özata auch Vertreter der Menschlichkeit im bürokratischen Gerichtssaal.

Wie im Auschwitzverfahren in Detmold. Dort vertrat er zwei Holocaust-Überlebende. Im Gerichtssaal wurden schwarz-weiße Bewegtbilder der roten Armee gezeigt. "Total bedrückend." Das Gericht wollte danach das Verfahren fortsetzen. Özata beantragte eine Unterbrechung, einen Moment zum Nachdenken für alle Anwesenden. "Das wollten die nicht. Total krass." Man müsse das Programm schaffen, habe es geheißen.

Im Verfahren um den Münchner Amokläufer durfte Özata plädieren. Er war wütend. Auch hier stand Rassismus im Raum. "Neun Mordopfer, so viele Hinterbliebene. Und das Gericht behandelt das wie einen Verkehrsunfall." Özata entschied sich für eine drastische Geste.

In seinem Plädoyer zählte er, ruhig aber bestimmt, alle Namen der Opfer auf – und mit wie vielen Kugeln sie erschossen wurden.

Während Özata las, fingen Angehörige an zu weinen, sie verließen den Gerichtssaal, sie knallten Türen und schlugen gegen die Wände, erinnert er sich heute.

Özata fürchtete, zu weit gegangen zu sein. Dass sein Plädoyer als Effekthascherei gewertet würde. Dabei wollte er die Brutalität und den Vernichtungswillen des Täters zeigen. "Das kam viel zu kurz im Verfahren. Stattdessen wurde so viel über verkaufte Waffen und über das Darknet gesprochen."

Die Schriftstellerin Hannah Arendt beschrieb den Prozess gegen den SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann mal als Ausdruck der "Banalität des Bösen". Der Massenmord wurde in Zahlenkolonnen erfasst, die banalen Details in einem teuren und aufwendigen Prozess aufgearbeitet.

Auch für Özata fühlen sich Prozesse so an. In der nüchternen Bürokratie der Strafprozesse ist er ein Störfaktor. "Die Opfer sind eben keine Nummern, Zahlen und Beweisanträge".

Hinweis: Onur Özata war am Verfahren gegen den Waffenhändler des Attentata am OEZ beteiligt, nicht am Verfahren gegen den Attentäter, wir haben das korrigiert.

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