Bild: Imago

Als ich Oma Lotte in einem kleinen Hamburger Café treffe, bin ich über eine halbe Stunde zu spät. Technikprobleme mit dem elektronischen Kalender, dies das. In einem Taxi muss ich peinlich berührt zu ihr brettern. Mit stahlgrauen Haaren, einem akkurat geführten Papier-Kalender und einer bronzefarbenen Steampunk-Sonnenbrille wartet Lotte auf der Sonnenterrasse auf mich. 

Sie schaut mich durchdringend an und sagt nur: „In meiner Generation wäre das eine Frechheit.“ Recht hat sie. Und sie erinnert mich gleich daran, dass mit Omas nicht zu spaßen ist. Besonders nicht mit dieser, denn die 63-Jährige hat ein sehr aktives Netzwerk gegen rechte Populisten und Bauernfänger mit aufgebaut, die "Omas gegen Rechts". 

Lotte, du kämpfst schon dein ganzes Leben, oder?

"Ich bin mit drei Brüdern groß geworden, ich habe Kampf in mir. Nach dem Schulabschluss und der Ausbildung zur Laborantin wurde ich in der Gewerkschaft politisiert. Ich habe für bessere Arbeitsbedingungen und Löhne gekämpft, in Nicaragua Jugendzentren renoviert und den Weltladen in Neu-Isenburg mit aufgebaut. Auf der Straße habe ich gegen Abtreibungsverbote und gegen den Bau der Startbahn West am Frankfurter Flughafen demonstriert, war in den Anti-AKW- und Friedensbewegungen. Seit 2015 bin ich in der Flüchtlingshilfe aktiv und setze mich bei 'Iburg gegen Rassismus' und 'Omas gegen Rechts' ein. 

Wenn Lotte redet, gestikuliert sie wild, wendet aber nie den Blick ab. 

Wofür kämpfst du heute?

"Für die Grundrechte wie die Pressefreiheit, Demonstrations- und Versammlungsfreiheit – die auch von der Polizei gegen Angriffe von Gewalttätern geschützt wird.     

Als bekennende Atheistin trete ich außerdem für die Trennung von Staat und Kirche ein. Religiöse Menschen aller Religionen sollen mich in Ruhe lassen. Zur Religionsfreiheit gehört auch, nicht religiös sein zu müssen."

Am 28. Oktober wird in Hessen der neue Landtag gewählt, dein aktueller Kampf ist offensichtlich auch der gegen die Rechtspopulisten?

"Ja, denn die Scheiße ist dass die AfD in den Prognosen mit 13% erstmals in den hessischen Landtag einziehen wird. Gemeinsam mit sieben anderen Frauen habe ich die 'Omas gegen Rechts' in Neu-Isenburg gegründet. Die jüngste der Gruppe ist 63, die anderen um die 70. Bei regelmäßigen Kaffeekränzchen, bereiten wir unsere gemeinsamen Aktionen vor. Und wir hatten schon einen Erfolg: Denn eigentlich dürfen Parteien erst sechs Wochen vor der Wahl mit Ständen Werbung für sich machen. Es war wohl keinem aufgefallen, dass die AfD das schon deutlich vorher gemacht hat – das wurde ihnen dann nach unserem Protest verboten."

Die Abkürzung AfD nimmt Oma Lotte im Gespräch recht selten in den Mund. Sie redet stattdessen meist von "Dumpfbacken". Damit meint sie nicht spezifisch die eine Partei. Sie gerät in Rage, wenn man Hans-Georg Maaßen erwähnt, oder den Bundesinnenminister. Aber auch die SPD und die Grünen sind ihr manchmal ein Dorn im Auge.

"Es kommt schon vor, dass SPD-Politiker mit uns Fotos machen wollen und uns vereinnahmen wollen. Aber dann scheuchen wir die von unserem Stand weg. Die sollen lieber sozial und solidarisch handeln als Werbefotos zu machen. Ich war schon immer Außerparlamentarische Opposition, also jenseits von irgendwelchen Parteilinien politisch tätig. Die meisten unserer Omas sind nicht in Parteien. 

Wir sind auch nicht nur gegen die AfD, das ist uns viel zu blöd.

Die Omas demonstrieren gegen Seehofer und für die Seebrücke, wir verteilen Material von ProAsyl und der Flüchtlingshilfe. Neu-Isenburg wurde 1699 von geflohenen Hugenotten gegründet. Vielleicht haben wir auch deshalb schon seit den 80er Jahren eine so gut vernetzte Flüchtlingshilfe. Auch gegen das rückwärtsgewandte Frauenbild vieler Rechter kämpfen wir."

Was hast du gemacht, bevor du kämpfende Oma warst?

"Ich habe als Laborantin in einem US-Konzern in Neu-Isenburg gearbeitet, und war dort 10 Jahre Betriebsrätin. Danach habe ich mit Hilfe der gewerkschaftsnahen Böckler-Stiftung Jura studiert, bis zum ersten Staatsexamen und mit meinem Mann zwei Töchter – inzwischen großartige Frauen, die auf der richtigen Seite kämpfen – großgezogen."    

Auf Demos stehst du ganz vorne, oder?

"Ja. Früher haben Leute wie wir Berufsverbot bekommen, wenn sie politisch aufgemuckt haben. Aber uns Rentnerinnen kann doch nix mehr passieren. Außerdem können wir etwas bewirken. Auf einer Demo habe ich mal gesehen, dass viele der Polizeibeamten dort keine Kennzeichnung trugen. Käme es zu Polizeigewalt, wären sie später nicht identifizierbar.

Da ich eine Oma und eine Juristin bin, konnte ich direkt zum Einsatzleiter der Demo hingehen und fragen, warum die Kollegen ihre Nummern 'vergessen' haben. Das ist unser Trumpf, wir sind alt, wir wissen viel. Und es gibt eine Hemmschwelle bei den jungen Polizisten."    

Mir wird klar: Wenn es bei Demos brenzlig wird, sollte man immer eine Oma an seiner Seite haben. Kein Polizist in Deutschland würde riskieren, in der Presse als „Omaprügler“ dazustehen.

Oma Lotte

"Oma Lotte ist mein politischer Oma-Name", sagt uns die lebenslange Gewerkschafterin. Denn so wenig Angst sie vor Konfrontationen mit Politik und Polizei hat, so ungern möchte sie auf einer Schikane-Liste von radikalen AfD-Anhängern landen. Daher bleibt Oma Lotte in diesem Beitrag anonym. Ihr voller Name ist der Redaktion bekannt.

Lotte, was kann die junge Generation gegen das Erstarken der Rechten tun?

"Einfach Lesen und sich informieren, auch in der Zeitung! Nicht immer nur in sozialen Netzen rumhampeln. Man muss sich öffentlich zeigen, Wut haben, nichts egal sein lassen. Mischt euch ein! Es ist eure Zukunft!"

Viele junge Leute engagieren sich ja im Internet.

Wenn Lotte redet, schaut sie mir immer direkt in die Augen, nun verdreht sie sie aber doch einmal und reckt die Fäuste in die Luft, bevor sie sie auf den Tisch haut.
"FURCHTBAR! Bei Facebook bin ich nicht mehr, da schicken sie immer nur diese blöden Petitionen. Ich geh auf die Straße, oder wie man bei uns sagt: auf die Gass. Da solltet ihr auch hin."

Der erste öffentliche Auftritt der Omas im August 2018. Am Tag vor der Hessenwahl haben sie wieder zur Demo aufgerufen. 

(Bild: Oma Lotte)

Glaubst du, dass den Menschen in Chemnitz und Umgebung Omas wie du fehlen?

"Die werden da ja wohl auch Omas haben. Ich fahr da zumindest nicht hin, das müssen die selbst klären. Ich fahre ja auch nicht in die USA oder die Türkei. Wichtig ist, dass sich die Leute dort gegen rechts engagieren. Wir wissen, dass wir die Mehrheit sind, aber die Mehrheit muss sich auch zeigen."

Woran liegt es denn deiner Meinung nach, dass die Rechten heute wieder stärker werden?

"Es liegt an der Sattheit. Die Leute sind überbehütet und egoistisch. Es gibt heute zu wenig Menschen in Gewerkschaften, Solidarität ist ein Fremdwort. Den Menschen muss klar sein, dass unsere Freiheit, unser Wohlstand und Frieden Errungenschaften sind, die erkämpft wurde – auch von meiner Generation. Das ging und geht nicht alleine, sondern nur in Initiativen, Gewerkschaften und auf der Straße."

Danke für das Gespräch!

Omas gegen Rechts und OMAS GEGEN RECHTS

Im Netz finden sich mehrere Organisationen und Facebook-Seiten mit dem Namen, die aber nicht immer auch zusammengehören und zusammenarbeiten. Einige sind in Deutschland, andere in Österreich aktiv. Wir haben mit Oma Lotte von den OMAS GEGEN RECHTS aus Neu-Isenburg gesprochen, die auch im Raum Frankfurt und Offenbach am Main auf die Straße gehen. Entstanden ist diese Gruppe aus der Initiative „iburg_ohne_rassismus“.



Today

Für dieses Gesetz ließ Seehofer fast die Groko platzen. Jetzt stellt sich raus: Es ist völlig unnütz
Warum die Wiedereinreisesperre nichts bringt – drei Fragen und Antworten

Die Einreisesperre an der deutsch-österreichischen Grenze für abgelehnte Asylbewerberinnen und -bewerber wurde bisher kaum gebraucht. Offenbar wurden erst drei Personen am Grenzübergang Österreich-Deutschland abgewiesen. (Berliner Morgenpost)

1 Wie kam es zur Einreisesperre an der deutsch-österreichischen Grenze?

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) hat im Juni die Einreisesperre verhängt. Es sei ein "Skandal", dass Menschen, deren Asylgesuch bereits abgelehnt wurde, wieder nach Deutschland einreisen könnten.

Sein Ministerium habe angeblich mit rund 100 Personen im Monat gerechnet, die trotz abgelehnten Asyls versuchen, mit neuen Asylgründen nach Deutschland zu kommen.

2 Welche Wirkung hat die Einreisesperre wirklich? 

Bis zum 17. Oktober 2018 sollen es seit Beginn der Einreisesperre nur 89 Personen versucht haben. Von diesen hatten nur drei zuvor bereits Asylanträge gestellt. Die übrigen 86 Menschen wären schon vor Erlass der Einreisesperre abgewiesen worden. 

Wer ist von der Einreisesperre betroffen?

Betroffen sind Menschen, die nach einer Abschiebung ein befristetes Aufenthalts- oder Einreiseverbot nach Deutschland haben. Außerdem gilt die Sperre nur für die Grenzübergänge nach Österreich – alle anderen Grenzen bleiben offen. (tagesschau)