Bild: privat
Wir haben Unterstützer des Events gefragt, ob sie immer noch ins Olympiastadion gehen wollen

Was könnte man alles mit zwei Millionen Euro erreichen? Die Organisationen des "größten Demokratie-Festivals" in Berlin glaubten: Lösungen für die Klimakrise, soziale Ungerechtigkeit und Rassismus finden - und gleich per Petition einfordern. Seit mehreren Wochen werben sie für das im Juni geplante Event, bei dem sich Zehntausende Teilnehmer im Olympiastadion informieren und live Petitionen unterzeichnen können. 

Mehr als 28.000 Personen haben die Idee bislang finanziell unterstützt. Schon vor dem Ende des Crowdfundings am Montag war klar, dass das gesammelte Geld ausreichen würde, um das Berliner Olympiastadion zu mieten. Bereits am 24. Dezember wurde die Mindestsumme erreicht. Die Frist hatten die Organisatoren zunächst festgelegt.

Finanziell ist die Kampagne ein großer Erfolg. Doch abgesehen davon stehen die Initiatorinnen und Initiatoren seit Wochen in der Kritik. In einem Video-Interview, das am Sonntag veröffentlicht wurde, sagte einer der Mitorganisatoren, Philip Siefer vom Kondom-Startup "Einhorn", dass im Olympiastadion alle willkommen seien – auch Nazis, wenn sie denn gegen Rassismus seien. Auf Twitter wurde ihm daraufhin Ahnungslosigkeit oder Verharmlosung vorgeworfen. "Einhorn" selbst verteidigte die Aussagen als ironisch gemeint. 

Es war nicht das erste Mal, dass die Macher ihre Kampagne erklären mussten. Bereits zu Beginn des Crowdfunding-Projekts mussten sich die Aktivistinnen wie Luisa Neubauer viel Kritik anhören: Menschen, die sich die Tickets nicht leisten können, würden ausgeschlossen und Unternehmen seien am Event beteiligt.

Wie geht es den jungen Menschen, die sich für 29,95 Euro eines dieser Tickets gekauft haben? Gehen sie trotz der Kritik ins Olympiastadion? 

(Bild: Harald Kaster)

Maurice Conrad, 19, ist Schauspielstudent, bei Fridays for Future aktiv und für die Piraten im Stadtrat Mainz

"Als es zum ersten Mal Kritik an den Ticketpreisen gab, habe ich bewusst ein Soli-Ticket gekauft, damit eine andere Person am Event teilnehmen kann. Ich wollte der Kampagne eine Chance geben und etwas machen, statt zu meckern. 

Ich kann die Kritik nachvollziehen, aber politische Partizipation hängt oft am Geldbeutel. Olympia #12062020 ist dafür nur ein Symptom und nicht die Ursache. Das können wir nur beheben, in dem wir uns engagieren.

Die Kampagne für das Event finde ich aber wirklich schwierig. Es wirkt aktuell einfach oft wie so ein Verkaufsfestival. Das ist auch das, was ich von vielen bei Fridays for Future höre. Der schwierigste Punkt ist das Video-Interview von Einhorn-Gründer Philip Siefers mit Tilo Jung. Ich habe mich in den vergangenen Tagen wirklich gefragt: Wie kann man denn so ein blödes Interview geben?

Wir leben in einer Zeit, in der Nazis vor Funkhäusern demonstrieren. Wenn sein Spruch nur ein Gag gewesen sein sollte, fehlt mir der politische Ernst. 

Ich habe die Veranstaltung trotzdem noch nicht abgeschrieben. Ich wünsche mir, dass die zahlreichen Menschen mit viel Expertise die im Projekt involviert sind, z.b. Luisa Neubauer, sich jetzt stärker einbringen und zeigen, wie man Öffentlichkeitsarbeit macht und was man bei Social Media besser lässt. Die Macher sollten endlich  sagen, wofür sie wirklich stehen. Wenn sie das nicht endlich hinbekommen, fahre ich nicht hin. 

Für mich bekommt das Projekt jetzt die zweite Chance. Ich denke, es ist die letzte."

(Bild: privat)

Kurt, 24, studiert Medienkommunikation in Mittweida

"Ich habe die beiden Tickets für mich und eine Freundin kurz vor Ende der Frist am 24. Dezember gekauft. Es fehlte noch Geld und ich wollte nicht, dass das Projekt nur um meinen Beitrag scheitert. Dafür finde ich die Idee, dass an diesem Tag Menschen zusammenkommen, sich informieren, sich beteiligen und ein Zeichen setzen, einfach zu gut. 60.000 Menschen bezahlen dafür, dass sie ein Zeichen setzen können – das ist das Gegenteil von dem, was die AfD sagt, dass Protestierende Geld bekämen.

Bei Familienfeiern höre ich viele Beschwerden über unser politisches System, sie wollen mehr mitentscheiden und fühlen sich nicht ernst genommen. Das Projekt im Olympiastadion kann ein Weg der Bürgerbeteiligung sein. Ich erwarte nicht, dass alle Petitionen umgesetzt werden. Aber ich wünsche mir, das Gefühl zu bekommen, etwas bewegen zu können. Ich will von Wissenschaftlern über ihre Lösungen informiert werden, ich will die Projekte unterstützen, die mich überzeugen und werde dann auch die weitere Entwicklung verfolgen. 

Die Kritik an dem Konzept "Teilhabe gegen Geld" finde ich unfair, da es Geld braucht, um diese Aufmerksamkeit, die das Olympiastadion schafft, herzustellen. Für alle, die nicht dabei sein können, wurden Alternativen geschaffen und es soll einen Livestream geben. 

Ich kann den Shitstorm, der aufgrund Philip Siefers Aussage ausgelöst wurde, nicht nachvollziehen. Es geht hierbei ja auch um die generelle Debatte: Sollte man zum Beispiel mit Anhängern der Identitären Bewegung sprechen oder nicht? Was kann Demokratie aushalten? Auf diese Frage habe auch ich keine perfekte Antwort, weshalb ich Philip Siefer keinen Vorwurf mache und auf jeden Fall am 12. Juni ins Olympiastadion gehen werde."

Caroline, 22, studiert Wirtschaftswissenschaften und Ethonologie in Halle

(Bild: privat)

"Ich will mit meiner Familie und Freunden am 12. Juni ins Olympiastadion gehen, dafür haben wir insgesamt neun Tickets gekauft. Ich erhoffe mir durch das Event mehr politische Teilhabe. Ich habe häufig das Gefühl, nicht gehört zu werden und das könnte an diesem Tag anders sein. Ich denke, wir brauchen etwas Neues, um unsere Interessen direkt ins Parlament zu bringen. Themen wie der Klimaschutz und Rassismus erfahren zu wenig Aufmerksamkeit in der politischen Debatte.

Der Preis von 29,95 Euro hat mich als Studentin auch erst einmal abgeschreckt, weil man natürlich keine Garantie hat, dass das Event nachhaltig etwas bewirkt. Aber ich will dem Projekt eine Chance geben. Allein schon, dass über Klimaschutz und Rassismus diskutiert wird, bedeutet für mich eine Veränderung und das ist es mir wert, auch wenn daraus nicht gleich neue Gesetze entstehen. 

Ich kann die Aufregung um Philip Siefers Äußerung nachvollziehen. Ich fand seine Aussage auch merkwürdig. Ich glaube, sie war aber nicht wortwörtlich gemeint. Es wäre naiv, zu glauben, dass man mit Neonazis so ins Gespräch käme. Beim Konzept der Veranstaltung geht es um Demokratie und eine offene Gesellschaft und wenn man der Ideologie von Neonazis folgt, vertritt man nicht dieses Konzept, daher schließt es sich für mich aus, dass sie willkommen sind. An meiner Entscheidung, ins Olympiastadion zu gehen, hat sich aber nichts geändert."


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