Was junge Brasilianer über Olympia in Rio denken

Am 5. August beginnen die Olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro. Dann wird Usain Bolt wieder über die 100 Meter fliegen und Michael Phelps seine Bahnen durchs Wasser ziehen.

Rio ist die erste Stadt in Südamerika, in der Olympische Spiele stattfinden; nach Mexiko-Stadt die zweite in Lateinamerika. In der Bewerbungsphase nutzte der damalige Präsident Brasiliens, Luiz Inacio Lula da Silva, genau das als Argument: "Für die anderen wäre es nur ein weiteres Olympia, in Rio wären es Spiele für ganz Brasilien und Südamerika", sagte er vor dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC). "Rio ist bereit. Gebt uns die Chance, und ihr werdet es nicht bereuen."

In der Slideshow: Vorbereitungen in Rio
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Rio bekam seine Chance. Doch jetzt, kurz vor Beginn der Spiele, häufen sich die Probleme: Ausländische Medien berichten über Enteignungen und verschmutztes Wasser. Die ersten Sportler haben sich über die Unterkünfte im Olympischen Dorf beschwert. Der Bürgermeister von Rio, Eduardo Paes, spricht sogar von einer "vertanen Chance".

Wir haben gefragt: Wie stehen die Menschen vor Ort zu Olympia?

Sieben junge Brasilianer erzählen, was sie von den Olympischen Spielen in Rio halten.

Erika, 27, Architektin aus Rio de Janeiro
(Bild: Juliana Abreu)

"Seit Oktober arbeite ich im Olympia-Team meiner Firma: Zusammen mit Kollegen habe ich zwei der temporären Wettkampfstätten an der Copacabana geplant – die Beach-Volleyball-Arena und das Fort Copacabana, in dem zum Beispiel Triathlon und Langstreckenschwimmen stattfinden werden. Inzwischen sind die Bauarbeiten zu Ende. Jetzt geht es darum, alles am Laufen zu halten: Wenn die Klimaanlage nicht funktioniert, werde ich gerufen.

Für mich persönlich ist Olympia eine große Chance. Ich hatte wirklich Glück, dass ich diesen Job bekommen habe.

Für mich persönlich ist Olympia eine große Chance.
Erika

Und ich bin nicht die Einzige: So viele Brasilianer arbeiten für Olympia. Architekten und Ingenieure bauen an den Wettkampfstätten, es gibt ein großes IT-Team. Doch die meisten dieser Jobs sind temporär. Wenn alles gut geht, werde ich nach Olympia einfach weiter für meine Firma arbeiten. Aber was werden die anderen machen? Ich glaube nicht, dass es nach den Spielen plötzlich mehr Jobs gibt als vorher.

Obwohl ich von Olympia profitiere, sehe ich auch die negativen Seiten des Events. Ich glaube nicht, dass die Stadt darauf vorbereitet war. Das größte Problem sind die öffentlichen Verkehrsmittel. Die Menschen in den ärmeren Stadtvierteln brauchen Stunden, um zur Arbeit zu kommen. Ich selbst wohne im Norden der Stadt und kann sagen: Es wird von Tag zu Tag schlimmer.

Während der Olympischen Spiele werden die Schulen und viele Angestellte Ferien haben, damit das Verkehrssystem entlastet wird. Für mich gilt das natürlich nicht: Ich werde noch mehr arbeiten als jetzt. Mein persönliches Olympia wird bis Ende September dauern; bis dahin sollen die beiden Wettkampfstätten an der Copacabana wieder abgebaut sein."

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Lucas, 28, arbeitet bei einer Werbeagentur in Rio de Janeiro
(Bild: Gabriela Gomes)

"Die Olympischen Spiele werden eine Party, daran habe ich keinen Zweifel. Ich werde mir den 100-Meter-Lauf mit Usain Bolt im Stadion anschauen. Außerdem habe ich Tickets für Volleyball, Basketball, Boxen, Bogenschießen und Kanufahren. Meine Eltern werden für Olympia nach Rio kommen, viele meiner Freunde freuen sich auf die Spiele.

Bei all der Euphorie dürfen wir unsere Probleme nicht vergessen.
Lucas

Doch bei all der Euphorie dürfen wir unsere Probleme nicht vergessen. Fakt ist: Nur die Reichen leben in den hübschen Gegenden, die in den Werbefilmen für Olympia gezeigt werden. Die Mehrheit lebt in Vororten; dort schafft es der Staat nicht mal, für das Nötigste zu sorgen. Die Abwassersysteme sind schlecht, die Schulen auch. Durch Olympia wird Rio in eine Event-Stadt verwandelt, anstatt diese Probleme zu lösen.

Ich fürchte sogar, dass sich die soziale Ungleichheit in der Stadt durch die Spiele noch vergrößern könnte. Neben dem Olympiapark liegt eine Favela, die Vila Autódromo. Dort mussten viele Familien ihre Häuser verlassen, um Platz für einen Zufahrtsweg zu machen. Im Olympischen Dorf werden zwar neue Wohnungen entstehen, doch nur Reiche werden sich leisten können, dort einzuziehen. Die Olympischen Spiele treiben die Gentrifizierung weiter voran.

Ich glaube, nach Olympia wird Rio in eine Art Katerstimmung verfallen. Dann steht kein großes Event mehr auf der Agenda. Im Moment überlagern die Spiele unsere Probleme. Doch bald ist der Olympia-Traum vorbei, dann werden sie wieder hochkommen."


In der Slideshow: Wir stellen die Sportler aus dem Olympischen Flüchtlingsteam vor
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Maria, 24, Tourismusmanagerin aus São Paulo
(Bild: Eduardo Chaves)

"Für meine Branche sind die Olympischen Spiele gut: Sie bringen viele Touristen ins Land und schaffen Arbeitsplätze. Gerade jetzt, wo Brasilien in einer Krise steckt, ist das wichtig; Olympia hilft unserer Wirtschaft.

Dabei geht es nicht nur um Geld: Auch der Austausch zwischen Touristen und Einheimischen ist eine Chance, man lernt andere Kulturen kennen.

Die Olympischen Spiele bringen viele Touristen ins Land.
Maria

Als Bürgerin bin ich aber gegen Olympia. Brasilien kämpft momentan mit so vielen Problemen: Wir haben eine politische Krise, die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Gewalt auch. Und die Regierung verschwendet Geld für die Olympischen Spiele.

Seltsamerweise sprechen die Menschen hier kaum über Olympia – ganz anders als bei der Fußball-WM vor zwei Jahren. Sie sind weniger enthusiastisch, es gab erst kurz vor Beginn der Spiele Proteste. Es ist, als hätten wir keinen Raum in unseren Köpfen, um an Olympia zu denken.

Noch wenige Wochen vorher fühlte es sich nicht so an, als würden die Spiele bald beginnen. Ich arbeite im Tourismusbüro von São Paulo, immer wieder baten Touristen um Informationen zu Olympia, aber wir hatten nichts, keine Broschüren, nichts. Ich frage mich, ob wir wirklich vorbereitet sind."


Vinicius, 31, arbeitet als Freiwilliger für Olympia in Rio

"Ich unterstütze eine der nationalen Olympia-Delegationen. Leider kann ich nicht sagen, für welches Land ich zuständig bin. Ich helfe den Mitgliedern, hier in Rio zurechtzukommen, buche die Trainingszeiten für die Athleten. Mein Ziel ist, die Spiele für die Delegation so angenehm wie möglich zu machen.

Ich hatte mich schon im April 2015 für den Job beworben, aber erst Anfang Juli 2016 bekam ich die Zusage. Vor zwei Wochen zog ich von São Paolo nach Rio, hier wohne ich bei einem Freund. Ich muss ziemlich viel arbeiten, zuletzt acht Tage am Stück. Als Freiwilliger verdiene ich natürlich kein Geld, ich bekomme nur ein Essen am Tag und ein Ticket für den öffentlichen Nahverkehr.

Wir sind nicht vorbereitet.
Vinicius

Trotzdem bin ich glücklich, dass ich den Job bekommen habe. Ich liebe Sport und ich lerne gerne neue Menschen und Kulturen kennen. Außerdem studiere ich Tourismus und die Erfahrung hier ist gut für meinen Lebenslauf. Ich würde gerne mal in Europa studieren und der Job könnte meine Chancen erhöhen.

Als Rio die Ausschreibung gewann, freute ich mich riesig. Ich glaubte daran, dass wir unvergessliche Spiele organisieren würden. Aber nach den ersten Tagen als Freiwilliger habe ich meine Meinung geändert: Wir sind nicht vorbereitet, fast alles ist verspätet. Ich kann keine Details nennen, aber ich kann sagen: Die Organisation funktioniert nicht. Wir Freiwilligen versuchen zwar, die Probleme von den Athleten fernzuhalten, aber manchmal ist das unmöglich. Dafür schäme ich mich."


Rebeca, 25, arbeitet bei einem Reiseveranstalter in São Paulo
(Bild: Privat)

"Ich finde, die Olympischen Spiele sind ein großartiges Event. Da treffen sich Menschen aus so vielen Ländern, um Sport zu machen, das ist doch wunderbar! Und die Zuschauer bekommen die Chance, neue Sportarten kennenzulernen. Hier in Brasilien kennen die meisten nur Fußball. Ich hoffe, dass durch Olympia vor allem die Kinder Lust bekommen, mehr Sport zu machen.

Die Olympischen Spiele sind ein großartiges Event.
Rebeca

Ich selbst liebe Schwimmen. Ich würde mir total gerne einen der Schwimmwettkämpfe ansehen, aber die Tickets waren leider zu teuer. Ein paar meiner Freunde und Kollegen werden nach Rio fahren, um zuzuschauen. Generell habe ich aber das Gefühl, dass die Brasilianer sich nicht wirklich auf Olympia freuen. Das ist schade, aber ich kann es nachvollziehen. Wir kämpfen gerade mit so vielen Problemen.

Auch die Medien im Ausland zeichnen im Moment ein sehr negatives Bild von Brasilien. Trotzdem hoffe ich, dass die Touristen unvoreingenommen hierherkommen werden, um unser Land mit seiner Kultur und seinen fröhlichen, gastfreundlichen Menschen kennenzulernen.

Ich hoffe auch, dass wir gut genug auf Olympia vorbereitet sind. Noch im Juli schickten mir viele Touristen E-Mails, weil sie ihre Tickets nicht bekommen hatten. Meistens konnte ich helfen, aber es war ein großes Durcheinander."


Gustavo, 26, Student aus Rio de Janeiro
(Bild: Gustavo Lucena)

"Ich glaube, die meisten Brasilianer freuen sich auf Olympia, nur wir in Rio tun das nicht. Spätestens seit Anfang Juli laufen die Vorbereitungen hier auf Hochtouren: Bürgersteige werden barrierefrei gemacht, Bahnhöfe erneuert; es gibt einen neuen Fahrradweg und eine neue U-Bahn-Linie. Davon profitiert auch die Bevölkerung.

Doch vieles von dem, was gebaut oder verändert wird, hilft uns nicht. Es gibt zum Beispiel ein neues Schnellbussystem mit einer eigenen Fahrspur in den Straßen. Zunächst klingt das gut, aber die Busse decken nicht die ganze Stadt ab. Und sie behindern den restlichen Verkehr, es gibt jetzt viel mehr Staus.

Die Olympischen Spiele verschlimmern unsere Situation.
Gustavo

Ich wohne direkt neben dem Maracanã-Stadion, dort werden unter anderem die Eröffnungs- und Schlussfeier stattfinden. Alle Straßen, die zu meinem Haus führen, werden während der Spiele abgeriegelt sein. Ich werde eine Art Pass vorzeigen müssen, um nach Hause zu kommen. Doch wenn Polizei und Armee damit beschäftigt sind, die Athleten und Touristen zu schützen, könnte die Gewalt in den Favelas zunehmen.

Ich glaube, dass weder die Regierung von Rio de Janeiro noch die Bevölkerung darauf vorbereitet waren, die Olympischen Spiele zu organisieren. Sie sind nicht die Wurzel unserer Probleme, aber sie verschlimmern unsere Situation.

Die Touristen werden davon nichts mitbekommen. Wir sind gut darin, unsere Probleme zu verstecken."


Roberta, 29, Studentin aus Juiz de Fora
(Bild: Hugo Couri)

"Ich bin gleichzeitig für und gegen Olympia. Für die brasilianischen Athleten sind die Spiele eine große Chance. Sie können endlich zeigen, woran sie so lange gearbeitet haben. Auch für den Sport im Allgemeinen sind sie wichtig; in Brasilien wird normalerweise nicht viel in Sport investiert.

Allerdings haben wir keine Strukturen, um ein solches Event abzuhalten. In letzter Zeit wurde so viel Geld für Olympia ausgegeben, und nicht für die Bevölkerung. Man hat Stadien renoviert und das Olympische Dorf gebaut. Das ist nicht korrekt. Es gibt hier viele Menschen, die hungern.

Ich bin gleichzeitig für und gegen Olympia.
Roberta

Ich glaube nicht, dass sich Brasilien durch Olympia verändern wird, durch die Fußball-WM vor zwei Jahren hat sich auch nichts geändert. Ich war am Wochenende in Rio. Momentan ist die Stadt sehr sauber, überall ist Sicherheitspersonal. Aber nach den Olympischen Spielen wird das wieder verschwinden. Auch das Wasser in der Guanabara-Bucht ist immer noch verschmutzt, das wird sich so schnell nicht ändern.

Ich habe Angst, dass während der Spiele irgendetwas schiefgeht. Die ersten Sportler haben sich über die Unterkünfte im Olympischen Dorf beschwert. Ich fürchte, dass sich das Bild verschlechtern könnte, das andere Länder von Brasilien haben. Vielleicht nehmen uns die anderen dann nicht mehr als zuverlässiges Land wahr."


Herika, 24, arbeitet bei einem Reiseveranstalter in São Paulo
(Bild: Ana Carolina Buenos)

"Die Olympischen Spiele sind eine wichtige Chance für Brasilien. Sie können uns helfen, einige unserer Probleme zu lösen. Wir bekommen Geld für Olympia, wir müssen es nur sinnvoll ausgeben. Das Problem ist, dass die Regierung das nicht tut.

Wir bekommen Geld für Olympia, wir müssen es nur sinnvoll ausgeben.
Herika

Ich habe den Eindruck, dass man in Rio de Janeiro nur für Olympia umbaut und nicht an die Zeit danach denkt. Was können wir für unsere Bevölkerung tun?, das sollte die Frage sein. Ein gutes Beispiel dafür ist Barcelona; durch die Olympischen Spiele von 1992 hat sich die Stadt nachhaltig verändert.

Bei Infrastruktur und öffentlichem Nahverkehr hätte sich am meisten verbessern können. Hier wurde das Geld aber nicht immer vernünftig eingesetzt. So wurde zum Beispiel nur eine Tramlinie gebaut. Da hätte man noch viel mehr machen können.

Olympia motiviert auch viele Bürger, sich zu verändern. Ich kenne Leute, die als Taxifahrer oder in der Gastronomie arbeiten und jetzt Englisch lernen, damit sie mit den Touristen sprechen können. Ich hoffe nur, dass das von Dauer ist."

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