Bild: Twitter/Shannon O’Connor
In Deutschland reicht es vorerst nur zu einem braven Meme.

In der Bibel wurde Alter noch wertgeschätzt. Über Methusalem heißt es da im Buch Mose: "Methusalem war einhundertsiebenundachtzig Jahre alt und zeugte Lamech und lebte darnach siebenhundertzweiundachtzig Jahre und zeugte Söhne und Töchter. Die gesamte Lebenszeit Methusalems betrug neunhundertneunundsechzig Jahre, dann starb er." 

Heute wäre einer wie Methusalem nicht mehr gern gesehen: Sitzt da und lässt es sich gut gehen, während die Söhne und Töchter buckeln und um die Zukunft bangen. 

Generationenkonflikte werden zwar seit jeher ausgefochten, aber selten so scharf und unversöhnlich wie dieser Tage. Die Methusalems der Neuzeit sind die Babyboomer, die ihren erarbeiteten oder ererbten Wohlstand voll ausleben und die wichtigen Ämter in Politik und Wirtschaft besetzt halten. Seine Söhne und Töchter sind die Millennials, die sich durch Teilzeitsjobs hangeln und in Konsum und Verschwendungsfreude der Alten die Probleme von morgen fürchten – vom Raubbau an der Natur bis hin zum globalen Migrationsdruck.

Die Millennials haben nun genug von den Methusalems – und mit "OK Boomer" einen neuen Schlachtruf gefunden.

Der Spruch ist in den USA innerhalb weniger Wochen erst zum Meme und dann zum geflügelten Wort einer ganzen Generation geworden. Jetzt taucht er auch in deutschen Netzwerken auf. "OK Boomer" ist die passiv-aggressive Antwort auf so ziemlich alles, was Babyboomer von sich geben: Ja, okay, du hast halt keine Ahnung!

Mittlerweile gibt es T-Shirts, Sticker und Handyhüllen mit dem Ausruf. Und in den USA einen handfesten Streit. Auf der einen Seite stehen die Babyboomer, die Generation aller von Mitte der 40er bis etwa Mitte der 60er Jahre Geborenen. Auf der anderen Seite stehen deren Kinder und Enkel – die Millennials, geboren zwischen 1980 und 1997, und die noch jüngere Generation Z.

Die Methusalems, sie sind nicht mehr Vorbild, sondern nur noch nervig: Lassen sich zu Weihnachten zwar gerne das Smartphone einrichten, belehren aber sonst gerne, dass man von so vielem keine Ahnung habe.

Der Ausruf soll zuerst auf der Videoplattform TikTok aufgetaucht sein. In einem Audioschnipsel wetterte ein älterer Herr (aka: ein Boomer) über die Millennials. Die seien alle zu verweichlicht und verträumt, eine ganze Generation mit "Peter-Pan-Syndrom". Die angesprochenen Tagträumer antworteten tausendfach mit eigenen Videokollagen: "OK Boomer". 

Die Reaktion ist so schlicht wie spöttisch: Ihr glaubt nicht an den menschengemachten Klimawandel oder dass es möglich ist, ein Unternehmen auch in Teilzeit zu führen? 

„OK Boomer, irgendwann sind wir am Zug und beweisen euch das Gegenteil!“

Der Spruch ist so rotzig und frech, dass die Alten plötzlich ein Gespür dafür bekommen, wie es sich anfühlt, als Generation runtergemacht zu werden. 

Die "New York Times" urteilt, "OK Boomer" sei zum "Kampfschrei der Millionen genervten Kids" geworden, ein US-Radiosender empörte sich gar, der Begriff sei das "N-Wort der Altersdiskriminierung".

Doch während "OK Boomer" in den USA zur Kriegserklärung der Millennials wurde – ist es in Deutschland bislang nicht viel mehr als ein braves Meme.

Das hat seine Gründe: Für US-Millennials steht deutlich mehr auf dem Spiel als für uns Deutsche. 

Die Twentysomethings in den Staaten nehmen teure Studienkredite auf, um ihre Ausbildung zu finanzieren, hangeln sich dann von Befristung zu Projektarbeit und blicken auf einen zusammengebrochenen Immobilienmarkt. Die Alterspyramide ist in den USA bei den 25- bis 29-Jährigen am dicksten (CIA World Factbook), doch deren Einfluss wird dem nicht annähern gerecht. 

Gut ausgebildete Leistungsträger mit hoher Verschuldung und miesen Aussichten treffen auf eine Boomer-Generation, die sie als "Snowflakes" abkanzelt, als Sensibelchen. Gleichzeitig sollen sie für alles Übel der Gegenwart verantwortlich sein. Der Suchbegriff "Millennials killing" bringt Hunderttausende Artikel hervor, die vermeintlich belegen, was die Millennials angeblich kaputtzeitgeistern.

In Deutschland mag es zwar keine Schneeflocken-Vergleiche geben, sie finden aber in "Stell dich nicht so an"- oder "Komm erst mal in mein Alter"-Phrasen ihre Entsprechung. Trotzdem begegnen wir den Alten nicht mit gleicher Wut. Das liegt zum einen daran, dass es uns deutlich besser geht – Ausbildung wird hier gefördert, der Wohnmarkt mag zwar chaotisch sein, aber ist bei weitem nicht mit dem US-Wahnsinn vergleichbar. Zum anderen liegt es aber auch an der hiesigen Alterspyramide.

Deutsche Millennials können sich keinen "Krieg" mit den Babyboomern leisten – denn wir sind hoffnungslos in der Unterzahl.

Die deutsche Alterspyramide ist bei den 55- bis 60-Jährigen am dicksten, unterhalb der 25 wird es eng:

Dass deutsche Millennials "OK Boomer" nur ironisch distanziert und nicht als Kampfansage verwenden, mag daher verständlich sein – es offenbart aber auch das Problem unserer Generation: Statt Witzelchen über die Alten bräuchten wir Gesprächsangebote. Wir sollten nicht "OK Boomer!" sagen, sondern eher: 

„Ihr seid OK, Boomer!“

Denn nicht alle Alten sind die Feinde, sondern nur die Alten in den Chefsesseln. Die Methusalems, die schon immer da waren und gefühlt auch noch in 969 Jahren da sein werden. Die, die für das "Weiter so" stehen, für eine "Das haben wir schon immer so gemacht"-Mentalität. 

Damit sie den Platz freimachen, müssen wir Millennials ihre Altersgenossinnen und Altersgenossen auf unsere Seite holen. Denn um die Welt zu verändern, braucht man nicht Wut, sondern Mehrheiten. 

Aber wie will man Kompromisse schließen, wenn "OK Boomer" schon den ultimativen Gesprächsabbruch beinhaltet? 

Eben darum ist der Spruch in seinem Frust zwar verständlich, aber doch so falsch. Methusalems Enkel kann ein Lied davon singen. Auch er warnte die Älteren um sich herum vergeblich, dass die Maßlosigkeit der Menschen schon bald ein schlimmes Ende nehmen werde. Erhört wurde er nicht, stattdessen erklärten sie ihn zum wahrscheinlich ersten Sensibelchen der Bibelgeschichte.

Dabei wäre es nicht verkehrt gewesen, ihm Gehör zu schenken: Der Kerl hieß nämlich Noah. Und mit ihm kam die Sintflut. 


Gerechtigkeit

Nein, "wir" werden Angela Merkel nicht vermissen!
Ein Kommentar

Etliche Male wurde ihr Ende prophezeit, sie regiert immer noch: Angela Merkel hat  der GroKo zur Halbzeitbilanz ein positives Zeugnis ausgestellt, SPD und Union wollen die Koalition fortsetzen. 

Viele dürften ob dieser Nachricht aufatmen: "Hach, wir werden Angela Merkel noch vermissen." Den Satz höre ich in letzter Zeit immer öfter. Nicht nur von Menschen, von denen man ihn erwartet, wie Schleswig-Holsteins CDU-Ministerpräsident Daniel Günther. Sondern von Menschen, die sich eher links verorten, eher progressiv. Von Bekannten, von Kolleginnen. Von Menschen, die wahrscheinlich noch nie CDU gewählt haben. 

Mich ärgert dieser Satz. Besonders das "wir". Nein, ich werde Angela Merkel nicht vermissen.

Auch wenn ich den Reflex nachvollziehen kann. Meistens bricht die verfrühte Merkel-Nostalgie aus, wenn die Kanzlerin menschelt. Etwa, wenn sie sich kaum das Lachen verkneifen kann, wenn Donald Trump neben ihr spricht, nach ihrer außergewöhnlich weitblickenden Rede in Harvard oder wenn sie im SPIEGEL-Interview erzählt, dass sie in der DDR davon geträumt habe, durch die USA zu fahren und Bruce Springsteen zu hören.