Als Rezo die CDU "zerstörte", lernten auch weniger YouTube-affine Generationen, wie politisch die Plattform sein kann. Ein paar Monate und über 16 Millionen Klicks später hat Rezo Nachahmer. Das Partei-"Zerstörungsvideo" ist eine Art Genre geworden, sagen Netzexperten. Nur echt mit Hunderten Quellen im Google Doc. (Netzpolitik.org)

In Österreich sind kurz vor der Parlamentswahl gleich zwei Zerstörungs-Videos aufgetaucht. Ziel ist die konservative ÖVP. Dahinter stecken zwei junge Wiener Studenten. bento hat mit beiden gesprochen.

Paul, 22, studiert Politikwissenschaften, ist Mitglied der Grünen und für die "Zerstörung der ÖVP" verantwortlich. Aus der Partei habe aber niemand etwas mit dem Video zu tun gehabt, sagt er. Nur ein paar Stunden später ging Konstantins Video "Die echte Zerstörung der ÖVP" online. Er ist 23 und studiert Jura. 

Paul und Konstantin kennen sich nicht, sie haben erst nach dem Upload vom Anderen erfahren. Trotzdem ähneln sich die Videos. Beide gehen die ÖVP hart an, die seit 1987 regierte – bis die jüngste Regierung im Mai am Ibiza-Skandal zerbrach. (bento)

Rezo ist das Vorbild für beide Videos. Konstantin und Paul beziehen sich direkt zu Anfang der Clips auf ihn. Auch der Stil ist ähnlich: Schnelle Schnitte, wenig Pausen, umfassendes Quellenverzeichnis. Vereinfachte Argumentationen, die Berufung auf Experten und Wissenschaftler und die Betonung auf dem Klimawandel: Das Rezept für die "Zerstörungs"-Videos kommt eindeutig von Rezo. 

"Wir geben Geld dafür aus, um unseren Planeten zu zerstören", sagt Konstantin. Er meint, dass Flugzeugtreibstoff nicht besteuert werde und die Pendlerpauschale Autofahren belohne. "Wir haben gesehen, wie die ÖVP jahrzehnteelang die Klimakrise ignoriert hat, weil sie Politik für Konzerne und Unternehmen gemacht hat, nicht für Menschen." In Fußnoten verweist Konstantin auf eine Reihe von Quellen, die er in einem Googe-Doc zur Verfügung stellt. Auch das hatte bereits Rezo so gelöst. 

Der Tenor in Pauls "Zerstörungs"- Video ist ähnlich. Einige der Themen doppeln sich. Paul traut sich allerdings auch an komplexere Themen, wie das Mercosur-Abkommen mit Ländern Südamerikas. Seine Argumentation ist trotzdem simpel. "Das klimafeindlichste Abkommen der Welt" eine "riesige Katastrophe für den Amazonas-Regenwald". Wer mehr wissen will, muss im Google-Doc die Quellen aufrufen. Es gehe darum, die Fakten zu kennen und bei der kommenden Wahl entsprechende Schlüsse zu ziehen, sagt Paul.

"Ich will euch einfach nur zeigen, wie die ÖVP Politik gegen die Meinung von zig Experten macht", sagt Konstantin zu Beginn seines Videos. Wie bei Rezo ist die Berufung auf Experten und Wissenschaftler der Grundton der Argumentation. Ziffernnoten in der Volksschule seien "Schwachsinn", sagt Konstantin. Das hätten Experten schon "zigmal" gezeigt. Die Partei fördere klimaschädliches Verhalten mit "Zigmilliarden" Euro.

"Ich dachte direkt: So viel von dem, was Rezo sagt, trifft auch auf Österreich zu", sagt Konstantin zu bento. Wie Rezo geht es auch den beiden um die Regierungspolitik der vergangenen Jahre. Nacheinander werden Klimakrise, Bildungsgerechtigkeit und Vermögensverteilung abgearbeitet.

Konstantin und Paul haben ihre Kanäle extra für die ÖVP-"Zerstörung" angelegt und sind ohne Abonnentinnen und Abonnenten gestartet. Sie kommen auch nicht annähernd an Rezos Reichweite heran, haben aber, trotz Kaltstart, beachtliche Klickzahlen. Gut 80.000 Aufrufe bei Konstantin, etwa 40.000 bei Paul (Stand: Donnerstagabend).

Das findet auch Ingrid Brodnig bemerkenswert.

Die österreichische Autorin und Netzexpertin hat beide Videos analysiert. "Im kleinen Österreich sind insgesamt mehr als 100.000 Aufrufe schon ein Klick-Erfolg", sagt sie.

Man merkt Paul und Konstantin ihre fehlende YouTube-Erfahrung an. Der Sound ist schlechter als bei Rezo, die Schnitte etwas wackliger, die Effekte manchmal störend. Trotzdem merkt man den Videos den hohen Aufwand an.

Ingrid Brodnig findet es eindrücklich, wie viel Arbeit in die ÖVP-Zerstörungen floss. "Es ist ein schönes Zeichen, dass gerade in der jungen Netzdebatte stark mit Quellenangaben und Belegen gearbeitet wird."

Konstantin sagt, dass er nach dem Rezo-Video darauf gewartet hätte, dass ein österreichischer YouTuber das Format aufgreift. Weil das nicht passiert ist, hat er es selbst gemacht.

„Es gibt viele junge Menschen, die sich nicht täglich mit Politik befassen. Auch die sollten erfahren, was in diesem Land vor sich geht und was unsere Regierung so macht.“
Konstantin

Aus Paul spricht auch Misstrauen gegenüber klassischen Medien.

"Da beziehe ich meine Informationen lieber von einem Gleichaltrigen, bei dem ich weiß, dass er das unabhängig macht, der im Grunde ein Freund von mir sein könnte."

Er glaubt, ein Grund dafür, dass politischer Content auf YouTube besonders gut funktioniert, ist Nahbarkeit. "Wenn man einen Menschen sieht, hat man ein besseres Gefühl dafür, ob er ehrlich ist oder nicht." Auch den US-Vorwahlkampf verfolge er hauptsächlich über amerikanische YouTuber. Er gehöre aber nicht zu den "Lügenpresse-Rufern." Wie Rezo beziehe er sich in seinem Video vor allem auf Artikel aus klassischen Medien.

Wahlentscheidend werden die "Zerstörungen" der ÖVP nicht sein, sagt Ingrid Brodnig. 

Trotzdem seien sie ernstzunehmen: "Für eine etablierte Partei wie die ÖVP ist es schon riskant, wenn gerade auf sehr jungen Kanälen wie YouTube so hart und unvorteilhaft über sie gesprochen wird." 

Die Videos seien ein Zeichen dafür, dass YouTube politischer werde. Außerdem würden sie einen Generationenkonflikt widerspiegeln. Die ÖVP liegt zwar in Umfragen vor der Wahl deutlich vorne, bei den Jungwählern hatte sie bei der Europawahl aber nur Platz vier belegt. (Standard)

Die ÖVP hat bisher nicht auf die beiden "Zerstörungen" reagiert, dafür sind die Videos sicher nicht populär genug. Außerdem kann man im Umgang mit den "Youtube-Zerstörungen" einiges falsch machen, wie die deutschen Konservativen gezeigt haben. Sogar junge CDU-Mitglieder bezeichneten den Umgang der Partei mit dem Rezo-Video als "katastrophal" (bento).


Future

"Bayern" kann man jetzt studieren. Aber wieso?
Wir haben eine Studentin gefragt, warum sie sich für den neuen Master eingeschrieben hat.

Wer an Bayern denkt, hat vielleicht erst einmal Maßkrüge, Trachten und Horst Seehofer vor Augen. Seit dem Start des Münchner Oktoberfests am vergangenen Wochenende kommen noch Riesenräder und Bierzelte hinzu. Und Menschen, die ihren Rausch auf der Theresienwiese ausschlafen. Dieses Bundesland samt seiner altmodischen Traditionen hat nun seinen eigenen Studiengang bekommen. 

17 Studierende haben am Dienstag an der Westböhmischen Universität Pilsen mit dem Master "Bayern-Studien" begonnen.

Der Inhalt der Vorlesungen: bayerische Kulturwissenschaft, Geschichte, Politologie, Archäologie, Wirtschafts- und Rechtswissenschaft. Auch der bayerische Dialekt soll ein Inhalt des Studiums sein.

Die Idee erscheint trotzdem erst mal absurd – warum konzentriert man sich als junge Europäerin in einem Studiengang auf Bayern?

Wir haben mit einer Studentin über den Inhalt des Studiums, die bayerische Kultur und die politische Einstellung junger Tschechinnen und Tschechen gesprochen.