Bild: Laurent Carré

"93, 94, 95." Konzentriert zählt Sheryl Luna Tüten. Dutzende kleine Plastik- und Papiertüten mit bunten Herzen darauf liegen vor ihr auf dem Boden. "130!", ruft die 24-jährige Studentin schließlich – und hält ihren Daumen in die Höhe: "Wir haben alles. Jetzt kann es losgehen!"

Die vier Frauen sind Teil der Gruppe "Aunt F.L.O", die in Los Angeles obdach- und mittellosen Frauen hilft. Wer die Stadt nur mit perfekten Körpern, endlosen Stränden und Hollywood-Glamour verbindet, der liegt falsch: In Los Angeles leben rund 26.000 Obdachlose. Sheryl Luna und ihre Gruppe wollen daran etwas ändern.

Das Armenviertel Skid Row

Es ist Samstag vor Valentinstag, neun Uhr, die Sonne knallt auf den Parkplatz des Frauen-Zentrums im Herzen der Stadt. Heute hat "Aunt F.L.O." viel vor: Zuerst werden sie Kleidung an das Tageszentrum spenden, danach für die Frauen, die eine dauerhafte Unterkunft im Frauen-Zentrum gefunden haben, kleine Geschenk-Päckchen abgeben.

Das Zentrum – eines der wenigen in Downtown Los Angeles, das ausschließlich obdachlosen Frauen hilft – ist von einem grünen, drei Meter hohen Metallzaun umgeben. Auf der anderen Seite des Zauns liegt das Armenviertel Skid Row. Hier leben tausende Menschen, viele krank oder drogenabhängig. Erst im Januar starb hier eine obdachlose Frau während eines Sturms – sie hatte es abgelehnt, in eine Notunterkunft umzusiedeln.

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Notstand ausgerufen

Immer wieder bleiben Obdachlose lieber auf der Straße, statt ins Heim zu gehen. Sie sagen, dass einige Unterkünfte Lagerhallen gleichen, dort mit Drogen gehandelt und gestohlen wird.

Allein im Stadtgebiet von Los Angeles waren 2015 rund 26.000 Menschen obdachlos – zwölf Prozent mehr als 2013, wie die Behörden vorrechnen. Jahrzehntelang hat die zweitgrößte Stadt der USA im Umgang mit dem Thema versagt, im September letzten Jahres schließlich sogar den Notstand ausgerufen.

Bürgermeister Eric Garcetti will nun wirklich etwas gegen die Obdachlosigkeit tun: Mit 150 Millionen Dollar soll Los Angeles County das Problem in den nächsten zwei Jahren in den Griff kriegen. Mehr Wohnraum, mehr öffentliche Duschen und Toiletten sind Teil des Plans. Dessen Finanzierung ist allerdings noch unklar.

Lage in den USA verbessert sich

Während sich in Los Angeles, New York, Seattle und anderen Metropolen die Lage dramatisch zugespitzt hat, gibt es insgesamt gesehen weniger Obdachlose in den USA. 2015 waren es laut eines Berichts des US-Ministeriums für Wohnen und Stadtentwicklung (HUD) in einer bestimmten Januar-Nacht knapp 565.000 Menschen, 2007 noch rund 647.000. Da einige Menschen ohne Wohnung bei Freunden oder Familie auf dem Sofa schlafen, dürfte die Dunkelziffer jeweils höher liegen.

Auch Präsident Barack Obama macht sich für Obdachlose stark, bereits 2010 stellte er das Programm "Opening Doors" vor, das gezielt Kindern, Familien und Kriegsveteranen helfen soll, wieder schnell eine Wohnung zu finden. Ein Hauptproblem – nicht nur in den USA, auch in Deutschland – ist der Mangel an günstigem Wohnraum und an Sozialwohnungen.

"Sheryl hat ein großes Herz."

Das warme Wetter in Los Angeles ist mitverantwortlich dafür, dass viele Obdachlose aus anderen Teilen der USA hierher kommen und sich in Skid Row einrichten. Sheryl, Kiara, Amy, Taylor und ihre Freunde sind regelmäßig im Viertel, aber an den Anblick können sie sich nicht gewöhnen. "Wenn meine Verwandten aus Guatemala zu Besuch kommen, zeige ich ihnen Skid Row. Sie sind dann entsetzt, weil sie denken, dass jeder in Los Angeles reich ist", sagt Sheryl.

Kiara, eine Freundin von Sheryl, erinnert sich noch gut an den Beginn von "Aunt F.L.O." vor einem Jahr. Sie und Sheryl waren in Hollywood unterwegs und geschockt, wie viele Obdachlose sie dort antrafen. "Als Sheryl zu mir sagte 'Lass uns was für die Frauen tun', war ich sofort dabei", erzählt Kiara.

Spread the love

Schon mehrere Male hat "Aunt F.L.O" seitdem Spenden im Frauen-Center abgegeben. Zum Valentinstag lautet ihr Motto "Spread the love", deshalb sind neben Hygieneartikeln und Süßigkeiten auch Herzen und kleine rosa Grußkarten überall in den Tüten zu finden. Die Gruppe hat mehr Tüten vorbereitet, als Frauen im Center wohnen. "Ich habe lieber zu viele als zu wenige", sagt Sheryl.

Als die Gruppe die Tüten am Empfang des Wohnhauses abgibt, wird sie überrascht: Eine der Bewohnerinnen, Susan Groetzinger, spricht die Mädels an. "Ihr sollt wissen, wie viel eure Spende uns bedeutet", sagt Susan, in rosa Sweatshirt-Jacke und farblich passende Cloggs gekleidet, um den Hals eine bunte Kette. Es komme selten vor, dass jemand aus Freude und nicht nur aus Pflichtgefühl spende und sich wirklich für die Frauen im Center interessiere.

Die Gruppe freut sich über das Lob. Zum ersten Mal seit der Gründung von "Aunt F.L.O." gibt eine Betroffene ihnen direkt Feedback zu ihrem Einsatz. Als diese davon spricht, wie sehr die Geschenke den Tag für die Bewohnerinnen aufhellen werden, fängt Sheryl fast an zu weinen.

(Bild: Umberto Brayi / cc by 2.0)

"Sie haben gerade unseren Tag gerettet", sagt sie und nimmt Susan in den Arm. Die Umarmung dauert lang und ist herzlich, wie sich an Susans Lächeln unschwer erkennen lässt. "Genau deshalb habe ich 'Aunt F.L.O.' gegründet", erzählt Sheryl auf dem Weg nach draußen. "Diese Frauen brauchen uns. Wir können nicht die Welt ändern, aber wir können dafür sorgen, dass es den Frauen in unserer Stadt ein bisschen besser geht."

"Obdachlose haben keine Stimme."

Sheryl, die Anthropologie studiert und zwei Nebenjobs hat, engagiert sich vor allem, um sich solidarisch zu zeigen: "Obdachlose haben keine Stimme, gerade die Frauen nicht. Dabei sind das Menschen wie du und ich!" Für den Frühling plant sie bereits das nächste Projekt für "Aunt F.L.O". Unter dem Motto "Frühjahrsputz" werden die Mädels bald wieder unterwegs sein und Spenden sammeln. Das nächste Mal wollen sie nicht nur an das Frauen-Zentrum spenden, sondern auch direkt in Skid Row ihre Tüten verteilen.

"Das wird gut werden, wir müssen uns nur genau überlegen, wie wir das machen", lächelt Sheryl, bevor sie sich auf den Weg zu ihrem zweiten Nebenjob macht. Seit ein paar Wochen arbeitet sie als Kassiererin in einem Bio-Supermarkt in Beverly Hills. In der Gemeinde, die zahlreiche Hollywoodstars und Unternehmer beheimatet, werden Einzimmer-Wohnungen für 2.600 Dollar pro Monat vermietet; Villen mit Blick über die Stadt und eigenem Weinberg kommen schon mal für dreistellige Millionenbeträge auf den Markt, berichtet CNN.

In Beverly Hills leben laut der Regionalzeitung Canyon News gerade einmal 29 Obdachlose – zu viele nach Ansicht der Stadt. Letzten Sommer haben die Behörden ein einjähriges Pilot-Programm gestartet, um das Betteln im Stadtkern zu unterbinden. Eine private Firma soll dem Thema Herr werden. Kosten für den "Ambassador Service": 500.000 Dollar.

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