Bild: Daniel Karmann/dpa

Benigna Munsi hat erst mal keine Zeit. Die 17-Jährige geht aufs Gymnasium und muss noch eine wichtige Hausarbeit fertig bekommen, außerdem ministriert sie in der katholischen Gemeinde St. Bonifaz, spielt Fußball und Oboe. 

Es dauert daher ein paar Tage, bis Benigna für ein Interview bereit ist. Es gibt viel zu bereden, denn seit knapp einer Woche ist sie deutschlandweit bekannt.

Benigna wird als neues Christkind den Nürnberger Christkindlesmarkt eröffnen – und muss nun mit Menschen umgehen, denen das nicht passt.

Vergangenen Mittwoch wurde sie unter sechs Kandidatinnen gewählt (Christkindlesmarkt Nürnberg). Einen Tag später postete der AfD-Kreisverband München-Land Benignas Foto auf Facebook – und fabuliert ein Aussterben der Deutschen herbei: "Eines Tages wird es uns wie den Indianern gehen." 

Auf den Post meldeten sich andere Nutzerinnen und Nutzer, eine überwältigende Mehrheit zeigte sich empört. Politiker schalteten sich ein: Die Nürnbergerin nach ihrem Aussehen abzuurteilen, zeige die "hämische Fratze des Rassismus" der AfD mehr als deutlich (SPIEGEL). Der AfD-Verband löschte den Eintrag wieder.

Doch die Debatte blieb. Benigna hat einen aus Indien stammenden Vater, allein das reichte für die Hetze. Schon 2002 gab es ein Christkind mit spanischen Wurzeln. Damals gab es aber weder AfD noch soziale Netzwerke in ihrer heutigen Größe – die Hasskommentare gab es nur wenige (Nordbayern).

Wie erlebt Benigna den Wirbel um ihre Person? Dringt der Hass in ihr Leben vor? Und wenn ja, wie geht sie damit um?

bento: Benigna, vergangene Woche wurdest du zum neuen Nürnberger Christkind gewählt. Dann hetzte die AfD, plötzlich sprach die ganze Republik über dich. Was war das Absurdeste der vergangenen Tage?

Benigna: Das Absurdeste? Der Moment, als ich zum Christkind gewählt wurde! In dem Moment war ich wirklich sehr überrascht. Ich glaube, das hat man mir auch angesehen. Das, was danach passiert ist, kann diesen Moment nicht überbieten. 

bento: Was hast du dennoch vom "Danach" mitbekommen?

Benigna: Ich weiß, dass es da diese berühmte – oder besser berüchtigte – Partei gibt, die was über mich gepostet hat. Und da war auf jeden Fall klar, dass die Sache größer wird. Aber dass es solche Ausmaße annimmt, damit habe ich nicht gerechnet.

Den Post selbst habe ich nicht gesehen – den haben mir andere zugeschickt. Was ich dann aber gesehen habe: die vielen Kommentare, die mir Mut zusprachen. 

„Ich fand es sehr, sehr krass, wie viele positive Kommentare es da gab!“

bento: Was glaubst du, warum eine Christkind-Wahl die Menschen so aufwühlt?

Benigna: Keine Ahnung. Okay, das Nürnberger Christkind ist sehr berühmt, aber es trug ja schon immer eine Perücke und sah schon immer verschieden aus. Dass sich Menschen darüber aufregen, dass das Christkind jetzt nicht stereotyp blond und blauäugig ist, hat mich schon verwundert.

bento: Dein Vater kommt aus Indien, dann hat er in Deutschland eine neue Heimat gefunden. Du selbst bist in Deutschland geboren. Begegnen dir Vorurteile und Hetze schon länger?

Benigna: Ich wusste, dass es Vorurteile gibt, natürlich. Aber so hetzerische Sachen sind mir persönlich bisher nicht begegnet. 

bento: Das ist doch eine gute Nachricht – der Hass ist doch nicht so alltäglich, wie man manchmal denkt!

Benigna: Ja, aber ich glaube, es gibt Unterschiede. Wer Vorurteile gegen Menschen hat, die nicht stereotyp deutsch aussehen, unterscheidet anscheinend stark zwischen weiblich und männlich. 

bento: Wie meinst du das?

Benigna: Na ja, ich als Mädchen habe Hetze so noch nicht erfahren. Aber ich habe von mehreren befreundeten Jungs, die etwas dunkler sind, schon Geschichten gehört. Die haben mir erzählt, dass sie sich oft Kommentare und Beleidigungen anhören müssen. Ich war bestürzt darüber. 

Was für Kommentare? 

Benigna: Ich kann jetzt keine Begriffe nennen, aber ihnen wird deutlich gesagt, dass sie nicht dazugehören. Auf dem Fußballplatz ist das anscheinend echt schlimm. Und das finde ich schon krass. Der Sport ist ja eigentlich dazu da, Menschen zusammenzubringen. 

bento: Hast du Angst, dass Kommentare im Netz zu realen Übergriffen führen können?

Benigna: Nein. Man darf sich nicht auf den Hass solcher Leute einlassen – muss ihnen aber zeigen, dass sie falsch liegen. Klar, die sind frustriert, oder ich weiß nicht, haben einfach Vorurteile, weil sie Angst haben. Man muss den Frustrierten zeigen, dass ihre Vorurteile einfach nicht stimmen und komplett unnötig sind.

bento: Wenn dir Hass nur im Netz begegnet, ist eine richtige Diskussion natürlich schwierig. 

Benigna: Stimmt, weil Kommentatoren online oft keine ausschlaggebende Argumente bringen. Ich glaube, dass man einfach versuchen muss, einfach offen zu sein, wenn man einen Menschen trifft. Das gilt natürlich für jeden.

bento: In wenigen Wochen wirst du als neues Christkind den Christkindlesmarkt eröffnen. Wird da diese eine berüchtigte Partei und all das, was jetzt passiert ist, eine Rolle spielen?

Benigna: Nein, auf keinen Fall. Den Prolog zur Eröffnung des Christkindlesmarktes gibt es schon viele Jahre, der ist unverändert. Also konzentriere ich mich auch nur darauf. Nach der Eröffnung habe ich als Christkind die ganze Adventszeit über viele Termine. Die will ich mit Herzblut angehen. 

Die Eröffnung des Christkindlesmarktes findet am 29. November statt, dem Freitag vor dem ersten Adventswochenende. 

Um 17.30 Uhr wird Benigna von der Empore der Frauenkirche in Nürnberg aus den Prolog sprechen. Es folgen zahlreiche Besuche in sozialen und karitativen Einrichtungen. 


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