Bild: NARA Archives and Records Administration

Roetgen an der belgischen Grenze ist nicht irgendein Dorf. Der 8000-Einwohner-Ort war der erste, der im Zweiten Weltkrieg befreit wurde. Am 12. September 1944, vor genau 75 Jahren, marschierten amerikanische Soldaten hier ein. So lautete die historisch korrekte Version. 

Doch seit einigen Wochen tobt eine Diskussion um die Deutung der NS-Geschichte des Dorfes. Unter anderem über die Frage: Haben die Amerikaner den Ort überhaupt befreit – oder haben sie ihn besetzt?

Katharina Isabel Franke, 28, lebt in Roetgen. Sie ist Historikerin und Lokaljournalistin. Wir haben mit ihr über Geschichte, Gegenwart und Verantwortung gesprochen.

Darf man ein Foto von Hitler "schön" nennen? Und die amerikanischen Soldaten Besatzer? Katharina findet: Nein. Sie macht sich Sorgen um das Geschichtsverständnis in ihrem Ort – und Deutschland.

(Bild: privat)

bento: Katharina, was ist nach Veröffentlichung des Hitlerbilds passiert?

Katharina Isabel Franke: Mir war klar, dass das knallen wird. Es gab dann zum Glück sehr schnell in der Lokalzeitung eine Reaktion. Danach beteuerten die Vereinsmitglieder, dass sie keine Nazis seien. Es gab eine Debatte in den Leserbriefen und auf Facebook – aber nicht nur dort. Wo man im Ort hingeht, es wird darüber gesprochen, mit 18-Jährigen und mit 70-Jährigen. Jeder in Roetgen hat das mitbekommen.

Du hast dich auf Twitter an die Öffentlichkeit gewandt. Was macht dich so wütend?

Selbst im Lokalen bekommt man es nicht hin, offen und reflektiert mit der eigenen Geschichte umzugehen. Und wenn es auf dieser kleinen Ebene nicht klappt, wie soll es denn dann in größeren Dimensionen funktionieren?

Diese Woche jährt sich die Ankunft der Alliierten in Deutschland – und Roetgen – zum 75. Mal. Der Heimat- und Geschichtsverein wird einen Gedenkstein errichten: für einen deutschen und einen amerikanischen Soldaten (Aachener Zeitung).

Im Rahmen dieser ganzen Diskussion finde ich es beängstigend, wenn ein Verein mit einem solchen Geschichtsverständnis bei der Gedenkveranstaltung mitwirkt.

Wer ist denn in diesem Verein?

Das sind Laien, keine Historiker, die sich mit unserer Ortsgeschichte befassen. Aber wenn man der erste Ort in Deutschland ist, der von den Alliierten befreit wurde, liegt eine gewisse Verantwortung in dieser Arbeit.

Um das Wort Befreiung gibt es auch eine Auseinandersetzung. Seit Weizsäcker vom "Tag der Befreiung sprach", ist das in Deutschland gesetzt. Rechte Stimmen versuchen aber zunehmend, das anders zu interpretieren. Auch Gauland hat eine "Neubewertung" des NS-Regimes gefordert.

Für mich steht fest, dass Deutschland befreit wurde. Wenn schon nicht mehr klar ist, dass wir das Glück hatten, dass die Alliierten kamen und das Terrorregime beendeten, worüber reden wir dann als nächstes? Ob Hitler vielleicht ein großer Politiker war? Ich finde es gefährlich, so etwas zu diskutieren. Natürlich war das für Nazis eine ungewollte Befreiung. Aber nicht für Menschen, die im KZ interniert waren, in Ghettos gelebt haben, oder sich verstecken mussten. Und bei Erinnerungskultur geht es doch vor allem um die Opfer.

Auslöser der Kontroverse war ein Foto von Adolf Hitler. Bist du als Historikerin dagegen, Bilder von Hitler zu drucken?

Nein, natürlich kann man die drucken – sie sind Teil der Geschichte, genauso wie die von toten KZ-Insassen. Es geht aber um eine vernünftige Einordnung der Bilder. Und die hat nicht stattgefunden.

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Gerechtigkeit

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