Bild: Imago

Kurz bevor ich ins Bett ging, öffnete ich noch einmal Instagram. Eine Freundin hatte in ihrer Story ein Bild von Notre-Dame geteilt. Nur war es kein Urlaubsfoto, die Kirche stand in Flammen

Ich tippte ungläubig auf meinen Browser, wo mir dann die Nachricht von allen Seiten entgegenschlug: Die Kathedrale brennt, das Dach ist eingestürzt, ob das Feuer gelöscht werden kann, ist noch unklar. Ich fühlte mich seltsam betroffen. Vielleicht sogar traurig. Aber warum eigentlich?

Nur wenige Stunden später war mein Newsfeed auf Instagram voller Beileidsbekundungen nach Frankreich. Manche posteten alte Urlaubsfotos, auf denen sie vor Notre-Dame zu sehen waren, andere teilten Bilder aus den Nachrichten. Zeitgleich wurden immer mehr "Whataboutismus"-Kommentare getwittert und geteilt. 

Denn: Aleppo, Timbuktu, jetzt Frankreich – zerstörte Kulturdenkmäler gibt es überall auf der Welt. Warum ist uns Notre-Dame besonders wichtig?

Und warum wird in kürzester Zeit so viel Geld für eine Kirche gespendet, wenn es genug Menschen gibt, die es zum Überleben bräuchten?

Ja, warum eigentlich? 

Ich war nur ein einziges Mal in Paris. Damals war ich neun Jahre alt. Ich habe keine persönliche emotionale Verbindung zur Notre-Dame. Warum aber fühle ich mich trotzdem von einer brennenden Kathedrale in Paris betroffen? 

Vor fast drei Jahren besuchte ich eine Vorlesung der US-amerikanischen Philosophin Judith Butler in Köln. Butler sprach damals von der "Betrauerbarkeit" menschlichen Lebens. 

Dabei handelt es sich aber nicht um die persönliche Trauer wie beim Verlust eines geliebten Menschen, sondern um den ungleichen Wert, der menschlichem Leben auf Grund von staatlichen und globalen Machtverhältnissen zuteil wird. (Uni Köln)

Der Wert eines Menschen lässt sich demnach anhand der öffentlichen Trauer seines Verlustes wegen bemessen. Und diese fällt – je nach Mensch und Gesellschaft – unterschiedlich aus.

Je mehr wir uns mit einem Menschen und seinem Schicksal identifizieren können, desto mehr berührt uns dessen Tod. Deshalb wären wir vom Tod Geflüchteter im Mittelmeer nicht so sehr betroffen wie beim Tod uns nahestehender Menschen, erklärte Butler damals anhand ihrer Publikation "Raster des Krieges".

Im Sommer zuvor wurde die einstige Wüstenstadt Palmyra in Syrien vom "Islamischen Staat" fast völlig zerstört. (Spiegel Online) Obwohl ich damals erschrocken auf diese Nachricht reagierte, vergaß ich recht schnell, was in Syrien passiert war. Während Butler aber auch darüber sprach, wie die Betrauerbarkeit hergestellt und medial gelenkt werden könne, musste ich wieder an die Bilder von damals denken. 

Deshalb fragte ich sie im Anschluss an ihre Vorlesung, ob das Prinzip der "Betrauerbarkeit" auch auf Kulturgüter oder Bauwerke anwendbar sei. Sie bejahte.

Eine Kathedrale wie Notre-Dame hat für mich offenbar einen größeren Wert als mehrere Tempel in Palmyra, weil mir die europäische Geschichte und das Schicksal der Menschen in Frankreich näher sind. Muss ich mich aber – sobald mir das klar wird –  auch fragen, ob ich das richtig finde?

Was sagen meine Gefühle gegenüber Notre-Dame über mich aus?

Ich postete keine Fotos von Notre-Dame, ich spende kein Geld dafür und ich frage mich auch, ob die Kirche einen Wiederaufbau der Kathedrale nicht allein finanzieren könnte. Trotz alldem trifft mich die Zerstörung europäischer Kultur. Verantwortlich dafür mache ich meine eigene gesellschaftliche und kulturelle Identität. Die Kathedrale Notre-Dame ist eine europäische Referenz. Ein Bauwerk, das für den Großteil meiner Generation und der meiner Eltern, die nie selbst einen Krieg und dessen Zerstörung erfahren haben, beinahe unzerstörbar wirkt. Eine Selbstverständlichkeit und damit Teile der eigenen Kultur und der eigenen heilen Lebenswelt brennen zu sehen, erschüttert mich.

Das Verhalten der Menschen erinnert mich an das, was man sonst meist im privaten Umfeld beobachten kann, wenn es zu einem Verlust kommt. Sie rücken zusammen. Diesmal nicht als Familie oder Freunde, sondern als Europäerinnen und Europäer. Und obwohl es vielleicht gar nicht so schlecht ist, dass sich in so einem Unglücksfall Menschen Europa wieder zugehörig fühlen, frage ich mich, ob ich es für mich einfach dabei belassen kann.

Hinterfrage ich bei kritischer Betrachtung meiner Gefühle nur mich selbst und meine Identität als weiße Europäerin oder auch die eurozentristische Perspektive unserer Gesellschaft? 

Der Begriff "Eurozentrismus" beschreibt "die Beurteilung nicht-europäischer Kulturen aus der Perspektive europäischer Werte und Normen." (IKUD) Die europäische Geschichte wird unreflektiert als Maßstab betrachtet und Europa als Zentrum von Denken und Handeln angesehen.

Der Brand in Notre-Dame löst nur so viel Betroffenheit und Trauer aus, weil wir hier eurozentristisch auf die Welt blicken und uns eben am meisten mit der uns am nächsten Kultur  – inklusive ihrer Geschichte – identifizieren. Aber ist das schlecht?

Und selbst, wenn ich wollte, könnte ich das ändern?

Der Philosoph Michel Foucault betrachtet in "Das Subjekt und die Macht" das Subjekt einerseits zwar als der Gesellschaft unterworfen, andererseits aber auch durch das Bewusstsein und die Selbstkenntnis in der eigenen Identität verhaftet.

Meine eigene europäische Identität kann und will ich zwar nicht einfach so ablegen, dennoch stelle ich meine eher einseitige Betroffenheit und meine Verantwortung gegenüber anderen Menschen und Kulturen infrage.

Butler stellt sich in "Raster des Krieges" ebenfalls die Fragen, ob sie nur sich selbst gegenüber verantwortlich sei oder auch anderen gegegenüber. Und wenn ja – wem? 

„Bin ich für alle anderen verantwortlich oder nur für einige, und auf welcher Grundlage soll ich hier die Grenze ziehen?“
Judith Butler in "Raster des Krieges"

Butler glaubt, man könne sich der Verantwortung nur durch eine kritische Reflexion bewusst werden: wenn wir jene Ausschlussnormen erkennen, die die Bereiche der Anerkennbarkeit erst konstituieren. Diese Bereiche seien es, auf die wir unausgesprochen Bezug nähmen, "wenn wir in einem kulturellen Reflex das eine Leben betrauern, während wir die Zerstörung des anderen ungerührt mit ansehen."

Wenn mich der Brand der Notre-Dame mehr berührt als die Zerstörung Palmyras, habe ich Palmyra zuvor bereits ausgeschlossen. Der Verlust der syrischen Kultur hatte nie die Chance mich zu treffen.  

Ein Weg, um anderen Menschen und Kulturen mehr Betroffenheit entgegenzubringen, wäre vielleicht, mehr Geschichten und Ereignisse an mich heranzulassen. 

Obwohl Medien meinen Fokus lenken können, halte ich es für falsch meine Eigenverantwortung an dieser Stelle einzugrenzen. Wenn ich mich für andere Kulturen interessiere, wenn ich mehr über die Schicksale anderer Menschen lerne, wenn ich auch offen gegenüber anfänglich "Fremdem" bleibe, wird dessen Betrauerbarkeit und damit, nach Butler, auch dessen Wert für mich weiter wachsen, ohne dass ich dabei meine Identität verliere.

Denn die Betrauerbarkeit wächst ja durch Wertschätzung und Anerkennung. Wenn ich mehr Bücher nigerianischer Autorinnen lese, lasse ich es zu, mich mehr von den Schicksalen der von der Terrorgruppierung "Boko Haram" entführten Frauen treffen zu lassen. Wenn ich mich mit der Geschichte und der Kultur Tibets beschäftige, kann ich das Ausmaß eines Brands besser begreifen, der ein Tausende Jahre altes Kloster zerstörte. (Spiegel Online) Sehe ich mich selbst nicht mehr nur durch meine Nation, Sprache oder Kultur einer Gemeinschaft angehörig, habe ich mehr Anteil an der Welt und ihren Geschichten. 

Wenn mir Menschen mit ihrem "Whataboutismus" vorschreiben wollen, ob meine Betroffenheit richtig oder falsch ist, empfinde ich das als anmaßend. Ich möchte ebenfalls nicht darüber urteilen, was richtig oder falsch sein sollte. 

Aber ich will einen Verlust auch außerhalb Europas spüren und die Welt näher an mich heranlassen. Auch wenn ich in manchen Fällen trotzdem den Laptop zuklappe oder mein Handy weglege. Über meine Gefühle entscheide nur ich selbst. 


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