Gerechtigkeit

Warum "Allahu Akbar" nach dem Brand in Paris meist nicht das bedeutet, was viele denken

Der Tweet eines Tagesschau-Sprechers sorgt für Diskussionen

Feuer, ein jahrhundertealter Turm, der in sich zusammenfällt wie ein Kartenhaus, und Menschen, die fassunglos in Tränen ausbrechen: Der Brand in der Kathedrale Notre-Dame in Paris hat am Montagabend Menschen auf der ganzen Welt berührt. Doch neben Beileidsbekundungen, Trauer und Entsetzen gab es schnell auch andere Reaktionen. Rechte Verschwörungstheorien machten die Runde, Witze  – und auch Schadenfreude. 

Immer wieder kursierten Beiträge, in denen vor allem arabischsprachige Accounts das Unglück von Notre-Dame angeblich feierten – meist mit der muslimischen Redewendung "Allahu Akbar", auf Deutsch: "Gott ist größer" oder "Gott ist der Größte". Manches davon ist offenbar schlicht gefälscht. (buzzfeed

Aber wie kommt es, dass der Ausruf "Allahu Akbar" bei vielen Europäer und US-Amerikaner derart negativ besetzt ist? Und wie wird er im Alltag tatsächlich benutzt? 

Viele deutsche Nicht-Muslime kennen die Formulierung fast nur aus den Berichten über Terroranschläge, Gotteskrieger und religiöse Fundamentalisten. Als Zeichen von Jubel über das Unglück anderer Menschen.

Auch der deutsche Tagesschau-Sprecher Constantin Schreiber, der selbst arabisch spricht, erlebte nach dem Brand in Paris entsprechende Reaktionen und dokumentierte sie auf Twitter:

Für den Tweet musste Schreiber viel Kritik einstecken. "Was sollen überhaupt 'arabische Reaktionen' sein?" fragte eine österreichische Autorin. "Es sieht mir jetzt nicht so aus als ob diese Twitterer stellvertretend für die 'arabische Welt' stehen", kritisierte der deutsche Journalist Sebastian Weiermann.

Doch wofür steht "Allahu Akbar" bei arabischsprachigen und muslimischen Menschen wirklich? Und warum wird die Redewendung vor allem nach Terroranschlägen so beachtet?

Die Übersetzungen der Redewendung sind nicht eindeutig. Heißt sie "Gott ist größer" oder "Gott ist der größte"? Beides ist nach Ansicht unterschiedlicher Islamwissenschaftler möglich. Klar ist, dass es für Muslime weltweit wichtige Worte sind. Schon das islamische Glaubensbekenntnis und der tägliche Gebetsaufruf beginnen damit. 

Auch deshalb sei "Allahu Akbar" bei islamischen Fundamentalisten beliebt, meint Mouhanad Khorchide. Der Professor leitet das Zentrum für islamische Theologie an der Universität Münster. Im Deutschlandfunk erklärt er die Verwendung durch Fundamentalisten so: "Diese religiöse Formel wird so missbraucht, um dem Ganzen eine göttliche, eine absolute Legitimation zu geben und zu suggerieren: 'Das tun wir im Auftrag Gottes. Und deshalb darf man dem nicht widersprechen.'"

Doch wie verwenden sie normale Muslime im Alltag? 

Nachfrage bei Merve Kayikci, einer Kollegin. Sie schreibt als freie Journalistin und unter dem Namen "PrimaMuslima" regelmäßig über ihre Erfahrungen als junge muslimische Frau. Auch für bento. Wann sagt sie "Allahu Akbar"? Merve antwortet mir schnell und sagt: 

Ich würde nicht davon ausgehen, dass alle, die 'Allahu Akbar' den Brand als Rache Gottes bejubeln. Sie sind wahrscheinlich einfach nur bestürzt.
Merve Kayikci, muslimische Journalistin

Als Zeichen des Entsetzens also. So wie das deutsche "Oh mein Gott". Merve sagt aber auch: "Andererseits schließe ich aber auch nicht aus, dass es Muslime gibt, die sich über den Brand von Notre-Dame freuen." Auch das gehöre dazu, ebenso wie Hasskommentare von europäischen Rechten oder zynische Witze nach Unglücken. Hass im Netz gibt es, das ist klar, auch auf Arabisch.

Sie selbst verwende die Redewendung jedoch meist ganz anders: Als Zeichen des Erstaunens und der Freude, erzählt mir Merve. Zum Beispiel im Urlaub, als sie zum ersten Mal das Felsenpanorama an der Nordküste Irlands sah.

Ist das wirklich typisch?

Anruf am Orientalischen Seminar der Uni Freiburg. Mohamed Megahed stammt selbst aus Ägypten und hat in verschiedenen anderen arabischsprachigen Ländern gelebt. Heute beschäftigt er sich an der Universität mit dem Arabischen und vermittelt den Studierenden als Dozent seine Muttersprache.

(Bild: dpa)

Megahed hat nicht viel Zeit. Doch das Thema ist ihm wichtig: "Die Formulierung 'Allahu Akbar' gehört zum Alltag in der arabischen Welt einfach ganz fest dazu." Auch er hält sie nach dem Brand in Paris vor allem für ein Zeichen des Erstaunens und Entsetzens. Und der Anteilnahme. Auch die andere Form gebe es, sagt Megahed. 

Aber:

"Das kommt als Zeichen der Überlegenheit und der Verachtung ganz, ganz unten auf der Liste."
Mohamed Megahed, lehrt Arabisch an der Uni Freiburg

Auch arabische Christen verwendeten oft ähnliche Worte, "Allah" ist schließlich das einheimische Wort für Gott. Megahed erzählt von Flugzeugunglücken, bei denen die arabischsprachigen Piloten als letzte Worte auf den Aufnahmen "Allahu Akbar" riefen und posthum erst einmal fälschlicherweise für Terroristen gehalten wurden. Die Worte sind offensichtlich vielen Menschen fremd, obwohl sie in der arabischen Welt so häufig verwendet werden. 

"Man nutzt 'Allahu Akbar' oft unreligiös. Wenn man jemanden auf der Straße richtig schön findet. Oder etwas schlimmes im Fernsehen sieht", sagt Megahed und ergänzt: "Oft höre ich es aber auch ganz anders. Nämlich dann, wenn Studenten in Prüfungen nicht weiterkommen." Er lacht jetzt ein bisschen.

bento hat auch Constantin Schreiber nach einer Stellungnahme gefragt. Doch nach einer Zusage zog Schreiber seine Einschätzung wieder zurück. Er wolle keine weitere Aufregung schüren, so der Journalist am Telefon. Wir haben ihm weitere Fragen geschickt, um ihm die Gelegenheit zu geben, seine Sicht zu schildern. Sobald wir eine Antwort haben, reichen wir sie nach.

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