Bild: gettyimages.de / Jan Hetfleisch
Auf Heimatbesuch.

In Österreich weiß man immer recht schnell, wer auf wessen Seite steht. Norbert Hofer oder Alexander van der Bellen? FPÖ? Grüne? Diese Frage stellten sich seit dem 1. Wahltermin der Bundespräsidentenwahl nicht nur übereifrige Politik-Studenten. Jeden Tag diskutierten Nutzer auf den Facebook-Seiten von "Der Standard", "Krone" und den Fanseiten der Spitzenkandidaten. Auch nach der Wahl flauen die Kommentare nicht ab.

Eins wird dabei klar: Spätestens seit diesem Jahr gibt es in meinem Heimatland keine politische Mitte mehr. Vergangenen Mittwoch bin ich zurückgeflogen, um kurz vor den Wahlen nach meinem Wien und den Menschen zu sehen, die dort leben.

Es ist Samstagabend, ich war schon länger nicht mehr in der Stadt.

Eine alte Schulfreundin hat mich zu einer Party eingeladen. Ich würde gerne hingehen, wären da nicht die Klassenkollegen und entfernten Bekannten meiner Freundin. Wir haben uns noch nie wirklich verstanden. Lange Zeit konnte ich nicht einordnen, warum. Heute weiß ich es: Weil sie rechts wählen.

23:30 Uhr, ich bin spät dran. Ich steige in den Wagen und ertappe mich: Vorfreude sieht anders aus. Trotzdem, ich möchte dabei sein, die anderen wiedersehen, der guten Zeiten wegen.

Die Wahl in Österreich in Bildern:
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Ich komme an, gehe die Treppen hinunter. Meine Freundin öffnet die Tür, sie ist schon angetrunken. Noch bevor ich mich setzen und meine Tasche ablegen kann, kommt mir ein Typ – nennen wir ihn Leitner – entgegengetorkelt. Er möchte mir einen Shot spendieren, ich lehne ab. "Heast Bianca, du schaust aus wie die eine gschissene Hur’ von den Grünen!", sagt er. "Tu ned so, I weiß eh, wast wählst!"

Ich weiß nicht, was ich darauf sagen soll, so sehr bringt mich seine plumpe Ignoranz aus der Fassung. Ich frage ihn – leicht verstört – ob er die Grünen-Chefin Eva Glawischnig meint. Ja, sagt er, vermutlich ohne zu wissen, dass er mit dieser Bemerkung nicht nur mich beleidigt, sondern vor allem den Namen der Politikerin mit einem Schimpfwort gleichgesetzt hat. Sofort spüre ich nicht nur meine Enttäuschung über den Abend, über diesen Menschen im Besonderen; sondern auch seine fehlende Sensibilität. Über die Grünen darf also – anders als über die FPÖ – hergezogen werden.

(Bild: dpa / Herbert Pfarrhofer)

Ich erinnere mich an einige weitere Abende, an denen ich seine präpotenten Aussagen heruntergeschluckt habe, um keinen Streit in größerer Runde zu provozieren.

Immer wieder sprach er von den vielen nichtsnutzigen Ausländern, die – natürlich anders als er – keinerlei Berechtigung hätten, in diesem Land zu leben.

Von den Ausländern, die Leute verprügeln würden, am Reumannplatz, und stinken, "von dem ganzen Kebab". Dass Leitner sich freitags selbst gern krank meldet, weil er unter der Woche ja so viel arbeitet – geschenkt.

Natürlich sind nicht alle FPÖ-Wähler wie Leitner. Dennoch sind mir Typen wie er schon allzu oft begegnet.

Ich lebe so wie du nicht lebst und das ist gut so

Wer kann, hält sich als Wiener in seinen eigenen Echo-Chambern auf. Zum Beispiel in Wien Neubau (Van der Bellen erreichte dort 80 Prozent) oder Wien Floridsdorf (50,7 Prozent stimmten für Hofer). Ich bin in Wien geboren, kenne beide Ecken gut, habe Freunde hier und dort. In Donaustadt und Floridsdorf bin ich schon früh mit rechtem Gedankengut in Berührung gekommen. Politische Bildung hatten wir erst ab der 11. Klasse – da war es bei den meisten schon zu spät für bildungsbürgerliche Wahlempfehlungen. ("Der Standard")

In den Pausen schimpften manche offen über Ausländer, Flüchtlinge gab es da noch keine – zumindest nicht aus Syrien. Auf den Schulpartys war es damals nicht so wichtig, ob man sich überhaupt politisch positionierte. Wir waren 16.

Heute, acht Jahre später, wurde entschieden, ob die Österreicher einen Rechten als Bundespräsidenten haben möchten.

Wenn ich mir manche Kommentare auf der Facebook-Seite von Heinz-Christian Strache, dem Chef der FPÖ, Van der Bellen oder Eva Glawischnig durchlese, scheint es fast so, als ob Party-Leitner den aktuell tobenden Machtkampf für sich gewonnen hätte. Unabhängig vom letztlich positiven Ergebnis. Als ob die vielen, fleißig gegen Gutmenschen tippenden Hofer-Wähler seine obszöne und beleidigende Rhetorik rechtfertigen könnten, als ob jetzt endlich alles brav und gerecht werden würde, wo knapp 50 Prozent rechts gewählt haben.

"Also ich wette es wird betrogen !!! ich kann ja alleine schon nicht glauben das 48% der leute einen alten dementen mann ihre stimme gegeben haben" schreibt Kevin R. am Tag der Wahl auf der Facebook Seite von Strache. Susanne W. findet, es sei "Eine Frechheit die Leute für Blöd dazustellen die Hofer gewählt haben."

Ich brauche gar nicht genauer in den Kommentaren wühlen, ich kenne sie aus persönlicher Erfahrung.

Ich habe versucht, mich damit auseinanderzusetzen, Menschen aufgrund ihrer politischen Haltung nicht auszuschließen, auch Freundschaften mit Menschen zuzulassen, die anders denken als ich. Mit ihnen zu sprechen. Bis zu diesem einen Samstag, an dem meine Grenze überschritten wurde.

Österreich ist mittlerweile eine zutiefst gespaltene Nation, diese Feststellung spiegelt sich nicht nur auf dem aktuellen "Profil"-Cover wider.

Selbst bei Familienessen muss man mittlerweile darauf hoffen, dass das Thema Flüchtlinge ausnahmsweise auch einmal ausgelassen wird. Dass nicht irgendjemand beim Verzehr des Schweinsbratens spontan auf die Idee kommt danach zu fragen, wer "das denn alles bezahlen" soll.

Wenn man Pech hat, wird noch vor dem Nachtisch darüber gemutmaßt, dass "die" ja alle nur "Gauner werden", die "faul auf unser aller Kosten leben!!!", während die am lautesten Diskutierenden selbst mit 55 Jahren in Frühpension gehen.

Es ist schwer, diejenigen, die solche Vorurteile als Wahrheiten verbreiten, mit Argumenten zu überzeugen, denn die österreichischen Medien tragen eine Mitschuld an der Fehlinformation und Desensibilisierung der Bevölkerung.

So titelte die Gratis-Tageszeitung "Österreich" beispielsweise am 21. März, dass sich Flüchtlinge vor Autos werfen. Es ist die Rede von einer "irren Serie", in der bereits zum vierten Mal ein junger Flüchtling absichtlich vor ein Auto gesprungen sein soll, um Schmerzensgeld zu bekommen. Die Polizei hatte andere Infos, der Medienwatchblog Kobuk klärte diesen genauso wie andere abstruse Fälle der österreichischen Boulevardmedienlandschaft auf.

(Bild: dpa / Christian Bruna)
Nur: Wen interessiert's?

Manchmal fühlt es sich trotzdem an, als müsste ich im Alleingang – auf Klassentreffen, Abschlussbällen, 80. Geburtstagen der entfernten Verwandtschaft – all das ausbaden, was gerade an rassistischem Ressentiment im Umlauf ist. Das ist nicht nur kräftezehrend, sondern auch beinahe unmöglich.

Die Autorin Stefanie Sargnagel hält es auf ihrer Facebook-Seite gewohnt polemisch, wenn sie über eine Mauer-Utopie in Österreich schreibt.

Genauso fühlt es sich gerade an, Österreicherin zu sein. Es tobt ein ewiger Kampf um das Recht, im Recht zu sein und dieses Recht in aller Öffentlichkeit zu verteidigen. Ich fühle mich machtlos, gescheitert – unabhängig vom Wahlergebnis.

Denn diese Wahl hat nicht nur ein Zeichen für die Zukunft Europas gesetzt, sondern auch dafür gesorgt, dass sich die österreichische Gesellschaft weiter in zwei Richtungen entwickelt, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Das wiederum führt dazu, dass sich das "Wir gegen die" Gefühl weiter verstärkt – unabhängig davon, aus welchem politischen Lager das "Wir" kommt. Viele der Hofer-Wählerinnen und Wähler sind enttäuscht und tun ihren Unmut offen kund. Sie hätten es dem lieben Mann so gewünscht, schade, jetzt muss also wieder Journalistinnen gedroht werden, die implizit etwas gegen Rechte sagen.

Und genau das bereitet mir Unbehagen. Ich möchte mich nicht auf einem Fest aufhalten, in einer Stadt alt werden, in einem Land leben, in der Teile der Bevölkerung glauben, die Wahl wäre tatsächlich mit der Ausgabe von Bleistiften manipuliert worden.

Das alles stinkt nicht nach Wahlbetrug, sondern nach fehlender Bildung. Das SORA Institut und das Meinungsforschungsinstitut Hajek haben die Wahlmotive der Österreicher abgefragt und dabei auch Hintergründe zum Bildungsniveau erhoben.

Klar wird: Je höher der Bildungsabschluss, desto weniger wurde Hofer gewählt ("Der Standard"). Zum Vergleich: Wer lediglich die 9. Schulstufe abgeschlossen hatte, wählte am 24. April (1. Durchgang) zu 43 Prozent Hofer, wer einen Lehrabschluss hatte zu 51 Prozent, wer Matura hatte zu 13 Prozent beziehungsweise einen Universitätsabschluss, 15 Prozent.

Nach einer Stunde verlasse ich die Party und fahre nach Hause. Ich weiß, dass ich Leitner nie mehr sehen werde. Österreich wieder hinzubiegen, wird anstrengend. Aber es könnte sich lohnen.


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