Wir haben mit der Initiatorin von Femplak_Berlin gesprochen

In Deutschland wird alle drei Tage eine Frau von ihrem (Ex-)Partner ermordet. Häufig ist dann von einem Familiendrama oder einer Eifersuchtstragödie die Rede. Feministinnen kritisieren diese Bezeichnung: Sie verschleiere, dass es nicht um Einzelfälle, sondern um ein strukturelles Problem geht.

In Frankreich und Italien gab es Ende November große Demonstrationen gegen Gewalt an Frauen (SPIEGEL). Camille (23), die in Berlin lebt und eigentlich anders heißt, will dem Thema auch hier mehr Aufmerksamkeit verschaffen. Bei einem Besuch in ihrer Heimat, Frankreich, entdeckte sie eine kleine Bewegung von jungen Frauen, die nachts durch die Städte ziehen und Sprüche über Gewalt gegen Frauen plakatieren. Heute sagt sie: "Für mich war das sehr empowernd. Ich war um zwei zu Hause und konnte nicht schlafen, weil ich voller Adrenalin war. Ich habe direkt meinen Freundinnen in Berlin geschrieben: Wir müssen das auch machen, ihr würdet es lieben."

Das war der Anfang von @femplak_berlin, einer Gruppe von etwa 25 jungen Menschen. Seit Oktober plakatieren Slogans wie "Noch 18 Femizide, dann ist Weihnachten" oder "Man(n) tötet nicht aus Liebe". Wir haben Camille gefragt, was Frankreich Deutschland voraus hat, ob plakatieren wirklich die beste Art ist, auf das Problem aufmerksam zu machen - und ob sie eigentlich nur Spaß am Verbotenen haben.

bento: Camille, welche Reaktionen erhofft ihr euch auf eure Plakate?

Camille: Dass Leute sich Zeit nehmen, um zu überlegen: Vielleicht kenne ich selbst Frauen, die Gewalt vom Partner oder Expartner erfahren haben. Vielleicht habe ich auch schon mal blöde Sachen gesagt. Vielleicht sollte ich mich fragen, warum 2018 122 Frauen in Deutschland getötet wurden. Am besten wäre es, wenn sie unsere Plakate sehen und dann anfangen zu googeln, sich zu informieren.

bento: Was genau prangert ihr an?

Camille: Hier wird über diese Form der Gewalt viel zu wenig gesprochen. Und wenn doch, dann heißt es: Es ging um Eifersucht oder die Frau hat was Falsches gekocht, deswegen wurde sie getötet. Wir wollen diese Erzählung ändern. 

bento: Reicht Sexismus als Erklärung für einen Mord?

Camille: Nicht unbedingt. Meist wird aber nicht hinterfragt, was es bedeutet, dass das Opfer eine Frau war. Das Problem fängt ja schon viel früher an, sei es in Form von psychischer oder physischer Gewalt. Der Mord ist dann die letzte gewalttätige Handlung. Es gibt bisher kaum systematische Analysen zu der Gewalt gegen Frauen. Die brauchen wir aber, um zu verstehen, wie und warum die Täter so handeln.

bento: Ganz ehrlich: Geht es bei der Aktion nicht vor allem um den Thrill, zusammen unterwegs zu sein und etwas Verbotenes zu tun?

Camille: Sagen wir, es ist eine tolle Nebenwirkung. Aber unsere Aktion ist vor allem politisch. Die Tatsache, dass wir uns dabei gut und sogar mächtig fühlen, ist ein Bonus. Wir als Frauen brauchen dieses Gefühl von Ermächtigung.

Falls Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, die Plakate sehen, sollen sie sich außerdem unterstützt fühlen. Wir wollen mit unseren Aktionen zeigen: Wir sind da, obwohl wir euch nicht kennen. Wir werden immer laut sein für euch. Eure Lebensrealitäten existieren und das werden wir erzählen.

bento: Aber ein Satz wie "Papa hat Mama umgebracht" ist doch für ein Opfer geschlechtsspezifischer Gewalt nicht unterstützend, sondern bedrohlich. Wie stellt ihr euch das vor?

Camille: Wir haben mehrere Arten von Slogans. Manche wollen bewusst schockieren. Andere sind unsere Art, zu sagen: "Wir wissen, was ihr erlebt habt, wir machen es sichtbar, wir sind da."  Wie zum Beispiel "Überall Femizide, nirgendwo Gerechtigkeit". Die Plakate sind also gleichzeitig als Elektroschock und als Unterstützung zu verstehen.

bento: Habt ihr schon vorher Streetart gemacht?

Camille: Nur eine von uns hat mal vor Jahren plakatiert – für ein Konzert.

bento: Ist das Plakatieren die beste Art, dem Thema Aufmerksamkeit zu verschaffen?

Camille: Ja. Dass die Plakate funktionieren, sehen wir daran, welche Slogans abgerissen werden. Offensichtlich gibt es Leute, die unsere Slogans zu gewaltvoll finden. "Papa hat Mama umgebracht" hat meistens nicht mal eine Nacht überstanden. Ein anderer Spruch war "Noch 17 Femizide, dann ist Weihnachten". Hier wurde das Wort Femizide von der Wand abgerissen.

bento: Inwiefern ist es ein Erfolg für euch, wenn Plakate abgerissen werden?

Camille: Ich würde es nicht direkt als Erfolg bezeichnen. Aber es zeigt, dass bei denen, die Plakate abgerissen haben, etwas ausgelöst wurde. Viele Menschen leugnen das Problem. Deswegen ist unsere Aktion notwendig.

bento: In Frankreich und Italien gab es zuletzt große Demonstrationen gegen Gewalt gegen Frauen. Wäre das auch in Deutschland denkbar?

Camille: Im Moment habe ich leider nicht das Gefühl, dass es hier genauso möglich wäre. Zwar waren am 8. März 2019 viele Demonstrierende in Berlin und in anderen deutschen Städten auf den Straßen. Aber das hängt auch damit zusammen, dass der 8. März in Berlin dieses Jahr zum ersten Mal ein Feiertag war. Meiner Meinung nach muss in Deutschland erstmal die gleiche Arbeit geleistet werden wie in Frankreich seit ein paar Jahren: Die Fälle von Gewalt sorgfältig dokumentieren, die Medien sensibilisieren und öffentliche Debatten anregen.

bento: Aber zum Beispiel am 25. November, dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, gab es ziemlich viel Berichterstattung.

Ein Mal pro Jahr darüber berichten reicht nicht. Denn Femizide werden weiterhin als etwas Privates gesehen, als ginge es um die individuelle Beziehung. Dabei geht es um strukturelle Faktoren wie Abhängigkeit, Besitzansprüche und Sexismus. Der Mord an einer Frau ist Teil von systematischer Gewalt. Und alle Frauen, die ich kenne, haben irgendwann mal Gewalt erfahren. Sei es Streetharassment, Gewalt vom (Ex-)Partner oder Vergewaltigung. Es ist immer noch ein Tabu, darüber zu sprechen.

bento: Gilt das für alle Bevölkerungsteile?

Nein, es gibt eine rassistische Verzerrung: Femizide werden nur dann als Teil struktureller Gewalt thematisiert, wenn es um sogenannte "Ehrenmorde" innerhalb von zum Beipsiel arabischen Familien geht. Dann steht das groß in den Boulevardmedien. Aber wenn es um die weißen "netten Männer von nebenan geht", wird immer so getan, als sei es eine ganz individuelle Tragödie.


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