"Türke" gilt in Armenien als Schimpfwort. Umgekehrt ist das genauso.

Das Mädchen mit dem schwarzen Bob und den dunklen Augen lächelt mich an. Ich bin gerade auf einer Geburtstagsparty angekommen, kenne nur wenige Leute hier. Wenig später stelle ich mich zu ihr ans Küchenfenster, wir quatschen kurz.

"Bist du Iranerin?", frage ich sie irgendwann.
"Nein, Türkin. Und woher kommst du?"
"Armenien", sage ich betont locker.
Wir nicken uns an.
"Cool."

Konversation beendet.

Eigentlich würde ich mich gerne weiter unterhalten. Stattdessen weiche ich der Situation aus, sage ihr, ich würde gleich wiederkommen. Den Rest des Abends wechseln wir kein Wort mehr. Wir befinden uns in Bonn. Im Jahr 2016.

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Damals gab es die heutige Türkei noch nicht, dafür das Osmanische Reich. 1915 verhafteten die Behörden zunächst die gesamte Führungsschicht des armenischen Volkes, Priester, Politiker, Künstler, weil sie mit dem Kriegsgegner Russland zusammengearbeitet haben sollen. Danach wurden Armenier systematisch vertrieben und vernichtet. Zwischen 1915 und 1916 sollen – je nach Schätzung – zwischen 800.000 und 1,5 Millionen Menschen gestorben sein.

Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Resolution

Eindeutig Völkermord, lautet die offizielle Haltung des armenischen Staates. Und auch internationale Wissenschaftler sehen das so.

Die Politik sieht das anders: Die türkische Regierung weigert sich bis heute die Ereignisse von damals als Genozid anzuerkennen. Auch die USA halten sich diesbezüglich bislang zurück. Bisher haben rund 20 Staaten den Genozid an den Armeniern anerkannt. Auch im Deutschen Bundestag wird schon lange über den Begriff diskutiert. Am Donnerstag will der Bundestag nun eine Resolution verabschieden, in der sie die Massaker als Völkermord bezeichnet.

Nach 101 Jahren. Endlich.

„"Türke" gilt in Armenien als Schimpfwort. Umgekehrt ist das genauso.“

Natürlich ist diese Resolution Symbolpolitik, zumindest auf den ersten Blick. Die Haltung der türkischen Regierung wird sich durch einen solchen Beschluss nicht ändern. Sicher nicht. Die Resolution ist nichts weiter als ein Statement, zugegeben, ein gewagtes Statement. Doch es geht hierbei nicht nur darum, dass der Bundestag sich klar positioniert.

(Bild: dpa / Klaus-Dietmar Gabbert)

Die Resolution zeigt, was das Verleugnen mit den Nachfahren der Täter und Opfer gemacht hat. Mit jungen Armeniern und Türken, die von klein auf mit einem Feindbild aufwachsen. Allein wegen der geplanten Resolution protestierten türkische Verbände in Deutschland: Rund 1300 Türken zogen am vergangenen Samstag durch Berlin und verurteilten das Vorhaben des Bundestags.

Ihr Protest zeigt, wie sehr sich der Konflikt von Generation zu Generation verfestigt hat, tief verankert in einem Fundament aus Hass, Verleugnung und dem Totschweigen der Ereignisse von 1915. "Türke" gilt in Armenien als Schimpfwort. Umgekehrt ist das genauso.

„Wir müssen gemeinsam aufarbeiten, was passiert ist.“

Ich wurde vier Generationen nach dem Genozid geboren, 1992 in der armenischen Hauptstadt Eriwan. Meine Familie hat mich keinen Hass gelehrt, im Gegenteil. Und trotzdem habe ich oft gehört, wie meine Eltern, Onkel und Tanten und Freunde der Familie immer wieder über die Türkei und den Völkermord gesprochen und diskutiert haben. Ich konnte gar nicht ohne Vorbehalte aufwachsen.

Seit 22 Jahren lebe ich in Deutschland. Ich habe schon viele Türken kennengelernt, völlig unbefangen lief das nie ab. Mit der Zeit habe ich mir angewöhnt, den Völkermord und den Umgang damit zu meiden. Bekanntschaften bleiben so zwar oberflächlich, aber unkompliziert. Wahrscheinlich handhaben es viele Armenier und Türken meiner Generation so. Gleichzeitig wissen viele: Wir müssen gemeinsam aufarbeiten, was passiert ist.

100 Jahre nach dem Völkermord verbrennen Armenier bei einer Demo die türkische Flagge(Bild: dpa / Vahram Baghdasaryan)

Armenier und Türken haben eine Mauer aufgebaut, sie verhindert es, aufeinander zuzugehen, so empfinde ich es. Es belastet einerseits, als Armenier in der ewigen Opferrolle zu stecken, gleichzeitig strengt es sicher auch junge Türken an, nach mehr als 100 Jahren mit den Taten ihrer Vorfahren konfrontiert zu werden.

Selbst wenn die türkische Regierung den Genozid an den Armeniern anerkennen würde, wäre das Problem deswegen noch lange nicht gelöst. Millionen Menschen müssten ihr Weltbild und ihre Denkweise komplett verändern. Auf beiden Seiten.

Die Resolution des Bundestags wird die türkische Regierung zwar nicht umstimmen, aber sie baut Druck auf und sie sorgt dafür, dass Politiker, Wissenschaftler, Journalisten wieder über den Völkermord sprechen. Sie führt dazu, dass auch wir jungen Armenier und Türken wieder diskutieren, uns mit dem Thema auseinandersetzen und eben doch ein wenig aufeinander zugehen.

Und vielleicht schaffen wir es dann eines Tages beim Nennen unserer Herkunft einfach weiter zu reden, uns über unsere Gemeinsamkeiten auszutauschen und nach und nach die Mauer zwischen uns abzubauen. Deswegen kann die Resolution eben doch viel mehr sein als reine Symbolpolitik.

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