Bild: dpa/Martin Schutt; Montage: bento

Neumünster liegt in Schleswig-Holstein, hat rund 79 000 Einwohner, ein neugotisches Rathaus und muss kurz vor dem Übergang in ein islamisches Kalifat stehen. So wirkt es zumindest, wenn man einen Brief des "Bundes wehrhafter Neumünsteraner" in den Händen hält. 

Der "Bund" ist eine Art Bürgerwehr, die ihre Heimatstadt vor "Überfremdung" beschützen will. Seit einigen Tagen verschickt sie in Neumünster einen Brief, in dem sie gegen Ausländer hetzt.

Im ersten Schreiben fordern die "wehrhaften Bürger" unter anderem, "Zusammenrottungen von Ausländern" seien sofort aufzulösen, ein Kopftuch-Verbot für Neumünster und eine "Zwangsgebühr von 400 Euro für neugeborene Ausländer".

Außerdem sollen Neumünsteraner sich "legal Waffen besorgen", um für "den Notfall" gewappnet zu sein – was auch immer "der Notfall" sein soll. Das Wappen vom "Bund wehrhafter Neumünsteraner" ziert übrigens ein Maschinengewehr. Nach eigenen Angaben ist die Bürgerwehr ein Zusammenschluss von etwa 50 Neumünsteranern. 

Der rassistische Brief wurde vergangenen Dienstag an mehrere Fraktionsvorsitzende der Ratsversammlung und an lokale Medien geschickt. 

Doch so richtig beeindruckt hat die Bürgerwehr diejenigen, die sie treffen wollen, nicht:

Ibrahim Ortacer ist Vorsitzender des Forums für Vielfalt und Sprecher der türkischen Gemeinde in Neumünster. Er engagiert sich schon seit Jahren für ein friedliches Miteinander in der Stadt. "Ich finde das eher lächerlich", sagt er zu bento. Angst würden ihm solche Schreiben schon lange nicht mehr machen:

Ich werde schon seit Jahren von der NPD bedroht, da ist das jetzt auch nicht neu.
Ibrahim Ortacer

Bürgerwehren sind in Deutschland kein neues Phänomen. Laut dem Soziologen Matthias Quent von der Universität in Jena ist die Zahl der Bürgerwehren seit den Übergriffen in der Silvesternacht in Köln geradezu "explodiert". Allerdings würden nur wenige Gruppen tatsächlich auf der Straße in Erscheinung treten. Viele eröffneten nur ein Profil bei Facebook – oder verschickten eben Briefe. (Morgenpost)

Unter anderem in Dortmund, Berlin und Freital patrouillierten jedoch auch Bürgerwehren, meist sind sie von Neonazis organisiert. Eine der bekanntesten Gruppen sind die europaweit auftretenden "Soldiers of Odin". (Süddeutsche Zeitung

Wer auch immer jetzt hinter der Aktion in Neumünster steckt – anscheinend wurde der Aufruf dem "Bund" selbst zu heiß. Denn in einem zweiten Brief wollen sie plötzlich alles gar nicht so gemeint haben.

Der zweite Brief, der jetzt in Neumünster verschickt wurde, behauptet, dass der Neumünster "Runde Tisch für Toleranz und Demokratie" hinter dem ersten stecke. Mit der Aktion habe man die Menschen "wachrütteln" wollen, um die "menschenverachtenden Methoden" Rechter zu entlarven. 

Dumm nur: Beim Runden Tisch weiß man nichts von der angeblichen Aktion. Ein Mitglied streitet bento gegenüber ab, rassistische Briefe zu verschicken, um vor Rassismus zu warnen.

Realistischer ist, dass die echten Urheber Angst bekommen haben – und durch das zweite Schreiben von sich ablenken wollten. Denn mittlerweile habe sich der Verfassungsschutz der Sache angenommen, sagte Dirk Hundertmark, Sprecher des Kieler Innenministeriums, den Kieler Nachrichten.

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