Was geben wir da eigentlich von uns?

Neulich, vor dem Fernseher. Alexander Dobrindt von der CSU saß in einer Talkrunde und redete und redete und mir platzte schon wieder der Kragen. "Das ist ein verdammter Nazi!", rief ich. Dann schaltete ich um.

Später am Abend fiel mir der Satz noch mal ein. Stimmt, ich mag Dobrindt nicht. So gar nicht. Und Nazis erst recht nicht.

Doch was Dobrindt in der Runde gesagt hatte, war nichts, weswegen ich ihn korrekterweise als Nazi hätte bezeichnen können. Denn: Nicht jeder, der sich nationalistisch, besonders konservativ, rassistisch oder anti-demokratisch äußert, ist ein Nazi.

Autorin Lena Seiferlin: "Nicht jeder Konservative ist ein Nazi"(Bild: privat)

Dabei höre und lese ich dieses Wort oft. In Facebook-Kommentarspalten zum Beispiel, wenn es um Zuwanderung oder die Finanzierung von Asylheimen geht. In meinem Freundeskreis fällt der Begriff, wenn es um Menschen geht, die sich rassistisch oder fremdenfeindlich äußern. Oder neulich: die Kollegen, die sich über ein paar AfDler aufregten. "Nazis!", sagten sie.

Und auch mir entfährt es immer wieder. Wenn ich über die motzen will, die eine Obergrenze für Flüchtlinge wollen oder eine verschärfte Asylpolitik. 

Doch was geben wir da eigentlich von uns?

Nazis sind korrekterweise Menschen, die dem Nationalsozialismus angehörten – die völkisch-antisemitisch-nationalrevolutionäre Bewegung in der Zwischenkriegszeit, die sich in Deutschland als Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) organisierte und die unter der Führung Adolf Hitlers von 1933 bis 1945 eine totalitäre Diktatur errichtete. (bpb)

Menschen, die den Nationalsozialismus selbst nicht erlebten, aber für seine Ideologie eintreten, heißen korrekterweise Neonazis.

Was geben wir da eigentlich von uns?
Lena Seiferlin, Autorin

Ein großer Teil der Menschen, die ich als Nazi bezeichne, sind es nach dieser Definition nicht. Sie sind auch keine Neonazis. 

Denn jeder Nazi ist zwar ein Rassist. Aber nicht jeder Rassist ist ein Nazi.

Wer den Begriff "Nazi" so inflationär einsetzt wie ich und einige meiner Freunde, der nutzt das Wort nicht nur ständig falsch, sondern schwächt es auch ab. 

Nazis waren und Neonazis sind: gefährlich. Nur differenziert, nur gezielt, können wir ihre Argumente entlarven, ihre Ideologie bekämpfen.

Autorin Lena Seiferlin: "Zum Nachdenken anregen, nicht lospoltern"(Bild: Unsplash / Louis Smit )

Wer ständig Nazi sagt, der macht ein Wort normal, das eine bestimmte Zeit, eine bestimmte Gefahr, genau definiert. In einigen Facebook-Kommentaren liest es sich so, als seien gerade wirklich sehr viele Menschen Nationalsozialisten, das verharmlost die damalige Zeit. 

Gleichzeitig könnte die inflationäre Nutzung dieses Wortes dazu führen, dass die, die beschimpft werden, dicht machen. 

Denn sie empfinden den Begriff selbst wahrscheinlich als viel zu krass, würden sich nie als Nazi bezeichnen, sie fühlen sich beleidigt, in ihren Köpfen schlägt eine Tür zu. 

Jeder Nazi ist ein Rassist. Aber nicht jeder Rassist ist ein Nazi.
Lena Seiferlin, Autorin

Dabei gibt es sicherlich andere Möglichkeiten, Rassisten, Frauenfeinde, Antisemiten oder Erzkonservative zu treffen: mit ihnen reden. Sie ganz ruhig fragen, was ihr Problem ist, was sie besorgt. Es ist zwar einfacher, nur "Nazi!" zu schreiben oder zu sagen – doch ich finde, wer zum Nachdenken anregen will, der sollte offen sein für ein Gespräch, nicht lospoltern.

Es gibt natürlich auch Leute, mit denen kann man nicht sprechen. Ich kann Alexander Dobrindt nicht fragen, was sein Problem ist. 

Doch wenn ich all jene, die mir nicht in den Kram passen, deren Ansichten vielleicht irgendwie rechts sind, weiterhin Nazis nenne, dann ist das nicht nur faktisch falsch. Ich schmälere damit letztendlich auch das Andenken an die Opfer des NS-Regimes. 


Trip

Co-Pilot betrinkt sich – will trotzdem von Stuttgart nach Lissabon fliegen
Das meiste macht doch eh der Autopilot, oder?

Bei dieser Nachricht gruselt es dich, auch wenn du keine Flugangst hast: Die Polizei zog am Freitagabend am Stuttgarter Flughafen einen Co-Piloten aus dem Verkehr, der betrunken nach Lissabon fliegen wollte. Ein Flughafenmitarbeiter hatte die Luftaufsicht und die Polizei verständigt, da der Mann nach Alkohol roch und unsicher ging. (Polizeipräsidium Reutlingen)

Als die Polizei eintraf, hatte der Co-Pilot der portugiesischen Fluggesellschaft schon mit den Vorbereitungen für den Flug begonnen. Damit konnte er dann aber gleich wieder aufhören. Wie die Beamten feststellten, war der 40-Jährige tatsächlich "deutlich" alkoholisiert.