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"Narcos" in Real Life: Wie eine Kolumbianerin den Terror des Drogenbarons erlebte.

María Eugenia Roldán saß in ihrer Küche, als sie im Radio die Nachricht von der Ermordung des Justizministers hörte. Kolumbien, 1984, es war die Zeit von Pablo Escobar. Der berüchtigte kolumbianische Drogenbaron terrorisierte das Land mehr als zwei Jahrzehnte lang, ging gegen jeden vor, der sich ihm und seinen Drogengeschäften in den Weg stellte.

María ist heute 53 Jahre alt, an diesen Moment vor mehr als 20 Jahren, an den Tod des Justizministers, kann sie sich aber noch genau erinnern. An die Zeit, als es fast jeden Tag solche Schreckensnachrichten gab. María kommt aus Medellín, der gleichen Stadt wie Escobar und war Zeugin seines Terrors. Sie erlebte seinen Aufstieg mit und viele Jahre später auch seinen Fall.

Pablo Escobar machte Kolumbien auf der ganzen Welt bekannt, bis heute werden über den skrupellosen Narco Bücher geschrieben, Filme, Dokumentationen und Serien gedreht. "Narcos" – so nennen die Südamerikaner Drogendealer. Und so heißt auch die erfolgreiche Netflix-Serie über Escobar, die bereits eine zweite Staffel hat. Der Mythos um ihn fasziniert die Menschen bis heute.

In der Slideshow: Wie "Narcos" die Geschichte von Escobar erzählt
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Viele Kolumbianer verehren Escobar aufgrund seiner Sozialprojekte auch heute noch als eine Art Robin Hood, als Advokat der Armen.

Für María, die heute immer noch in Medellín lebt, war er ein Terrorist, der ihre Familie und ganz Kolumbien bedrohte.

Auch mehr als 20 Jahre nach seinem Tod hat sie noch Angst vor ihm und seinen Schergen. Sie hat sich bereit erklärt, bento ihre Geschichte zu erzählen – aber ein Bild von sich will sie an dieser Stelle nicht veröffentlichen.

"Das erste Mal habe ich den Namen 'Pablo Escobar' gehört, als er zum Stellvertreter des kolumbianischen Repräsentantenhauses gewählt wurde. Das war 1982. Als Stadtrat hatte er zuvor in Medellín ein ganzes Stadtviertel für arme Menschen errichten lassen. Er baute Fußballplätze und Schulen, unterstützte soziale Hilfsprojekte, die Unmengen an Geld kosteten. Woher wir wussten, dass er zu den Narcos gehört? Weil man zu dieser Zeit in Kolumbien nur mit Drogen so viel Geld machen konnte."

In den Siebzigerjahren gründete Escobar mit anderen Drogenbaronen das Medellín-Kartell und machte sich selbst zum Anführer. Medien berichteten später, dass er zeitweise 80 Prozent des Kokainmarkts weltweit kontrollierte. Er häufte so viel Geld an, dass "Forbes" ihn auf Platz sieben der reichsten Menschen der Welt listete. Doch sein Abgeordnetenmandat musste Escobar bald wieder niederlegen, weil seine Drogengeschäfte an die Öffentlichkeit kamen und die Justiz begann, gegen ihn zu ermitteln.

Bald schon zündeten sie die ersten Bomben.
María Eugenia Roldán

"Das Kartell hat die kriminellsten Strukturen geschaffen, die Kolumbien je gekannt hat", sagt María. "Überall gab es Vandalismus, Korruption, Waffenhandel und Prostitution. Die Jugendlichen wollten alle zu den Narcos, weil sie sahen, wie viel Geld diese verdienten. Bald schon zündeten sie die ersten Bomben."

Die Narcos spalteten das Land.

Viele junge und sehr arme Menschen eiferten ihnen nach, vor allem weil Escobar sie großzügig unterstützte – auch um sich ihre Wählerstimmen zu sichern. Die meisten aber fürchteten die Drogenfürsten.

1984 entdeckte die US-Drogenbehörde DEA (Drug Enforcement Administration) Escobars Kokainfabrik, die "Tranquilandia" (übersetzt: "Ruhigland") in den Wäldern Kolumbiens. Die Ermittler fanden dort Drogen und Arbeitsgeräte im Wert von 1,2 Milliarden Dollar. Große Mengen des dort hergestellten Kokains landete in den USA, weswegen die Amerikaner besonders daran interessiert waren, Escobar das Handwerk zu legen.

Die kolumbianischen Behörden ließen das Labor hochgehen, Escobar floh für einige Zeit ins Ausland. Er versuchte, einen Deal mit der kolumbianischen Regierung auszuhandeln, der ihm eine sichere Rückkehr nach Kolumbien ermöglichen sollte. Doch die lehnte ab und Escobar startete eine Serie von Terroranschlägen im eigenen Land.

Wie lebt man in einem Land, in dem so ein Terror herrscht?

"Wenn ich meine beiden Töchter morgens zur Schule brachte, hatte ich Angst", erzählt María. "Außer um einzukaufen, gab es für uns keinen Grund mehr auf die Straße zu gehen. Die Kinder haben nicht mehr draußen gespielt, unser ganzes Leben ist in einen Dornröschenschlaf gefallen. Läden und Restaurants mussten schließen, weil keine Kunden mehr kamen; die lokale Wirtschaft war erstarrt.

Wenn mein Mann zur Arbeit ging, saß ich daheim und betete, dass er am Abend unverletzt zurückkommen würde. Die Narcos zahlten hohe Summen, um einen Polizisten umbringen zu lassen – was war ihnen unser Leben schon wert? Wir beschlossen, die Stadt zu verlassen. Für ein Jahr lebten wir außerhalb, etwa eine Stunde von Medellín entfernt. Weiter konnten wir nicht weg, weil mein Mann zum Arbeiten in die Stadt musste."

Escobar führte Krieg gegen den kolumbianischen Staat und gegen jeden, der sich ihm und seinen Zielen in den Weg stellte. Experten schätzen, dass sein Drogenkrieg rund 5000 Menschen das Leben gekostet hat, die Leben von Zivilisten, Journalisten, Politikern, Polizisten und vielen Narcos selbst.

Für jeden Narco, der ausgeliefert wurde, zündeten sie eine Bombe.
María Eugenia Roldán

María und ihre Familie erfuhren von den Anschlägen meist aus den Nachrichten:

"Wir saßen praktisch den ganzen Tag in der Küche um das Radio herum, um zu erfahren, wo die Bomben hochgegangen waren, wer verletzt worden und wer gestorben war. Dort erfuhren wir von den Attentaten, vom Tod von Lara Bonilla, dem Justizminister. Von der Bombe, die in der Redaktion der Zeitung 'El Espectador' hochging. Von dem Überfall auf den Justizpalast. Von der Explosion des Flugzeugs Avianca Nummer 203. Jede dieser Botschaften wurden von dem Sirenenlärm begleitet, der von draußen hereindrang."

Was macht diese Schutzlosigkeit mit den Bewohnern eines Landes?

"Uns wurde schnell klar, dass die Regierung die Narcos nicht kontrollieren konnte. Für jeden Narco, der ausgeliefert wurde, zündeten sie eine Bombe. Viele Kolumbianer sind ins Ausland geflohen, in die USA. Auch aus finanziellen Gründen: Zu dieser Zeit hat niemand mehr in Kolumbien investiert. Auch wir haben uns auf die Ausreise vorbereitet."

Escobar machte sich immer mehr Feinde, einige schlossen sich zusammen, auch die Regierung erhöhte den Druck auf ihn.

Seine Macht begann zu bröckeln.

Escobars nächster strategischen Zug: Er stellte sich – unter der Bedingung, sein Gefängnis selbst bauen zu dürfen. Die Regierung bewilligte ihm den Bau einer Luxusstrafanstalt mit Fitnessstudio, Fußballplatz und Billardtisch. Der Name, den er seinem Gefängnis gab, spiegelt die Absurdität dieses Abkommens: "La Catedral" – die Kathedrale.

Seine Festnahme war für María ein Grund zum Feiern: "Wie waren unendlich erleichtert. Damals glaubten wir noch, dass sich nun alles ändern würde. Wir dachten, die Anschläge würden aufhören und die Narcos an Macht verlieren. Die Läden öffneten wieder, die Schule und Universitäten kehrten zur Routine zurück.

Währenddessen lebte Pablo in seiner 'Catedral' im Luxus. Dass er sich sein Gefängnis selbst gebaut hat, haben wir erst viel später erfahren, lange, nachdem er dort eingezogen war. Er feierte dort Orgien und Feste mit seinen Sicarios, seinen Auftragsmördern, und Freunden, die ihn besuchten, darunter Fußballspieler, Politiker, Schönheitsköniginnen und Prostituierte. Pablo kontrollierte von dort aus weiterhin das Kartell."

Dass er sich sein Gefängnis selbst gebaut hat, haben wir erst viel später erfahren, lange, nachdem er dort eingezogen war.
María Eugenia Roldán

Nachdem bekannt wurde, dass Escobar in seinem selbst erbauten Gefängnis auch Menschen tötete, erkannte Präsident César Gaviria die Folgen dieses schmutzigen Deals und schickte eine Polizeieinheit los, um den Drogenboss in ein staatliches Gefängnis zu bringen. Escobar floh.

Erst 16 Monate später spürte eine Spezialeinheit ihn auf, sie hatte ein Telefonat zurückverfolgt, das er mutmaßlich mit seinem Sohn führte. Am 2. Dezember 1993 wurde Pablo Escobar in seinem Versteck in Medellín erschossen. Das Bild ging um die Welt: seine Leiche auf einem Geröllhaufen, davor die zufriedenen, schwer bewaffneten Staatsmänner.

Für die Kolumbianer endete mit Escobars Tod ein schreckliches Kapitel ihrer Geschichte: "Eineinhalb Jahre haben sie Pablo gejagt, bis sie ihn endlich gestellt und erschossen haben. Er war tot. Die Menschen strömten mit Fahnen an die Orte, an denen er Bomben hochgejagt hatte, wir waren frei und diesmal waren wir uns sicher: Jetzt kommt der Frieden."

Pablos Anhänger waren bitter enttäuscht nach seinem Tod. Sie legen bis heute Blumen an sein Grab. Sie haben Wunder von ihm erwartet, dachten er wäre unbesiegbar. Er war wie ein Gott für sie.

Auch María hat eine klare Meinung zu ihm: "Sein Tod war eine Erlösung für uns."


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