Junge Nichtweiße erklären, was sie von "racial profiling" halten

Seit der Neujahrsnacht wird in Deutschland diskutiert, ob der Polizeieinsatz in Köln gerechtfertigt war (bento). Die Polizei habe pauschal arabisch- und afrikanischstämmige Menschen als "Nafris" – als "Nordafrikaner" oder gar "nordafrikanische Intensivtäter" – abgestempelt, so der Vorwurf. Außerdem stellen viele die Frage: Sollte "racial profiling" – also das Fahnden nach ethnischer Herkunft – erlaubt sein oder ist es rassistisch?

Wir haben diejenigen gefragt, um die es bei der Debatte geht: junge nichtweiße Männer. Sie erzählen uns, welche Erfahrungen sie bislang mit der Polizei hatten und was sie von "racial profiling" halten.

Das ist ihre Meinung:
Brice, 22, Student aus Aachen. Seine Eltern kommen aus Ruanda, er kam mit fünf Wochen nach Deutschland.
Brice

"Ich muss damals so 17, 18 Jahre alt gewesen sein. Nach einer Party war ich auf dem Weg zum letzten Nachtbus und habe mir noch schnell was zu Essen geholt. Ich komme gerade aus dem Laden mit meinem Burger in der Hand, als mir Polizisten vor der Tür entgegenkommen.

“Du, du und du – mitkommen”, sagten sie. Um mich herum stand eine Gruppe Schwarzer. Ich bin auch schwarz. Wir alle mussten mit auf die Wache – dabei hatte ich rein gar nichts mit den anderen zu tun.

Ich hatte Alkohol getrunken, war müde und wollte eigentlich nur nach Haus. Zeugen hatten sich wohl beschwert, dass eine Gruppe junger Menschen randaliert hat – aber ich gehörte eben nicht dazu. Nachdem man meine Personalien aufgenommen hatte, durfte ich wieder gehen. Was mit den anderen passiert ist, weiß ich nicht.

Ich habe mich damals natürlich ungerecht behandelt gefühlt. Vermutlich hat man mich nur aufgrund meines Aussehens mitgenommen. Viele Weiße um mich herum hatte die Polizisten schließlich nicht kontrolliert. Es blieb meine einzige negative Erfahrung mit der Polizei.

Im Nachhinein muss ich aber sagen: Es war für die Polizisten undurchsichtig. Vielleicht hatten auch Zeugen gesagt, dass ausschließlich Schwarze mit der Randale zu tun hatten. Darauf müssen sich die Beamten dann ja auch verlassen.

Ich denke – auch nachdem, was in Köln passiert ist: Polizisten wollen vor allem für Sicherheit sorgen. Und natürlich wird es auch unter ihnen schwarze Schafe geben, die Vorurteile gegen bestimmte ethnische Gruppen haben."

Unsere Texte über Ausgrenzung, Diskriminierung und Rassismus
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Khaled, 30, Student aus Köln, ursprünglich aus Tunesien
Khaled(Bild: privat)

"Ich hatte im vergangenen Jahr in Köln Silvester gefeiert. Ich war zwar nicht am Dom, habe aber gehört, dass dort Chaos herrschte. Und dass es dabei vor allem um uns Nordafrikaner ging.

Seitdem habe ich erlebt, wie die Polizei immer wieder Menschen mit dunkler Hautfarbe kontrolliert: Inder, Ghanaer, Syrer – alle sind plötzlich Nordafrikaner. Auch ich wurde mehrmals kontrolliert. In diesem Jahr habe ich an Silvester um Köln einen großen Bogen gemacht.

Ich bin ja für Kontrollen, sie machen Deutschland sicherer. Und wir alle wünschen uns ein sicheres Deutschland. Aber wenn es immer nur eine Seite trifft, finde ich das ein bisschen rassistisch. Mehrere Freunde von mir waren zu Silvester in Köln, ganz normale Jungs. Die Polizisten haben nur in ihren Pass geschaut und sie wieder in den Zug gesetzt.

Dabei gibt es viele Nordafrikaner, die seit Jahrzehnten friedlich in Deutschland leben. Ich studiere hier, zahle Steuern und engagiere mich ehrenamtlich. Nun plötzlich gelte ich als Gewalttäter. Das macht mir Angst."

Sam, 24, aus Dortmund
Sam

"Für mich ist die Polizei ein fester und wichtiger Bestandteil des deutschen Rechtsstaats. Negative Erfahrungen mit den sogenannten 'verdachts- und anlassunabhängige Kontrollen' habe ich bislang vor allem im öffentlichen Nahverkehr gehabt.

Wenn ich mit 60 anderen Fahrgästen am Bahnhof aussteige, am Ende aber nur ich mit den zwei anderen 'südländischen' Typen kontrolliert werde, ist das einfach fragwürdig. Das passiert mir seit Jahren immer wieder. Und es ist diese Wiederholung, die sich einbrennt.

Ich denke, das Thema Racial Profiling sollte unabhängig untersucht werden. Denn solche Vorwürfe gibt es ja nicht erst seit Köln, auch Amnesty International fordert das.

Ich habe Verständnis, dass es an solchen Tagen wie Silvester besonders viele Sicherheitsvorkehrungen gibt. Aber dann sollten sie für alle gelten und nicht nur für eine Randgruppe.

Für mich persönlich wäre es schon ein Fortschritt, wenn bei Kontrollen auch ein paar 'Deutsche' kontrolliert würde – einfach, damit man zumindest das Gefühl hat, es gelten für alle dieselben Regeln. Selbst wenn das eine Illusion ist.

In der aktuellen Diskussion nach Köln werden die Kontrollen oft mit den Kontrollen bei Fußballspielen verglichen. Ich finde, das passt nicht wirklich. Ein Trikot kann ich ausziehen, meine Haut nicht."

Adam*, 33, Dozent aus Frankfurt, nordafrikanische Herkunft

"Ich wurde mal am Bahnhof Münster kontrolliert, von einer Polizistin und ihrem Kollegen. Die Kontrolle kann Routine gewesen sein, aber etwas hat mich stutzig gemacht. Nachdem ich meinen Ausweis gezeigt habe, drehte sich die Polizistin zur Seite und meinte zu ihrem Partner: 'Der ist so nett.' Der Satz klang, als sei das schon verdächtig.

Die Kontrollen jetzt an Silvester mögen in weiten Teilen ausnahmsweise notwendig gewesen sein, richtig macht das 'racial profiling' trotzdem nicht. Auch Menschenrechtsorganisationen kritisieren ja das Vorgehen.

Ich glaube, es gibt in der deutschen Gesellschaft viele Vorurteile. Die Frauen vor den 'Wilden' beschützen zu wollen, ist daher meiner Meinung nach eine Scheindebatte."

*Adam will anonym bleiben.

Mohamed, 29, Student in Berlin, ursprünglich aus Tunesien
Mohamed(Bild: privat)

"Ich finde solche Kategorisierungen schlecht. Der Begriff 'Nafri' macht alle gleich. Plötzlich sind Studenten und Menschen, die einfach feiern gehen wollen, potenzielle Täter. Klar, gibt es kriminelle Ausländer – aber die meisten von uns haben noch nie Probleme gemacht. Und nun dürfen wir nicht mehr feiern gehen?

Ich finde, die Polizei muss sehr viel professioneller werden. Wenn sie Menschen abstempelt, ist das gefährlich. Dann werden die einen ständig kontrolliert, andere überhaupt nicht mehr – und dann schauen alle nur noch auf eine bestimmte Gruppe Menschen.

Ich persönlich hatte zwar noch keine Probleme mit der Polizei, kenne aber Freunde, die Profiling erlebt haben. Ich habe ein bisschen Angst, was die Zukunft bringt."

Das sagt der Polizeiexperte zu "Racial Profiling":


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