Bild: dpa

Am Samstag ist die Europawahl 90 Tage her. Von den Erstwählern stimmten nur wenige für Union und SPD (bento). Kurz war damals die Rede vom Rezo-Effekt.

Der Rezo-Effekt

Das Video des Youtubers "Die Zerstörung der CDU" war erfolgreicher als jedes Wahlwerbevideo zur Europawahl (15 Millionen Aufrufe). In einem zweiten viralen Video riefen über 90 YouTuber zum Boykott von CDU, SPD und AfD auf. Darunter solche, die vorher hauptsächlich Schmink-Tutorials oder Prank-Videos gedreht hatten. "Ein Statement von 90+ Youtubern" hat heute 4 Millionen Klicks.

Den größten Zuwachs bei jungen Wählerinnen und Wählern konnten daraufhin die Grünen verbuchen (36 Prozent). Tatsächlich aber fiel der Stimmanteil junger Wählerinnen und Wähler kaum ins Gewicht. (bento)

Bei bento gab es auf jeden Fall einen Rezo-Effekt: Wir hatten uns im Vorfeld der Wahl  durch 40 Wahlspots und 40 Parteiprogramme gekämpft und darüber geschrieben. Wir hatten über Vorwürfe berichtet, dass der Wahl-O-Mat möglicherweise kleine Parteien benachteiligt. Wir hatten junge Journalisten aus verschiedenen europäischen Ländern gebeten, uns zu erklären, was bei ihnen die Wahl entscheidet. 

Aber keiner dieser Texte wurde so viel gelesen wie ein Interview mit Rezo zu seinem Video über die CDU. (bento)

Wir wollten wissen: Was hat der Rezo-Effekt mit den 90 Youtubern gemacht – 90 Tage nach der Wahl?

Sind sie politischer geworden? Haben sie Follower verloren? Produzieren sie mehr politischen Content? Und was halten sie denn nun eigentlich vom Ausgang der Wahl?

Um es gleich zu sagen: Auf unsere 90 Mails bekamen wir drei Antworten – davon eine Absage.

Zuerst antwortete Erklär-YouTuber Alex von AlexiBexi (YouTube):

"Ich bin und bleibe weiterhin so politisch engagiert, wie es zeitlich und in meinem Rahmen möglich ist." schreibt er. Er habe zwar Abonnenten und Follower verloren, "die möchte man aber auch nicht haben". Er will seinen Followern weiter ans Herz legen, zu wählen, mit einem entscheidenden Unterschied: "Nicht was oder wen, das ist jedem selbst überlassen, nur dass sie ihre Chance nutzen sollten."

Danach antwortete Marie vom Lifestyle-Kanal Snukieful (YouTube):

"Ich bin immer noch begeistert davon, wie präsent das politische Engagement vieler junger Menschen war - online und offline." Sie glaube  "das Interesse an Politik und Umwelt ist nachhaltig in den Köpfen geblieben. Zumindest konnte ich das bei mir selbst feststellen und habe wieder einmal gemerkt, wie wichtig es ist, seine Stimme zu nutzen.“

Dass der Rücklauf so mau war, kann viele Gründe haben.

Produktionsstress, oder wie es in der Absage von Oguz Yilmaz, ehemals von Y-Titty hieß: "Umzugsstress". Kein YouTuber ist auf Berichterstattung in klassischen Medien angewiesen. 

Wir messen das politische Engagement von YouTubern nicht an den Antworten auf unsere Anfrage. Viele Youtuber haben schon vor der Europawahl und auch danach politischen Content produziert. Andere waren in der Zwischenzeit genauso wenig politisch wie zuvor.

Aber: Vielleicht ist unsere versandete Recherche ein Symptom für das Verhältnis zwischen YouTubern und Journalisten.

Denn dieses Verhältnis macht gerade Schlagzeilen. Nach unserer Anfrage und vor dem Schreiben dieses Textes war Rezo Gast bei Space Frogs (YouTube), beantwortete Fragen und übte harsche Medienkritik. Unter anderem beschwerte er sich, dass FAZ und BILD ihn fragen, was er von den Fernflügen seiner YouTuber-Kollegen aus dem "90 +"-Video hält. FAZ und BILD schreiben, es gebe eine Diskrepanz zwischen Vielfliegerei und Ökoanspruch der YouTuber.

Rezo findet, die Flüge seiner Kollegen hätten nichts mit ihm zu tun. "Journalisten sind teilweise so dumm", sagt er im Video. Dann wirft er der FAZ im Trump-Duktus vor, sie mache "irrelevante Pseudonews". 

Rezo hat kein Vertrauen in große Medien. Er glaubt, sie versuchten, ihn vorzuführen "für Klicks". Ein Journalistenverband kritisierte das – zog die Kritik aber wieder zurück und entschuldigte sich. Viele andere YouTuber und bekannte Journalistinnen sprangen Rezo bei.

Der Impuls ist verständlich: Es wirkt aus der Zeit gefallen, wenn der tradierte Journalismus den jungen YouTubern mit der moralischen Keule kommt.

Aber beide liegen falsch. Die YouTuber – und die Journalisten.

Eine öffentliche Person muss damit klarkommen, dass ihr Fragen gestellt werden. Das gilt für Journalismus überall: In der FAZ, in der BILD und auch für journalistische Formate auf YouTube. 

Das ist essentiell für eine Gesellschaft und eine Demokratie, im öffentlichen Raum verhandeln wir unsere Werte und ihre Grenzen: Schauspielerinnen werden spätestens seit #metoo gefragt, was sie von Feminismus halten. Fußballerinnen und Fußballer lösen Debatten aus, wenn sie Fotos mit Präsidenten machen (Özil) oder ablehnen (Rapinoe). Und wenn Manager sich rassistisch äußern, werden sie dafür kritisiert.


YouTuber dagegen werden von den "klassischen Medien" oft entweder ignoriert – oder nicht ernst genommen.

Das zeigt sich in einer Folge von "Muss das sein", einem Podcast der YouTuberin Mirella Precek mit dem Journalisten Flo von Flovloggt. Eigentlich sollte es darin auch um Politik gehen (T-Online), sagte Mirella zum Start. Unter 13 Folgen  ("Bauch, Beine Po", "Wie macht man richtig Schluss" ) findet sich zwar nur ein einziges politisches Thema. Das ist aber umso spannender: "Ist Politik geil? - Der Rezo Effekt".

Mirella erzählt darin, wie der Hype um Rezos Video auf sie "übergeschwappt" sei und sie plötzlich von "großen Medien" Interviewanfragen bekommen habe.

  • Flo: "Wenn du da Interviews gegeben hast, hattest du das Gefühl, die waren sehr kritisch?"
  • Mirella: "Nee, also gar nicht. Ich muss sagen, dass ich immer das Gefühl hatte, die stehen auf unserer Seite, in Anführungszeichen."
  • Flo: "Und das sollten sie ja eigentlich gar nicht. Die sollten auch dich ja eigentlich grillen."
  • Mirella: "Nö, das Gefühl hatte ich gar nicht. Das war relativ eindeutig wie Fragen gestellt wurden, in welche Richtung das geht und was die auch hören wollten. (…)"

Wenn Journalisten so mit YouTubern sprechen – wie sollen sie dann ihre Rolle interpretieren?

Es ist höchste Zeit, die mächtigsten Medienmacher unserer Generation öfter nach ihrer Meinung zu fragen. Sie zu kritisieren, nachzuhaken, nachzufragen.

Denn Menschen, die man ernst nimmt, macht man auf argumentative Lücken, dünne Argumente und irreführende Visualisierungen aufmerksam. Man fragt sie, was sie von den Entwicklungen unserer Zeit halten, wie sie mit Verantwortung umgehen und vielleicht auch, wie sie es mit sich vereinbaren können, für das Klima Wahlempfehlungen abzugeben und dann um die Welt zu fliegen.

Wer sich politisch so deutlich positioniert wie Rezo und die 90+ YouTuber, sollte darauf Antworten haben – und öfter gefragt werden. Dann antworten YouTuber vielleicht auch, wenn gerade echt viel zu tun ist.

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Fühlen

Braucht Deutschland eine Regelung gegen Sexismus und Genderstereotype in der Werbung?
Drei Profis antworten.

Frauen waschen lächelnd Wäsche, weil sie das am besten können, und wollen schon im Kindergarten Ballerina werden. Männer sind nicht fähig, Kinder zu erziehen, entwickeln aber dafür Elektroautos. Gefühle? Höchstens Hunger. Also, in der Werbung natürlich.

In Großbritannien gilt seit Anfang des Jahres eine selbstverpflichtende Regelung, die allzu plumpe Geschlechterklischees in der Werbung verhindern soll. 

Sie wurde erarbeitet von der Advertising Standards Authority (ASA) und betrifft sexistische Werbespots, die zum Beispiel Körper stark sexualisieren oder objektifizieren, aber auch Werbungen, die veraltete oder schädliche Geschlechterrollen verbreiten (bento). Die ASA ist zwar ein Organ der Selbstkontrolle – doch die meisten Werbetreibenden halten sich an ihre Vorgaben (siehe Infokasten).

Vergangene Woche kritisierte die ASA nun erstmals zwei Werbespots. 

In einem der beanstandeten Werbespots arbeiten Männer als Astronauten oder machen Sport. Die einzige Frau, die zu sehen ist, sitzt neben einem Kinderwagen auf einer Bank (YouTube). Der andere zeigt zwei Männer, die auf ihre Kinder aufpassen sollen – und daran scheitern. (YouTube) Beide Werbespots werden nun nicht mehr ausgestrahlt. (Guardian)

Wie ist die Situation in Deutschland?

Sexistische Werbung gibt es auch hier. Warum machen zum Beispiel alle Dreck, aber nur Mama wäscht?