Bild: Katka Schade

Landtagswahl in Sachsen. Die Luft hat den ganzen Tag gedrückt, so schlimm, dass sich jeder nach einem Gewitter gesehnt haben muss, aber auch am Abend, nach einem Regenguss, bleibt die Luft schwül. Was für ein perfektes Bild für diesen Wahltag, denke ich noch, während ich mich auf den Weg mache, um herauszufinden, wie Chemnitz' linke Szene auf die Wahlergebnisse reagiert. 

Denn eines ist klar: Die Aufmerksamkeit, sie wird bei der AfD landen, mal wieder. Am Ende des Tages wird feststehen, dass die AfD 27,5 Prozent der Wähler für sich gewonnen hat. Damit wird sie zweitstärkste Kraft. Ähnlich sieht es in Brandenburg aus. 

Was macht das Wahlergebnis mit denen, die sich gegen Rechts einsetzen? Die für Klima- und Tierschutz kämpfen, die mit Humor versuchen, einen lockeren Ton in die Politik zu bringen, die versuchen, sich für Menschenrechte einzusetzen?

Zwischen ironischer Distanz und Ernsthaftigkeit

Ich treffe Matthias kurz nach der ersten Prognose. Matthias Boehle, 26, war Direktkandidat für Die Partei. Er sitzt mit seinen Kollegen entspannt vor der Balboa Bar, die zur "Wahlabenderträglichkeitsrunde" eingeladen hat. 

Die Runde um seinen Tisch fällt optisch auf: Die meisten tragen einen gepflegten Anzug mit roter Krawatte. Die Bar, vor der sie ihr Bier nippen, wurde erst vor Kurzem eröffnet und soll den "Brühl Boulevard" beleben. In den 80ern war das Gründerzeitviertel eine gut besuchte Einkaufsmeile. Heute sorgen seit Jahren engagierte Chemnitzer dafür, dass der Boulevard wieder aufblüht. 

(Bild: Katka Schade)

"Die Kulturförderung ist in Chemnitz eher schlecht", sagt Matthias, "aber mit der Machtübernahme von Die Partei wird das eh alles hinfällig sein." Es ist das übliche Spiel mit der Partei – offiziell ist nichts ernst gemeint, aber eine Botschaft kann man eben doch erkennen.

"Rechte Strukturen werden ihren Weg finden. Unabhängig wie Wahlen ausgehen", sagt Matthias. 

Die Wahlergebnisse sieht Matthias trotzdem eher gelassen. Er habe die Hoffnung in die Menschen und in das Land noch nicht aufgegeben – vor allen Dingen nicht in seine Partei. "Die AfD wird sich weiter selber zerschellen", sagt er. 

Als die erste Prognose an die Wand gebeamt wird, scheint niemand überrascht zu sein. Matthias ist in Sachsen geboren, er glaubt nicht, dass sich das Klima in Chemnitz verändern wird. Das liege besonders an den über 60-Jährigen, glaubt er – von 240 000 Einwohnern stellen sie rund mehr als 80.000. Und die würden oft strategisch wählen, die CDU, damit die AfD nicht stärkste Kraft wird.  "Die Leute glauben, dass die Wahl einer Kleinpartei eine vergeudete Stimme sei. Das ist nicht der Sinn der Demokratie", sagt der 26-Jährige. 

Matthias bleibt trotzdem optimistisch. Er rechnet mit einem guten Ergebnis für seine Partei: "Unter den ‘Sonstigen‘ verbergen sich ja sonst nur kleine Parteien, die wir mittlerweile quasi geschluckt haben." Weglaufen, wenn es die AfD in die Landesregierung schafft, käme für ihn nicht in Frage, es sei wichtig hier Präsenz zu zeigen. Wer versorge sonst die Stadt mit E-Scootern? Auf einem Foto auf ihrer Homepage posieren die Partei-Mitglieder auf Senioren-Elektromobilen vor dem Karl-Marx-Kopf. 

Ich habe genug von ironischer Distanz, verabschiede mich und ziehe weiter, vorbei am prächtigen Theaterplatz Richtung Zentrum. Dort findet im Rothaus die Wahlparty der Chemnitzer Linken statt. Die Straße vor dem Verein zur politischen Kultur wirkt wie leergefegt und ist etwas heruntergekommen. Auf der Glastüre des Ladens nebenan kann man noch "Wir sind umgezogen" lesen. 

Das Ultimatum

Caya sitzt mit ihren Freund Robin Rottluff – stellvertretender Vorsitzende der Linken in Chemnitz – und weiteren Besuchern der Wahlfete auf der Treppe vor dem Eingang. Party-Pappbecher stehen neben ihnen, aber niemand sieht aus, als wolle er feiern.  Caya Hälker ist 23, studiert Psychologie und engagiert sich bei Amnesty International.

(Bild: Katka Schade)

"Es ist schlimmer geworden, als ich dachte", sagt Caya, "Mir tut das richtig weh, wenn man über die Straßen läuft und denkt, jeder Dritte hat hier die AfD gewählt." Auch drinnen sei die Stimmung im Keller. Alle hätten geglaubt, dass Die Linke mindestens 14 Prozent bekommt. Es wurden 10,4. Doch Caya ist zuversichtlich, dass die AfD nicht in die Regierung kommt. 

Vor Kurzem ist sie erst in ein Projekthaus am Brühl gezogen, das genossenschaftlich organisiert ist und das von der Stadt mitfinanziert wird. Solche Projekte könnten es in Zukunft schwer haben, sagt sie. Auch um ihre Arbeit bei Amnesty macht sie sich Sorgen: "Wenn die Stimmung in der Stadt schlechter wird, ist es für uns schwieriger Fahne zu zeigen. In Chemnitz kann es ja schon zu rechter Gewalt kommen."

Während Caya darüber spricht, verlassen immer mehr Menschen das Rothaus. Alle paar Minuten knallt die Türe zu. Die Linken sind auf dem Weg ins Rathaus, wo die Direktmandate vergeben werden. Drinnen sitzen nur noch eine Handvoll Leute im Raum und starren auf die Ergebnisse der Landtagswahl in Chemnitz. Die Einwohner haben gewählt: 32,65 für die CDU und 25 Prozent die AfD. 

Ob Caya deswegen die Stadt verlassen will? Wegziehen wäre kontraproduktiv, denn irgendwer müsse hier noch linke Stimmen abgeben, findet sie. Ihr Leben lang in Chemnitz bleiben will sie trotzdem nicht: "Ich habe das Gefühl, dauerhaft ein Opfer bringen zu müssen. In anderen Städten ist es attraktiver zu leben. Da opfere ich einen Teil meiner Lebensqualität." Die nächsten fünf Jahre will sie noch abwarten. Aber zwei Legislaturperioden AfD will sich nicht geben. 

Subkultur und Tierschutz

Ich mache mich auf den Weg zu Leuten, die mehr zu feiern haben: Im Weltecho, einem Verein für Kunst und Kultur, schmeißen die Chemnitzer Grünen ihre Wahlparty. Die Musik schallt durch den großen Innenhof und ist schon in der Ferne zu hören. Eigentlich wollte Ben Zeise, 30, schon längst hier sein. Aber er hängt stundenlang auf der A72 fest. Kurz vor Chemnitz. 

(Bild: Katka Schade)

Ben studiert, arbeitet nebenher im Weltecho und  setzt sich für Umweltschutz und Tierschutz ein. Als er endlich den großen Innenhof des Gebäudekomplexes betritt, ist es bereits kurz nach 22 Uhr. Seit einem Praktikum im Bundestag bei den Grünen fühlt er sich der Partei verbunden, Mitglied ist er aber noch nicht. 

Ben kommt quasi rechtzeitig zur Party: Bei den Grünen wird getanzt. Die Partei konnte ihre Stimmen seit der letzten Landtagswahl 2014 verdoppeln – weniger als bei den Prognosen ist es dennoch.

Die Wahlergebnisse findet Ben trotzdem ganz in Ordnung. "Es war klar, dass es so kommt. Besser als die Endzeitszenarios, die manche sich vorher ausgemalt haben, wie die absolute Mehrheit der AfD", meint Ben. Seine Cap trägt er mit dem Schirm nach hinten, Tattoos zieren seine Oberschenkel. Mit Freunden gründete er das "Kollektiv 58". Neben Solipartys für den Tierschutz unterstützen sie Initiativen für Kinder und Jugendliche. "Es gibt viele Leute, die aktiv sind, aber damit kannst du das Denken der Menschen nicht umpolen. Es wäre vermessen das zu denken", wirft der gebürtige Berliner ein, der gerne "ick" statt "ich" sagt. 

"Das, was wir machen, ist Subkultur". 

Eine Sache bereitet ihm aber Sorgen. Sie betrifft das Weltecho, den Verein, bei dem die Grünen gerade Feiern. Einige hatten befürchtet, dass Nico Köhler von der AfD das Direktmandat bekommt. Dann wären Fördermittel für den Verein eventuell in Gefahr gewesen. "Wenn du hier lebst, dann rechnest du mit sowas. In Chemnitz und auch im ländlichen Raum merkst du, dass hier ein anderer Wind weht", sagt Ben. Am Ende schafft es die CDU aber, alle Chemnitzer Direktmandate zu verteidigen. 

Die Dringlichkeit des Seins

Wenige Stimmen machen hier in Chemnitz gerade einen riesigen Unterschied: Was wird gefördert, was dicht gemacht? 

Auf dem Heimweg, der Tag neigt sich dem Ende, drückt die Luft immer noch, und ich denke über die Frage nach, über die ich mit allen drei jungen Chemnitzern gesprochen habe: Gehen oder bleiben? 

Früher bin ich davon ausgegangen, dass ich irgendwann in meine Heimat, NRW, zurück ziehen würde. 

Aber ich lebe gern in Chemnitz, dieser Stadt, die zu groß ist für ihre Einwohner und die einem deshalb Platz lässt, sich zu entfalten, neue Sachen auszuprobieren, ohne Risiko einfach mal etwas zu machen. In Chemnitz muss man nicht superhip sein, um auszugehen und man muss noch nicht genau wissen, wohin man will, um sich auf den Weg zu machen. 

Ich bin Journalistin, keine politische Aktivistin. Ich weiß, dass es für mich nicht leicht wird, hier nach dem Studium einen Job zu finden. Aber bleiben würde ich gerne.


Future

Faul und verwöhnt? Was Arbeitgeber an der Generation Z nicht verstehen

Fragt man Deutschlands Arbeitgeber, dann sind junge Menschen faul. In einer Umfrage der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) üben sie Kritik an der Generation Z. Also denjenigen, die zwischen 1995 und 2012 geboren wurden, das sind rund 13 Millionen junge Menschen deutschlandweit. Die DIHK veröffentlicht jedes Jahr eine Ausbildungsumfrage, in der Arbeitgeber zum Verhalten junger Arbeitnehmer befragt werden. Das Ergebnis der aktuellen Ausgabe: 63 Prozent aller Jugendlichen fehle es an Motivation, Leistungsbereitschaft und Belastbarkeit.