Bild: Benjamin Eckert
Filip Goman über seine Tochter Mercedes Kierpacz, die ihm bei dem Anschlag in Hanau genommen wurde.

Filip Goman hat viel Gewicht verloren in den vergangenen Monaten; seine Augenlider sind geschwollen. Als er den Raum betritt, entschuldigt er sich für seine Verspätung: Die Schlafmittel, die ihm verschrieben wurden, wirkten nicht mehr so wie am Anfang. Und wenn er nachts noch welche nähme, dann fiele es ihm schwer, am Leben teilzunehmen. Überhaupt fiele ihm alles schwer: Er vergesse so viel, dauernd, sein Kopf mache nicht mehr richtig mit.

Goman kehrt immer wieder zu dieser Nacht zurück, zu dem 19. Februar. Seine Tochter, Mercedes Kierpacz, wurde in einem Kiosk wenige Meter von ihrer Wohnung entfernt von einem Rassisten erschossen. Sie wollte Pizza holen. Während er davon erzählt, wirkt es, als sehe er alles immer wieder vor dem inneren Auge. Der Schmerz sitzt so tief, dass man den Eindruck bekommt, der ganze Mensch sei geschunden, jemand, der bei jeder Berührung, jeder Frage, zusammenzuckt.

Saying their names: Die Angehörigen sprechen über die Opfer des Hanauer Anschlags

Am 19. Februar 2020 erschoss ein rechtsextremistischer Attentäter neun ihm unbekannte Menschen, tötete anschließend seine Mutter und beging dann Suizid. 

Ein halbes Jahr später haben wir mit den Angehörigen der Ermordeten gesprochen – um an die Verstorbenen und ihre Familien zu erinnern. Und auch, um die Familien zu fragen, ob es etwas gibt, das Deutschland ihrer Meinung nach im Umgang mit Rassismus begreifen muss. Mit allen Angehörigen haben wir je etwa zwei Stunden gesprochen und das Gesagte in Protokollen verdichtet. Diese wurden von den Angehörigen gegengelesen und autorisiert. 

Vom 19. August 2020 an, genau ein halbes Jahr nach dem Anschlag, werden wir jeden Tag eines der Protokolle veröffentlichen – in der Reihenfolge, in der wir die Gespräche geführt haben. 

Einen Überblick aller bisher erschienenen Texte findest du hier.

"Als mein Sohn anrief an diesem Abend, und sagte 'Mercedes wurde erschossen', habe ich nur geantwortet: 'Quatsch, wer sollte denn Mercedes erschießen?' Ich konnte es nicht glauben.

Manchmal kann ich es bis heute nicht glauben.

An dem Abend bin ich zu dem Kiosk gerannt, von dem mein Sohn gesprochen hatte. Die Polizei war schon da, man wollte mich aber nicht reinlassen, wegen der Spurensicherung. Ich habe gefragt, ob eine Frau da drin ist, und einer der Beamten sagte Ja. Also habe ich gesagt: 'Ich rufe jetzt auf ihrem Handy an. Und Sie müssen mir sagen, ob es klingelt.' Er ist reingegangen, ich habe angerufen, und als er rauskam, sagte er nur 'Ja, es klingelt.'

Ich habe die ganze Nacht vor dem Tatort gewartet, um sie zu sehen. Es war kalt, Februar, und die Polizisten haben immer wieder gesagt, wir sollten nach Hause gehen, man würde uns dann Bescheid geben. Aber ich konnte nicht gehen. Wir konnten nicht gehen.

Wir haben in Autos gewartet, die ganze Familie. Bei jedem Schichtwechsel habe ich denen gesagt: 'Wenn ihr da drin fertig seid, dann müsst ihr mich reinlassen.'

Es hat bis zum nächsten Tag gedauert.

„Irgendwann, gegen sieben oder acht Uhr abends, nach ungefähr 20 Stunden warten, haben sie mich rangewunken.“

Mercedes lag auf einer Trage in einem Leichensack. Ein Auge war leicht geöffnet. Sie hat mich angesehen, und für mich war es, als würde sie mir sagen: 'Da bist du ja endlich. Ich habe auf dich gewartet.' So habe ich das zumindest empfunden. Als wollte sie mir sagen: 'Papa, ich verspreche, das wollte ich nicht. Ich wollte hier nicht sterben.'"

Goman presst sich eine Hand auf das Herz und wischt sich mit der anderen die Tränen aus dem Gesicht.

"Dieser Schmerz, Sie können sich das nicht vorstellen, einen solchen Schmerz zu spüren. Ich will es nicht begreifen.

Ich habe mir auch das Video der Sicherheitskamera angeschaut, aus der Nacht, in der sie erschossen wurde. Ich wollte sehen, wie das passiert ist. Wie? Wie, wie kam das? Sie wollte doch nur Pizza holen, für die Kinder.

Mercedes hätte nicht sterben müssen. Sie stand hinter der Tür, wäre der Täter auf dem normalen Weg in den Kiosk hineingegangen, hätte er sie nicht gesehen. Aber er hat den Seiteneingang genommen, hat sie sofort gesehen, und zack, hat er sie einfach abgeknallt. Wäre er nur anders hereingegangen, sie hätte nicht sterben müssen.

„Manchmal denke ich, Gott hat gesehen, dass jetzt die richtige Zeit ist, sie zu nehmen, damit sie noch ins Himmelreich kommt.“

Wissen Sie, Mercedes war ein gutes Mädchen. Sie hat sich immer um alle gekümmert, sie wollte immer wissen, wer was macht, wo wer ist, warum jemand nicht zum Essen kam oder zu spät dran war.

Mercedes hat oft für uns gekocht, für mich, meine Ex-Frau und ihre Kinder. Ich habe oft nicht verstanden, was sie da genau macht, Nudeln mit Soße. Ich bin Rom, für mich war es modernes Zeug. Jetzt vermisse ich die Nudeln. Sie hat auch gern die Musik laut gedreht und getanzt. Allein, für sich, einfach so. So jemand will nicht sterben.

#saytheirnames: Aufkleber wie dieser machen an vielen Orten Hanau auf die Namen der beim Anschlag getöteten Menschen aufmerksam

(Bild: Benjamin Eckert)

Für unsere kleine Familie war sie das Zentrum. Jetzt sind alle verstreut, ihre Kinder sind bei den Omas und ich bin allein in meiner neuen Wohnung.

Ich konnte da nicht bleiben, wo wir gelebt haben. Ich konnte nicht jeden Tag auf diesen Ort schauen, an dem meine Tochter hingerichtet wurde. Es hat Monate gedauert, bis die Stadt mir eine andere Wohnung geben konnte. Dabei sind es doch nur zwei Zimmer! Die Familien der anderen Opfer wohnen noch immer an diesem Ort.

„Unsere Leben sind zerstört.“

Wir gehen seit fünf Monaten jeden Tag in einen Gedenkraum und sprechen über diese Tat. Ich wünsche mir Hilfe für die Familien. Richtige Hilfe.

Ich gehe seit sechs Monaten nicht mehr zur Arbeit, ich kann nicht, ich schaffe es nicht. Ich bin kaputt. Seelisch und moralisch kaputt."

Auf einmal wirkt Goman wütend, ratlos - er fühlt sich alleingelassen von Deutschland, von der Stadt Hanau, von den Behörden.

"Diese Tat hätte verhindert werden können. Dieser Tobias, er hat nicht im Geheimen geplant, Menschen zu töten. Er hat sich an die Öffentlichkeit gewandt. Er war krank. Er hatte Waffen. Und niemand ist auf die Idee gekommen, da mal nachzufragen? Das kann ich nicht begreifen.

Aber die Tat ist geschehen, man kann sie nicht rückgängig machen. Ich wünsche mir eine Wiedergutmachung, für alle Familien. Ich will das für die Kinder. Die brauchen finanzielle Unterstützung. Die sollten es doch mal besser haben. Jetzt wachsen sie ohne Mutter auf - weil die Behörden weggeschaut haben. Es ist ihre Aufgabe, für sie zu sorgen. Niemand kann eine Mutter ersetzen. Aber mehr helfen, Sicherheit schaffen, das könnte man."


Gerechtigkeit

Männlich, 20, verschwörungsgläubig: Gespräch mit einem, der an die "Corona-Diktatur" glaubt
Marco, 20, sieht sich selbst als "Wahrheitssuchenden". Gefunden hat er sie auf YouTube.

Zur Begrüßung streckt Marco lächelnd die Hand aus. Die Empfehlung, Fremden derzeit nicht die Hand zu schütteln, zählt für ihn nicht. "Ich bin ja kein Wissenschaftler", sagt Marco, "aber diese ganzen Corona-Sicherheitsmaßnahmen wirken schon arg überzogen." Dann gibt er sich mit einem Ellenbogen-Bump zufrieden.

Marco, 20, zählt sich zum Kreis derer, die von vielen als Verschwörungstheoretiker oder Verschwörungsmystiker betitelt werden. Er selbst mag diesen Begriff nicht, er komme ihm abwertend vor. "Wahrheitssuchender oder jemand, der hinterfragt, wäre treffender", sagt Marco. 

Verschwörungstheorien sind in allen Altersgruppen verbreitet

Anfang Mai hatte er sich via Instagram gemeldet. Er beschwerte sich über einen bento-Artikel, der sich mit den Verschwörungsmythen von Attila Hildmann und Xavier Naidoo beschäftigte. Seiner Meinung nach dürfe man die beiden nicht so kritisch angehen, zudem sei der Beitrag irgendwie von oben gesteuert. "Also bitte ich sie, sowas nicht mehr mit sich machen zu lassen, denn sie haben immer eine Wahl", schloss Marco damals seine Nachricht.