Es gibt drei Schritte, die helfen können.

Am Anfang war die Meldung nur ein Satz: Ein Auto ist in Münster in eine Menschengruppe gefahren. Trotzdem war die Sache für viele sofort klar: 

Ein Anschlag. Islamistischer Terror. Manche teilten diese Vermutungen, Gerüchte und Spekulationen in den sozialen Medien.

Dass es beides wahrscheinlich nicht war, wurde nur wenige Stunden nach der Tat immer deutlicher. Und außerdem gab es allein im vergangenen Jahr sehr viele ähnliche Vorfälle, die nichts mit Terror zu tun hatten – hier eine kleine Auswahl: 

  • Melbourne - Fahrer steuert in Menschenmenge, vermutet wurden psychische Probleme und Drogenmissbrauch (Zeit Online).
  • New York – Auto rast in Menschenmenge, der Fahrer war Ex-Soldat und stand vermutlich unter dem Einfluss von Drogen (tagesschau.de)
  • Helsinki: Betrunkener rast in Menschenmenge (Faz.net)
  • Auto schleudert in MenschenmengeAcht Verletzte nach Alkohol-Fahrt in Bonn (Rheinische Post)

Warum also war der erste Gedanke Terrorismus? Und warum ist es so vielen nicht gelungen, auf die Ergebnisse der Ermittlungen zu warten? Warum überschlug man sich mit Anschuldigungen, Vermutungen und sarkastischen Kommentaren?

"Um politisches Kapital daraus zu schlagen", sagen jetzt manche – und machen gleich weiter mit den Anschuldigungen. Klar, es gibt politische Akteure, die aus Tragödien Kapital schlagen (Grüße an Erika Steinbach). Aber das ist wahrscheinlich nicht die Mehrheit. 

Warum also verbreiten manche Gerüchte, von denen sie wahrscheinlich glauben, es sei die Wahrheit? Warum spüren andere Erleichterung, wenn es heißt, es sei doch kein Terror gewesen?

Es gibt sicher viele Gründe, aber einer davon ist:

Labels, also Kategorien. 

Sie helfen uns, die Welt besser zu verstehen. Je schrecklicher eine Tat, je weniger wir nachvollziehen können, warum etwas passiert, desto erleichternder ist es, wenn es ein Label gibt. Wenn uns etwas hilft, eine Tat einzuordnen, weg zu sortieren, in eine Schublade zu stecken. 

Das Problem dabei ist: Wir tun damit so, als wäre alles eindeutig. 

In Münster hieß es bald, der Täter sei ein "psychisch labiler Einzeltäter" und "Deutscher". Nur: Beide Eigenschaften dürften auch auf einige Islamisten zutreffen. 

Die Grenzen sind von außen nicht immer leicht zu erkennen zwischen:

  • Terroranschlag (politisch oder religiös motiviert), 
  • Amoklauf (scheinbar wahllose Angriffe auf mehrere Menschen), 
  • erweitertem Suizid (wenn beispielsweise Familienmitglieder mit getötet werden) und 
  • Suizid durch andere (wenn man sich absichtlich so verhält, dass beispielsweise Polizisten einen töten). 

Die Frage ist aber: Macht es für uns persönlich wirklich einen so großen Unterschied, um welche Tat es genau ging? Oder versuchen wir mit solchen Labels nur, Ruhe in unsere Köpfe zu bringen? Das wäre verständlich. 

Aber wir schaden mit solchen Zuschreibungen auch. 

  1. Weil wir beginnen, sie automatisch zu nutzen. Wir hören "Auto fährt in Menschenmenge" und denken "islamistischer Terrorismus". 
  2. Weil wir so ganzen Menschengruppen eine Nähe zu Taten unterstellen, die nichts mit ihnen zu tun haben – und das beginnt, unser Weltbild zu prägen. So etwas nennt man "Bias" (Daily Beast) oder "Kognitive Verzerrung".
  3. Weil viele von uns faul werden. Wir vergessen, auf den einzelnen Fall zu schauen, versuchen nicht mehr, den Menschen hinter der Tat wirklich zu verstehen. Er war "psychisch labil" und fertig. Aber sehr viele Menschen sind labil, ohne jemals jemanden zu töten.
Was also tun gegen diese automatischen Verknüpfungen, die jede auf ihre Art im Kopf hat? 

Die gute Nachricht: Wir können etwas unternehmen. Und zwar genau so wie gegen andere schlechte Gewohnheiten. Das sagt zumindest die Verhaltensforscherin Patricia Devine. (NPR) Sie hat mit ihrem Team einen ganzen Workshop entwickelt, der einem gegen Vorurteile helfen kann. 

Ein wichtiger Bestandteil ist beispielsweise eine Routine, mit der man sich auch andere schlechte Gewohnheit wie Rauchen, Knibbeln an den Fingernägeln oder Nasenbohren abgewöhnen kann. Die drei Zauberwörter dafür heißen: 

"Detect, reflect and reject" zu deutsch: Wahrnehmen, darüber nachdenken und ablehnen.

Wir müssen erst einmal merken, wann wir automatische Schlüsse ziehen. Erst dann können wir darüber nachdenken, warum das so ist – und warum unsere Schlüsse in diesem Fall unangemessen sind. Die Methode wurde getestet und zeigt Wirkung – auch, wenn selbst Patricia Devine keinesfalls davon ausgeht, dass es einfach ist. 

Besonders bei derart erschreckenden Ereignissen wie denen in Münster dürfte es besonders schwer sein. Denn Devines Methode zwingt einen, das beruhigende Label, die vorgefertigte Erklärung, die uns die Welt sortiert, aufzugeben – und uns stattdessen einzugestehen, dass wir nur selten verstehen können, warum manche Menschen andere töten. Es ist in diesen Momenten eine aktive Entscheidung für die Unsicherheit, für das Fragezeichen, dafür, für einen Moment hilf- und ahnungslos zu sein.

Aber dafür ist es auch die Entscheidung, zu versuchen, seinen eigenen Vorurteilen zu entkommen, Menschen nicht als stereotype Abziehbilder und ihre Handlungen nicht als unvermeidliche, vorhersehbare, sich selbst erfüllende Prophezeiungen zu sehen. 

Viele von uns werden noch oft in Situationen sein, in der man sich sehr schnell Klarheit wünscht. Wahrscheinlich gilt: Je verunsichernder eine Nachricht, desto stärker muss man hinterfragen, warum man was denkt. 

Dieses Wissen allein könnte dazu führen, dass man vorschnelle Schlüsse für sich behält, hinterfragt – und damit langfristig ein bisschen dazu beiträgt, dass echte Erkenntnisse schneller bei uns Ankommen als Vorurteile.

*Die Beispiele anderer Fälle mit Fahrern, die in Menschenmengen steuerten, wurde der Anschaulichkeit halber ergänzt.


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In Syrien sollen bei einem Giftgasangriff viele Menschen getötet worden sein
Das sind die Fakten, die wir haben.

Bei Angriffen auf die Stadt Duma sind in Syrien zahlreiche Menschen getötet worden. Laut Rettungskräften starben sie durch Giftgas. Die syrische Hilfsorganisation Weißhelme warf dem Regime in Damaskus vor, eine Fassbombe mit Chemikalien abgeworfen zu haben. Dabei seien mindestens 150 Menschen getötet und mehr als 1000 verletzt worden.