Bild: dpa/Britta Pedersen

Der Journalist Constantin Schreiber war in deutschen Moscheen unterwegs – und wurde dafür in den vergangenen Wochen viel kritisiert. Der "Tagesschau"-Moderator hatte sich ein Jahr lang Predigten in mehreren Moscheen angehört, seine Erlebnisse schildert er im Buch "Inside Islam" und einer dreiteiligen ARD-Dokumentation. (bento).

Beides kam eher weniger gut an:

Viele Kritiker werfen Constantin vor, ein zu negatives Bild vom Islam zu zeichnen.

Constantin habe sich einige wenige Moscheen herausgepickt und würde nun pauschal alle Muslime in Deutschland als Radikale darstellen. Wir haben ihn daher mit Aussagen seiner Kritiker konfrontiert.

Constantin Schreiber

Constantin ist 37 und seit Januar Moderator bei der "Tagesschau". Er lebte in Syrien und hat unter anderem in Beirut und Dubai gearbeitet. Für das ägyptische Fernsehen moderierte er eine Wissensshow auf Arabisch. Seine Flüchtlings-Reihe "Marhaba – Ankommen in Deutschland" auf n-tv erhielt 2016 einen Grimme-Preis.

Im vergangenen Jahr besuchte Constantin jeden Freitag einen andere Moschee in Deutschland. Die Ergebnisse hat er im Buch "Inside Islam" aufgeschrieben. In der ARD erscheint zusätzlich der Dreiteiler "Moscheereport".

Um deine Arbeit gab es in den vergangenen Wochen viel Aufregung. Was war denn los? 

Ich habe mir Predigten in 13 deutschen Moscheen angehört – und sie mit Experten übersetzt. Mein Ergebnis: Viele Imame halten eher konservative Predigten, von einer offenen Gesellschaft habe ich nur selten gehört. Dafür wurde ich kritisiert.

Es gibt zum Beispiel diesen Tweet von der News-Seite IslamiQ:
Der Vorwurf: Du hättest viel zu wenig Moscheen von innen gesehen.

Ich behaupte auch nicht, über alle Moscheen Deutschlands zu sprechen. Mein Buch ist eine Reportage, ein persönlicher Eindruck. Ich kann auch eine Reportage über Zugfahren in Deutschland schreiben, ohne dass ich in jedem Zug gewesen bin. Ich gebe nur wieder, was ich persönlich erlebt habe.

Aber die Kritik geht noch weiter. Die Freiburger Islamwissenschaftlerin Johanna Pink wirft dir vor, du würdest die Stimmung gegen Muslime in Deutschland durch eine "einseitige Fokussierung auf radikale, militante und abgrenzende Prediger" aufheizen. 

Ich habe mich nicht auf radikale Gemeinden konzentriert. Ich war in ganz normalen Moscheen.

Viele der Moscheen, die du besuchst, werden aber vom Verfassungsschutz beobachtet.

Sehr viele deutsche Moscheen werden vom Verfassungsschutz beobachtet. Das heißt aber nicht automatisch, dass die Gemeinden radikal sind – eher, dass Behörden inzwischen sehr genau hinschauen.   

Kannst du den Vorwurf der Stimmungsmache verstehen?   

Nein. Ich habe immer gesagt, dass muslimisches Leben in Deutschland vielfältig ist. Ich nehme für mich nicht in Anspruch, über alle deutschen Moscheen zu berichten.

In deiner Doku-Reihe besuchst du die Dar-Assalam-Moschee in Berlin, am Montagabend läuft der zweite Teil in der ARD. Die Gemeinde wirft dir auf Facebook vor, ihren Imam zu negativ dargestellt zu haben.

Die Moschee gehört zu denen, die in der Öffentlichkeit sehr polarisieren. Auf der einen Seite ist sie im Fokus des Verfassungsschutzes, Hassprediger sollen dort aufgetreten sein – auf der anderen Seite bietet die Gemeinde Integrationsprojekte und eine interreligiöse Begegnungsstätte an. Ehrlich gesagt, kommt sie in der Sendung sehr differenziert und keineswegs einseitig weg. Dass sie vor der Ausstrahlung der Folge so gegen die Sendung trommeln, kann ich daher nicht verstehen.

Was ist eine Freitagspredigt?

Muslime sollen, wenn möglich, fünf Mal am Tag beten. Besonders heilig ist jedoch der Freitag, dann kommen die Gläubigen nach dem Mittagsgebet zusammen – und lauschen der Freitagspredigt, "Chutba" genannt. Hier spricht der Imam – der Vorbeter der Moschee – über religiöse Fragen, Alltagsprobleme oder auch Politik.

Ein weiterer Vorwurf: Du hättest aus ihren Predigten falsch übersetzt.

Der Vorwurf basiert auf einem unfertigen Beitrag. Den hatten wir versehentlich kurz ins Netz gestellt und nachdem der Fehler erkannt wurde, wieder offline genommen. 

In welcher Form sind denn Predigten in deutschen Moscheen für gewöhnlich zugänglich?

Ich kann nur für die Moscheen sprechen, die ich besucht habe. Dort wurde meist auf Türkisch oder Arabisch gepredigt. Die Dar-Assalam-Moschee behauptet, ihre Vorträge gäbe es auch auf Deutsch. Ich habe vor Ort die Predigt auf Arabisch gehört. Ich konnte selber nicht vergleichen, inwieweit deutsche und arabische Ausgaben übereinstimmten. 

Auch die Ditib – die mehrere deutsch-türkische Gemeinden in Deutschland betreut – sagt, sie stellt ihre Predigten auf Deutsch ins Netz. Was ich dann dort lesen kann, hat mit dem, was ich in den Moscheen gehört habe, aber nichts zu tun.

Die Sendung "Schwarz und Weiß"

Im ägyptischen Fernsehen hat Constantin eine weitere Sendung gestartet – sie heißt übersetzt "Schwarz und Weiß" und handelt von Mythen rund um Europa.

In der ersten Folge berichtet ein Ägypter von seiner Rückkehr aus Paris, ein anderer träumt vom luxuriösen Europa. Schnell wird klar: Für gute Ideen muss man nicht auf den alten Kontinent fliehen.

Das wirkt alles so, als seien Moscheen geheime Orte, wo man als Nicht-Muslim nicht hinkommt.

Das Gegenteil ist der Fall und das zu zeigen, war mir wichtig. Ich will, dass Moscheen auch im Westen als normaler Bestandteil unserer Gesellschaft wahrgenommen werden – und das geht nur, wenn man sie besucht und mit den Gemeinden ins Gespräch kommt. Dass ich dann als Journalist trotzdem kritisch gegenüber konservativen Imamen bleibe, ist ja klar. 

Die bekannte Islam-Pädagogin Lamya Kaddor fragt auf Facebook: "Mit welcher Expertise bewertest du deine Ergebnisse? Warum überlässt du die Analyse der Predigten nicht Fachleuten?"

Tue ich doch. Ich habe mehrere Fachleute angefragt – und die, die sich gemeldet haben, sind auch im Buch. Ich habe niemanden ausgelassen.

Wie hast du die Kritik an deiner Arbeit generell empfunden?

Ich war überrascht, wie kritisch meine Arbeit aufgenommen wurde. Dass ein Buch über den Islam in Deutschland nie leicht ist, war klar. Aber eigentlich wollte ich dazu anregen, sich mehr mit muslimischem Leben hier auseinanderzusetzen – und nicht zu polarisieren. Es gab leider auch viele sehr hasserfüllte Reaktionen, die haben mich schon schockiert.

Auf Twitter gibt es jetzt den Hashtag #MeinMoscheereport – Menschen sammeln dort ihre Moschee-Erlebnisse. Was hältst du davon?

Finde ich gut! Es geht ja gerade darum, mehr Normalität im Umgang mit dem Islam zu ermöglichen. Insofern freue ich mich auf das, was der Hashtag aufzeigt.

Hier könnt ihr noch mal nachlesen, was Constantin in seinem Report beschreibt:


Grün

Wenn du dein T-Shirt heute auf links trägst, bist du Teil einer Revolution

Wir drücken uns mit Mode aus, wir können mit Kleidung Geschichten erzählen – davon, wer wir sind und auch davon, wer wir sein wollen. 

Mode kann also etwas verdammt Schönes sein.