Bild: Alexander Ryumin/Imago

Eine Frau klagt beim Arzt über Schmerzen im Bauchraum. Weil Deutsch nicht ihre Muttersprache ist, kann sie kaum beschreiben, wo der Schmerz sitzt und wie stark er ist. Fest steht nur: Es tut weh. Der Arzt verschreibt ein Schmerzmittel und sagt hinterher zu seinem Praktikanten, dem Medizinstudenten Ben*: "Das war dann wohl ein Fall von Morbus Mediterraneus". 

Ben kannte den Ausdruck damals nicht. Heute hat er sein Medizinstudium abgeschlossen und weiß: Es handelt sich nicht um eine Diagnose. Sondern um einen medizinisch klingenden Ausdruck für ein Vorurteil: "Morbus" ist lateinisch für Krankheit, "Mediterraneus" bedeutet eigentlich binnenländisch, soll sich hier aber auf den Mittelmeerraum beziehen.

Was der Arzt damals wohl sagen wollte: "Die stellen sich immer so an, die Frauen mit Migrationshintergrund."

"Morbus Mediterraneus" habe Ben seitdem oft gehört, sagt er: Von Ärztinnen und Ärzten, vom Pflegepersonal. 

Der Begriff wird auf Menschen aus dem Mittelmeerraum angewendet, aber auch allgemein auf People of Color. Es gibt ähnliche Begriffe, die das Gleiche beschreiben sollen: "Morbus Bosporus", "Morbus Balkan" oder "Mamma-mia-Syndrom". Oft seien Ärztinnen und Ärzte dann wegen der ungenauen Beschreibung und des vermeintlichen "Jammerns" genervt, sagt Ben.

Allerdings würden die "Diagnosen" nie vor den Patientinnen und Patienten ausgesprochen, sagt er. Immer hinter ihrem Rücken. Er habe das immer als abfällig empfunden. "Ich hatte öfter das Gefühl, dass eine als 'deutsch' gesehene Person genauer untersucht worden wäre."

Ben selbst hat Erfahrung mit Rassismus, er ist eine Person of Color. "Wahrscheinlich nehme ich Rassismus eher wahr. Aber alle Ärztinnen und Ärzte sollten den Anspruch an sich selbst haben, den Patientinnen und Patienten ungeachtet von Herkunft oder Hautfarbe vorurteilsfrei zu begegnen." Er selbst habe noch nie das Gefühl gehabt, beim Arzt nicht ernstgenommen zu werden. Allerdings könne er durch sein Fachwissen auch schnell klarmachen, was ihm fehle. 

Frauen sind verstärkt betroffen. Wenn die Leiden der Patientinnen nicht ernst genommen werden, kann das schwerwiegende Folgen haben. 

Der Nationale Aktionsplan gegen Rassismus der Bundesregierung von 2017 beschreibt erhöhte Häufigkeiten von schweren psychischen Krankheiten, besonders bei Frauen, weniger Behandlung und eine erhöhte Suizidrate von Menschen mit türkischem Migrationshintergrund.

"Begriffe wie 'Morbus Mediterraneus' homogenisieren eine Gruppe und werten sie verallgemeinernd herab", sagt Amma Yeboah. Das sei Rassismus, per definitionem. 

Für sie ist das Stereotyp auch ein Ausdruck von Hilflosigkeit des medizinischen Personals. Aber nicht nur im Umgang mit Menschen mit Migrationshintergrund täte sich die Medizin schwer, sondern auch mit Frauen. So würden beispielsweise Herzinfarkte bei Frauen häufig nicht erkannt, weil die Symptome sich teilweise von denen bei Männern unterscheiden. Frauen erkranken zwar seltener an Herzkrankheiten – sie sterben aber deutlich häufiger daran, als Männer. (Deutsche Gesellschaft für Kardiologie

Im Falle von Frauen mit Migrationshintergrund vermischen sich also unterbewusster Sexismus und Rassismus von medizinischem Personal zu einer Abwehrhaltung, die Patientinnen das Leben kosten kann.

Medizin, sagt Yeboah, richte sich generell nach einem Prototyp Mensch: "Er ist männlich, weiß, mitteleuropäisch, jung und hat keine Behinderung." An diesem Prototyp sei alles ausgerichtet, von der Kontaktaufnahme, über Diagnostik und Therapieformen bis zur Medikamentendosierung. 

Sobald Patientinnen oder Patienten davon abweichen würden, fehle oft die Kompetenz, damit adäquat umzugehen. Im Rahmen des Studiums werde zu selten gelehrt, wie Symptome in einen Gesamtkontext eingebettet werden könnten. "Insbesondere fehlen geschichtliche, sozialpolitische und machtkritische Dimensionen von Gesundheit und Krankheit," sagt Yeboah.

Aber woher kommen diese Klischees? Gibt es einen kulturellen Einfluss auf Schmerz?

Esther Pogatzki-Zahn sagt, in verrschiedenen Kulturen werde unterschiedlich mit Schmerz umgegangen. 

Wenn Schmerz beispielsweise psychische Gründe habe, wie ein Trauma, dann sei das für Menschen aus dem mediterranen Raum oft schwer zu verstehen und akzeptieren. 

Wenn also eine Fehlgeburt ein Trauma ausgelöst hat, dass sich mit Schwindel, Übelkeit und Bauchschmerz bemerkbar macht, ist das sehr schwer zu kommunizieren. 

In fernöstlichen Kulturen hingegen gälten Körper und Geist schon immer als sehr verbunden, sodass das Körperliche teilweise vielleicht sogar zu sehr in den Hintergrund geraten könne.

Beides könne zu Missverständnissen mit medizinischem Personal führen, das für solche kulturellen Unterschiede nicht sensibilisiert sei. Erschwerend hinzu komme in vielen Fällen eine Sprachbarriere, die solche Missverständnisse noch verstärke. "Wenn ein Patient sich missverstanden oder nicht ernstgenommen fühlt, wird er vielleicht etwas vehementer," sagt Pogatzki-Zahn. Was dann wiederum den Eindruck verstärken könnte, er übertreibe.

Eine Sache kann sie aber definitiv ausschließen: biologische Gründe. Es könne zwar genetische Unterschiede zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft geben, sagt Pogatzki-Zahn. "Diese weisen aber nicht darauf hin, dass der Körper eines Menschen aus dem Mittelmeerraum deutlich mehr oder weniger empfindlich für Schmerz ist."

Es geht also allein um die Frage, wie Patienten und Mediziner kommunizieren. "Es ist erstaunlich, dass diesbezüglich in den letzten Jahrzehnten nicht mehr passiert sei, es gibt ja nicht erst seit kurzem Migrantinnen und Migranten in Deutschland," sagt Pogatzki-Zahn.

Auch Amma Yeboah wünscht sich mehr Forschung. Es gebe Studien, die belegen, dass Menschen mit Migrationshintergrund häufiger und schwerer an psychischen Störungen erkranken und gleichzeitig viel später behandelt werden. Yeboah fordert aber noch mehr Studien zu den Auswirkungen von Rassismus in der Medizin. Sie ist sich sicher: "Ähnliche Zahlen ließen sich auch in anderen Fachdisziplinen nachweisen."

Die USA sind in der Forschung schon weiter. Dort ist zum Beispiel belegt, dass Women of Color eine drei Mal höhere Gefahr haben, in der Schwangerschaft zu sterben. Der Late-Night-Host John Oliver widmete dem Problem kürzlich ein Segment in seiner Show

Bis heute kommt es im Alltag vor allem darauf an, dass medizinische Fachkräfte selbst sensibel genug sind, ihre Vorurteile zu bemerken. 

Ben wünsche sich deshalb, dass schon an der Uni in Pflichtseminaren über die bestehenden Vorurteile gesprochen und so die interkulturelle Sensibilität erhöht werde. In seinem Studium habe es zwar ein Seminar zum Thema Migration und Gesundheit, in dem das Klischee vom schmerzempfindlichen Patienten aus dem Mittelmeerraum kritisch besprochen worden sei. Verpflichtend gewesen sei das Seminar allerdings nicht, er habe es auf eigene Initiative hin besucht.

Dabei sei das gerade für Medizinstudierende wichtig, die selbst nicht von Rassismus betroffen sind und sich deshalb viel weniger mit diesem Thema auseinandersetzen, sagt Ben. "Mehr Diversität unter Ärztinnen und Ärzten würde aber sicher auch helfen, diese Vorurteile abzubauen."

*Wir haben den Namen geändert. Der richtige Name ist der Redaktion bekannt.


Future

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