Mohammed will den Begriff "Familien-Clan" aus der politischen Debatte verbannen – aber wie? Ein Spaziergang durch Neukölln

Mohammeds Familie gehört zu den "berüchtigsten Clans in Deutschland" – wenn man der Bild glaubt, rangiert sie auf Platz drei, gleich nach Familie Abou Chaker und den Remmos. (BILD)

Mohammeds Brüder sind: ein Anwalt und ein Übersetzer. Seine Schwester steht kurz vor dem Bachelor und er ist 25, studiert Sozialwissenschaften – und setzt sich als Aktivist gegen den Begriff Clan ein. Denn Mohammed sagt, er kenne keine Kriminellen, mit denen er verwand sei. Deshalb macht ihn das Wort wütend. Es sei "Sippenhaft", wenn jemand nur wegen seines Familiennamens verurteilt würde, und es sei Rassismus, wenn kriminelle Familien nur Clan genannt würden, wenn sie aus dem arabischen Raum stammen. 

Weil Mohammed in Neukölln aufgewachsen ist und weil es ein Zentrum der "Clankriminalität" sein soll, treffen wir uns hier zu einem Spaziergang. Los geht es vor dem Neuköllner Rathaus. Es ist schon dunkel, in den Bäumen hängt spärliche Weihnachtsbeleuchtung.

Warum wollte er sich hier treffen? Weil da Martin Hikel sitzt, sagt Mohammed und lacht. Hikel, 32, ist der Bezirksbürgermeister von Neukölln und hat sich mit seiner Strenge gegen die Clans einen Namen gemacht. Das Fernsehmagazin Frontal21 nannte das einen der härtesten Jobs Deutschlands.

Wir schlendern los, vorbei an einem kleinen Afroshop und Schawarmaläden in Richtung der Sonnenallee. Mohammed spricht laut und eloquent, macht ausladende Gesten, immer wieder drehen sich Menschen nach uns um. Er müsse so auftreten um möglichst schnell gegen das Bild des kriminellen Mohammed aus Neukölln zu arbeiten, erklärt er.

Die Sonnenallee bei Nacht

Mohammed schreibt als SPD-Mitglied Anträge, um den Begriff "Familien-Clan" aus der politischen Debatte zu verbannen, er organisiert Podiumsdiskussionen zum Thema und inszeniert Flashmobs. Er erzählt eine Anekdote aus seiner Jugend: 

Als Mohammed in der zehnten Klasse war, kam die Polizei zu Besuch in seine Schule. 

Zum Berufsorientierungstraining durften die Jugendlichen eine Woche lang in Unternehmen unterschiedlicher Branchen "schnuppern". Mohammed wählte die Polizei, schnitt am Ende im Sport-  und Wissenstest als Bester ab.

Danach, erzählt er heute, hätten ein Polizeikommissar und eine Kollegin ihn zur Seite genommen. Statt ihm einen Ausbildungsplatz anzubieten, erklärten sie, seinen Namen schon auf der Liste gesehen zu haben. Sie hätten sich gefragt, was da auf sie zukomme. Aber er sei ja ein ausgesprochen fitter Bursche und hätte was im Kopf. Nur falls er ernsthaft Polizist werden wolle, müsste er in ein anderes Bundesland oder den Namen ändern. "Wegen des Nachnamens könne man meine Loyalität infragestellen hieß es", sagt Mohammed. Das war vor zehn Jahren, lange bevor über die Unterwanderung der Polizei durch Clans diskutiert wurde.

Es war das erste Mal, dass Mohammed bewusst wurde, dass sein Name ein Problem ist.  "Die Pauschalisierung ist Vorverurteilung", sagt er heute. "Die Kriminalität selbst gibt es natürlich. Aber der Begriff 'Clans' bricht das auf Blutsbande und Familienzugehörigkeit runter." Man könne doch nicht einfach so ganze Familiennamen stigmatisieren.

Tatsächlich ist der Begriff "Clan-Kriminalität" umstritten. 

Unter der Definition für "Organisierte Kriminalität" des Bundeskriminalamts tauchen Clans gar nicht auf. Eine Arbeitsdefinition findet sich in einem Papier des Bundes Deutscher Kriminalbeamter. Darin wird auch versucht zu erklären, wie die Familien kriminell wurden:

Vor dem libanesischen Bürgerkrieg seien mehrere Tausend Kurden nach Westeuropa geflüchtet. Trotz abgelehnter Asylanträge waren Abschiebungen unmöglich – das hätten libanesische Behörden verhindert. Auch aus der Türkei und Pakistan reisten Kurden ein. Viele Mitglieder dieser Großfamilien hätten in Deutschland aber nicht arbeiten dürfen, weil sie offiziell staatenlos gewesen seien und ihr Aufenthaltsstatus ungeklärt. Erlöse aus Straftaten seien daher neben dem Erhalt von Transferleistungen zu einer Haupteinnahmequelle geworden, heißt es im Bericht.

Wir gehen weiter. An der Ecke der Sonnenallee steht ein roter Backsteinbau: Darin ist eine der beiden Nord-Neuköllner Polizeiwachen.

Von hier aus werden die Kriminellen bekämpft. Ein übliches Bild: Freitags fährt abends vor der Shishabar oder dem Wettbüro ein Mannschaftswagen der Polizei vor, während Beamte mit Maschinenpistolen den Eingang bewachen, durchkämmt das Ordnungsamt die Lagerräume und zählt die Kasse durch. Diese "Verbundseinsätze" gibt es vor allem in Berlin und Nordrhein-Westfalen. Es sind Ordnungsamts-Kontrollen, bei denen die Polizei sogenannte Amtshilfe leistet.

Mohammed glaubt nicht, dass diese Razzien effizient sind. Immer häufiger stehen die Einsätze in der Kritik. Anwohner halten die häufigen Kontrollen für willkürlich und unverhältnismäßig (Deutschlandfunk). Oft werde nur unverzollter Shishatabak oder überschrittene Kohlenmonoxidwerte festgestellt, sagt Mohammed, aber hinterher gebe es viele martialische Medienberichte: "Es wird ein Bild vom harten Kampf gegen die Clans inszeniert."

Hat Mohammed Recht?

Kriminelle in Großfamilien seien nicht immer hundertprozentig verwandt, oft aber zumindest verschwägert, sagt Zora, die zu organisierter Familien-Kriminalität forscht. Umgekehrt heiße das aber nicht, dass es einen Generalverdacht geben sollte. "Die Blutsfamilie ist die kriminelle Familie. Das bedeutet aber nicht, dass der Sohn vom Boss automatisch ein Krimineller ist. So kann man in einem Rechtsstaat auch nicht vorgehen."

Gerade wie der Begriff Clan gebraucht wird, sieht sie kritisch. "Der Begriff bezeichnet eigentlich eine Struktur, keine Ethnie oder bestimmte Familie. Im Moment wird er aber nur für Araber benutzt - das ist ein Probelm."

Das größte Kapital der Kriminellen ist ihr Bedrohungspotenzial, sagt Zora. Auch eine Studie der Universität Erlangen kam 2015 zu diesem Ergebnis: In bestimmten Communities in Berlin herrsche ein Klima der Angst, weil staatliche Behörden kriminelle Teile von Familien scheinbar nicht mehr genügend unter Kontrolle hätten. 

Das heißt: Wenn die Polizei große Einsätze inszenieren würde, wie Mohammed unterstellt, könnte die Botschaft auch ins Gegenteil umschlagen: Statt Bürgern das Gefühl zu geben, alles sei unter Kontrolle, weil die Polizei sich kümmert, kann auch das Gefühl entstehen, Clans seien riesig und sehr gefährlich, weil ja ständig die Polizei auftauchen muss. 

Um Kriminalität in Familien zu bekämpfen, gebe es zwei Ansätze, sagt Zora: Prävention und Repression. "Was NRW gerade macht, ist sehr erfolgreich: an das Geld gehen." Das heißt: Autos, Wohnungen und andere Statussymbole beschlagnahmen und die Kriminellen über Geldwäsche und ähnliches entlarven. Das ist auch die Strategie hinter den Razzien, die Mohammed kritisiert. (SPIEGEL ONLINE

Sandro Mattioli ist Vorsitzender des Vereins "mafianeindanke" und entwickelt gemeinsam mit Kolleginnen Strategien gegen diese Art von Kriminalität für die Bezirksregierung Neukölln. Für ihn ist das Klischee des Clans vor allem unterkomplex: Kriminalität von Familienmitgliedern finde nicht nur auf der Straße und bei Razzien in schummrigen Shishabars  statt - genauso wichtig sei es, internationale Finanzbewegungen zu verfolgen. "Man tendiert in Deutschland dazu, diese eher brachial vorgehenden Gruppen stärker zu bekämpfen als andere. Dabei richten sie deutlich weniger finanziellen Schaden an als unauffälligere Gruppierungen."

Mohammed und ich stehen mittlerweile vor einem tristen, grauen Gebäude – Mohammeds Grundschule. 

Heute pilgern hier vor Schulbeginn die neu in den Kiez gezogenen, bürgerlichen Eltern ins Sekretariat, um ihre Kinder von der zugeteilten Schule abzumelden – zu viel Migrationshintergrund, zu viele Probleme, für das eigene Kind will man was anderes. 

Mohammeds Eltern hatten damals andere Probleme: Kettenduldungen und Beschäftigungsverbote. So landete Mohammed hier, mit 30 Kindern in einer Klasse. Fast alle hatten Migrationshintergrund, Rassismus erlebte er trotzdem. "Du hast doch bestimmt ein Osama-bin-Laden-Poster über dem Bett", habe mal ein Lehrer gesagt. Er sei dann auf Toilette gegangen und habe geweint. Nicht alle haben heute einen Abschluss. Er ist froh, es geschafft zu haben.

Wir laufen zurück durch die Weserstraße, an Tattoostudios und queerfeministischen Barkollektiven vorbei. Mohammed mag das neue Leben in seinem alten Kiez. Aber es gibt noch einen anderen Aspekt, der Mohammed an dem Einsatz gegen die Familienkriminalität stört: "Warum kümmert man sich erst jetzt darum, wo Neukölln gentrifiziert ist? Als wir hier gewohnt haben, hat es offenbar keinen gestört."

Wieder am Rathaus steigt Mohammed in die U-Bahn-Linie 7 und fährt nach Hause. Er wohnt heute in Schöneberg.


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Niemand will mehr in der Komfortzone sein. Aber warum eigentlich?

"Das Leben beginnt außerhalb deiner Komfortzone!" 

Diesen Satz liest man auf Instagram oder in Büchern, hört ihn in Podcasts oder entdeckt ihn auf Magazincovern. Niemand will mehr in der Komfortzone sein. Aber warum eigentlich?

In der Komfortzone fühlt man sich wohl und sicher. Begibt man sich aus ihr heraus, beginnt die sogenannte Wachstumszone. Dort stellt man sich neuen Herausforderungen. Danach beginnt die Panikzone – in die kommt man, wenn man sich zu viel zugemutet hat. Wer das zu oft macht, setzt auf Dauer auch seine Gesundheit aufs Spiel.