Bild: Ian Langsdon/dpa

Das ultrakonservative Saudi-Arabien will freundlicher werden. Das hat nun zumindest überraschend der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman versprochen. Auf einer Wirtschaftskonferenz in der Hauptstadt Riad sagte er:

Wir gehen zu dem zurück, wie wir waren: dem moderaten Islam, der offen gegenüber der Welt und allen Religionen ist

Religiösem Extremismus und den alten "destruktiven Ideen" solle abgeschworen werden, sagte Salman. (Arab News)

  • Kurzum: Das verschlossene und harsche Saudi-Arabien soll künftig sehr viel weltoffener und toleranter werden.
Mohammed bin Salman – "MbS" genannt – ist der neue Politstar im Königreich. Aber kann (oder will) er Saudi-Arabien wirklich öffnen?
Wer ist Mohammed bin Salman?

Saudi-Arabien ist ein Königreich mit strengen islamischen Sitten. Es wird von den Kindern und Enkeln des Staatsgründers Abd al-Aziz Al Saud regiert – mit harschen Gesetzen bestimmen sie über das ganze Land. 

Der 32-jährige Mohammed bin Salman gehört zur Königsfamilie und hat seit 2015 einen raschen Aufstieg hingelegt. Er ist Verteidigungsminister und stellvertretender Premierminister. Im Juni wurde er zudem von seinem Vater, dem 81-jährigen König Salman ibn Abd al-Aziz, zum Kronprinzen ernannt. Das bedeutet, er ist nun offiziell Anwärter auf den Thron. 

  • Das ist ein fundamentaler Wandel: Bislang waren immer Söhne des Staatsgründers dafür vorgesehen, MbS ist nun der erste aus der Enkel-Generatoion. Ein großer Schritt für die Führungsriege voller saudischer Greise.
Das hat MbS bisher in Saudi-Arabien vorangebracht:
Er hat die "Vision 2030" gestartet – um Start-ups zu fördern und erneuerbare Energien voranzubringen. Und vor allem, um Frauen mehr Rechte einzuräumen.
Lange waren Frauen bevormundet, jetzt dürfen sie arbeiten, ohne einen Mann um Erlaubnis zu bitten und Sozialleistungen nutzen (mehr bei bento).
Noch eine überraschende Änderung: Frauen dürfen erstmals Auto fahren (mehr bei bento).
Das strenge Verhüllungsgebot soll fallen. Es gibt keinen Schleierzwang, hat Salman im Frühjahr 2018 verkündet (mehr bei bento).
Und auch ein Mädchenrat wurde erstmals gegründet – der gezielt Schülerinnen fördern soll (mehr bei bento).
Auch für Touristen soll Saudi-Arabien geöffnet werden: MbS will mehrere Inseln im Roten Meer zum Ferienressort ausbauen. Offen ist, ob Alkohol und Bikinis erlaubt werden (mehr bei bento).
Außerdem soll am Roten Meer für mehr als 420 Milliarden Dollar eine neue nachhaltige Megacity entstehen, "Neom" genannt.
Und selbst das Kino-Verbot wurde aufgebaut. 35 Jahre lang durfen Saudis nicht in Kinos gehen – nun ist das wieder möglich (mehr bei bento).
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Warum krempelt MbS das Land um?

Weil er erkannt hat, dass es Zeit wird. 70 Prozent der Saudis sind unter 30, das Durchschnittsalter liegt bei 27 (CNN). Viele leben längst sehr viel moderner, als es ihnen die Greise im Königshaus vorschreiben wollen. 

Schon vor dem Ende des Fahrverbots gab es Frauen, die hinter getönten Scheiben Auto fuhren, viele Jugendliche treffen sich zu heimlichen Partys, auf Snapchat zeigte sich ein Mädchen im Minirock (bento).

Salman will diesen gesellschaftlichen Wandel nicht länger aufhalten, sondern mitgestalten – vor allem auch, um daraus wirtschaftlich Nutzen zu ziehen. 

  • Denn: Das Land ist vom Ölverkauf abhängig, aber das Öl fließt nicht mehr ewig. Salmans Zukunftsplan "Vision 2030" will daher mehr Frauen in Jobs bringen, mehr Start-ups fördern, mehr Touristen ins Königreich locken, erneuerbare Energien fördern.
Also ist MbS ein Hoffnungsträger?

Ja und Nein. Die innenpolitischen Weichenstellungen nehmen viele Saudis jubelnd auf, seine "Vision 2030" kommt an. Aber in erster Linie ist Salman Verteidigungsminister – und als solcher ein knallharter Populist.

  • Mit dem kleinen Nachbarland Katar hat Saudi-Arabien einen Wirtschaftskrieg begonnen. Das Königreich will Katar mit einer Blockade dazu zwingen, seine Politik zu ändern – und das saudi-kritische Medienhaus Al-Jazeera zu schließen. Das hatte selbst auf die Hirten im Grenzgebiet Auswirkungen:

  • Mit dem Iran befindet sich Saudi-Arabien seit Jahrzehnten im Streit. Beide islamischen Großmächte streiten sich um die Vorherrschaft am Golf und die Ölvorkommen. Saudi-Arabien ist sunnitisch, der Iran schiitisch. In Stellvertreterkriegen finanzieren sie religiöse Extremisten beider Seiten.
  • Neben Syrien ist der bettelarme Jemen das Land, was am meisten darunter leiden muss. Seit März 2015 führt Saudi-Arabien selbst Krieg im Land, angeblich um es vor schiitischen Rebellen zu schützen. Stattdessen sollte der Krieg Salman daheim populärer machen, hat aber nur dazu geführt, dass saudische Soldaten den Jemen ins Chaos stürzen:

Was sagt der Rest des Königshaus zu den Aktionen von MbS?

So, wie die jungen Saudis jubeln, grummeln die Alten. Das saudische Königshaus gründet seine Macht auf die Nähe zu den Religiösen, die das Land mit ultrakonservativen Regeln im Griff behalten wollen. Nicht alle dieser Regeln lassen sich klar auf den Koran zurückführen – umgesetzt werden sie trotzdem.

Unter den Alten gibt es viele, die dieses System gerne aufrecht erhalten wollen. Dass Salman sie alle mit einem heimlichen Staatsstreich ausgehebelt hat und nun Kronprinz ist, missfällt nicht wenigen. Stirbt Salmans Vater, der 81-jährige aktuelle König, droht ein Thronstreit. Vor allem der ehemalige Kronprinz Muhammad bin Nayif, 58, hofft auf ein Comeback. 

Also: MbS hat längst mit seinem Projekt Saudi-Arabien 2.0 begonnen, er könnte das Land auf Jahrzehnte hin prägen. Es gibt allerdings Neider – sowohl im Königshaus wie in den Moscheen.

Kann MbS trotzdem Erfolg haben?

Das wird die Zukunft zeigen – und die saudische Jugend. Das Königshaus ist zu alt, um sich der Jugendbewegung noch lange entgegenzustellen. An den vielen jungen Ideengebern im Land liegt es nun, es zu modernisieren. Entweder mit einem künftigen König MbS, oder auch ohne ihn.

Im Netz setzen viele den gesellschaftlichen Wandel schon um:


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