Bild: Divyakant Solanki/ dpa

Der 23. August könnte ein Feiertag sein: Der Tag, an dem der Abschaffung der Sklaverei gedacht wird. Eigentlich. Aber auch im Jahr 2019 muss man sich noch die Frage stellen: 

Wie viele Sklaven arbeiten für dich? 

Wer das Wort Sklaverei hört, der denkt heute oft an vergangene Zeiten, an den Geschichtsunterricht und an Baumwollplantagen in den USA. 

Doch Sklaverei ist ein weit verbreitetes Phänomen – bis heute. 

Im Jahr 2016 wurde die Zahl der Menschen, die in Sklaverei leben, von der Arbeitsorganisation der Uno (ILO) auf 40,3 Millionen geschätzt (SPIEGEL ONLINE). Sie arbeiten für uns in Minen und auf Feldern, in Textilfabriken und in Schlachthöfen. 

Wie Menschen versklavt werden, beschreibt Kevin Bales, Gründer der Organisation "Free the Slaves", in seinem Ted Talk so: "Jemand ist auf einem Truck irgendwo auf der Welt in das Dorf gekommen, in dem man lebt. Er sagt, er hätte Arbeit. Der Typ sieht komisch aus, nicht vertrauenswürdig. Aber die Kinder haben Hunger. Also steigt man auf. Zehn oder hundert oder tausend Kilometer weiter steigt man ab und nimmt die dreckige, gefährliche, menschenverachtende Arbeit auf. Eine Zeit lang denkt man, man würde noch bezahlt. Irgendwann versucht man, zu gehen. Und PENG, der Hammer fällt – und man merkt, dass man versklavt wurde."

So traurig diese Geschichte ist, für viele von uns fühlt sie sich trotzdem weit weg an. Um das zu ändern, kann man auf der Website des US State Department  errechnen lassen, wie viele Sklaven für einen arbeiten.

Den Berechnungen zufolge halte ich etwa 34 Menschen in unfreiwilliger, unbezahlter Arbeit.

Natürlich will ich das nicht. Aber unsere Art, zu leben, ist eine Ursache für das Elend anderer Menschen. Um zu verstehen, wie das funktioniert lohnt sich ein Blick auf unser Wirtschaftssystem.

Wir sind es gewohnt, Produkte zu kaufen, bei denen wir weder wissen, woher sie kommen, noch, zu welchen Bedingungen sie produziert wurden.

"Woher stammt das?“ – diese Frage ist Evi Hartmanns Spezialgebiet. Als Professorin für Supply-Chain-Management an der Universität Erlangen-Nürnberg beschäftigt sie sich mit dem Weg, den ein Produkt nimmt, bevor es bei uns gekauft wird. Mit ihrem Buch "Wie viele Sklaven halten Sie?" möchte sie dafür sensibilisieren, dass gerade billige Produkte oft einen hohen Preis haben – den überall auf der Welt andere für uns bezahlen. 

"Totale oder teilweise Freiheitsberaubung, die Schändung von Menschenrechten und menschenunwürdige Arbeitsbedingungen sind Merkmale aller Formen der Sklaverei", erklärt Evi Hartmann. Und die finden sich nicht nur in Afrika und Asien, sondern auch bei uns vor der Haustür.

Viele Unternehmen beauftragen Subunternehmer, die wiederum Subunternehmer beauftragen. 

Sie vertrauen ihre Aufträge also anderen an und verschließen die Augen davor, unter welchen Bedingungen diejenigen arbeiten, die am Ende der Kette stehen: Arbeiterinnen und Arbeiter, die keinen Lohn bekommen, keine Freizeit haben und denen die Identität geraubt wird, indem ihnen Papiere abgenommen werden und der Kontakt nach Hause untersagt wird.

"Zwangsprostitution und die 24-Stunden-Pflege sind Bereiche, in denen hierzulande häufig Ausbeutung stattfindet", erklärt Evi Hartmann. Die Walk Free Foundation schätzt, dass 2016 in Deutschland 167.000 Menschen in moderner Sklaverei lebten (Global Slavery Index). 

Dabei umgehen die Unternehmen Regelungen wie den Mindestlohn, indem sie den Arbeitern die Kosten für heruntergekommene Unterkünfte, Arbeitsmaterialien und Schutzkleidung vom Gehalt abziehen. Am Ende verschulden sich die Arbeiterinnen sogar bei ihren Vorgesetzten, wodurch die Abhängigkeit verstärkt wird. Bekannt wurden solche Praktiken unter anderem bei einigen Schlachtbetrieben. (ARD).

Für Evi Hartmann ist deshalb nicht die Globalisierung das Problem, wir sind es: "Es gäbe keine Sklaverei, wenn wir keine Sklavenprodukte kaufen würden."

Uns müsse klar sein, dass ein T-Shirt für drei Euro nicht fair produziert sein kann, dass Smartphones nicht auf Bäumen wachsen und dass für ein billiges Supermarktsteak nicht wir, sondern andere die Rechnung bezahlen. 

Im Internet fänden sich viele Informationen zur Herkunft von Produkten, die Unternehmen gerne verheimlichen würden. Gerade junge Leute sieht Evi Hartmann hier in der Pflicht: "Ideal wäre, wenn die Online-Kompetenz der Jungen und die durch Erfahrung geformte gesunde Skepsis der Älteren zusammenkämen." Websites wie Fairwear, Electronicswatch und Südwind böten Informationen zu Arbeitsbedingungen und Produkten.

Und wie immer in der Wirtschaft: wenn die Nachfrage nach "fair" steigt, würde auch mehr "fair" produziert. Evi Hartmann sieht da einen positiven Trend: "Es gibt inzwischen viele junge, kleine, neue Mode-Label und Start-ups, die ökologisch und sozial nachhaltig produzieren und deren Produkte immer mehr Menschen kaufen."

Fair produzierte Produkte müssen noch nicht einmal teuer sein. Schon mit 50 Cent mehr pro T-shirt wäre Arbeiterinnen in Bangladesch geholfen (ZDF). Und Menschenrechtler Bales erzählt in seinem TED Talk, wie eine Indische Familie mit 150 Dollar aus Sklaverei und Armut geholt worden konnte."

Doch die Verantwortung für fairen Handel liegt nicht nur bei den Kundinnen und Kunden, sondern auch der Politik. 

Damit wir an unserem Wirtschaftssystem teilnehmen können, ohne uns zu Sklavenhaltern zu machen oder Experten in Produktionsketten werden zu müssen, muss die Politik Regeln schaffen, die nicht nur auf Profitstreben, sondern auch gemeinsamen Wertvorstellungen beruhen. Dazu zählt auch der Wert, dass Menschen frei von Ausbeutung und Zwang arbeiten und leben sollten - ein Wert, der von den meisten Deutschen wohl uneingeschränkt geteilt wird.

Gerade Industrienationen haben in diesem Prozess großen Einfluss. 

Sie können beispielsweise Gesetze verabschieden, die Unternehmen dazu zwingen, die Einhaltung der Menschenrechte auf allen Ebenen der Lieferkette zu beweisen. Das könnte uns Konsumenten davor bewahren, Sklavenprodukte überhaupt in die Hände zu bekommen. In Großbritannien und Frankreich gibt es solche Gesetze bereits (Human Rights First), in Deutschland denkt das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung derzeit über eine ähnliche Regelung nach (BMZ).

Doch ob und wann es dazu kommt, ist noch völlig offen. Den Aufruf von Staats- und Regierungschefs in der Uno, Zwangsarbeit, Sklaverei und Menschenhandel zu beenden, hat Deutschland noch nicht unterschrieben – im Gegensatz zu Ländern wie den Japan, England, Frankreich oder den USA. (Call to Action

Und so bleibt, selbst mit durchdachten Kaufentscheidungen, die Antwort auf die Frage "Wie viele Sklaven arbeiten für dich?" für die meisten von uns: Viel zu viele. Am 23. August und an jedem anderen Tag im Jahr.  


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