Mittelmeer – das stand mal für Urlaub und Leichtigkeit.

Es gibt Worte, die sind wie vertraute Gerüche: Sie rufen sofort ein Gefühl hervor. Solche Worte können einen in eine bestimmte Zeit und an einen bestimmten Ort zurückversetzen. 

Mittelmeer war für mich so ein Wort. 

Es stand für mich lange für Unschuld, für die Urlaube meiner Kindheit und eine heile Welt. Dort roch es nach Pommes und Sonnencreme, es schmeckte nach Eis und Salzwasser. Noch heute kann ich, wenn ich will, den vor Hitze weichen Asphalt der Strandpromenade unter den Schuhsohlen fühlen und das abendliche Rieseln des Sandes aus meinem Haar auf das Kopfkissen hören, ganz egal, wie oft meine Mutter mich vor dem ins Bett gehen mit dem Duschstrahl bearbeitet hatte. 

Ich glaube, meine Eltern waren in den Jahren, in denen wir ans Mittelmeer fuhren, besonders stolz, ihren Kindern die Welt zeigen zu können.

Klar: In ihrer Kindheit wären solche Trips unvorstellbar gewesen. Wir Millennials waren die Generation, in deren Kindheit Europa erst zusammenwuchs, die Generation, in der auch die Mittelschicht genug Geld und Urlaubsanspruch zusammenkratzen konnte, um solche Reisen zu unternehmen, die Generation, in der Fliegen langsam vom Luxusgut zum Massenphänomen wurde. 

Sie entdeckten mit uns und für uns die Welt – und machten sie uns schön, wie Eltern das eben für ihre Kinder tun. Als ich in einem Jahr aus unerklärlichen Gründen eine furchtbare Angst vor Haien entwickelt hatte, und mich weigerte, schwimmen zu gehen, erklärte meine Mutter kurzerhand, das Mittelmeer sei viel zu klein, es gebe hier gar keine Haie. Für mich reichte diese kleine Lüge, um wieder durch die Wellen zu springen – auch wenn ich viele Jahre später ungefähr so empört war, als habe man mir noch mal den Weihnachtsmann genommen, als ich die Wahrheit herausfand. 

Eines unserer Lieblingsspiele damals war es, sich einfach auf dem Mittelmeer treiben zu lassen, in den Wellen schaukeln, bis einem schlecht wurde. Wir nannten das "Toter Mann". 

Es fällt mir heute unheimlich schwer, die Worte "Spiel" "Mittelmeer" und "Toter Mann" in einem Zusammenhang zu schreiben. 

Und dieses "es fühlt sich unheimlich falsch an" fasst wahrscheinlich am besten zusammen, was in den vergangenen zehn Jahren mit dem Wort Mittelmeer passiert ist.

Wahrscheinlich hat jede Generation ihre Begriffe, mit denen sie erwachsen wird. Es ist natürlich völlig normal, dass der Zauber kindlicher Unschuld vieles versüßt, was mit erwachsenem Blick schwer zu ertragen ist. Doch das Mittelmeer hat nicht nur sich selbst entzaubert. Sondern auch mich, meine Vergangenheit, Teile meiner Identität und Geschichte.  

Denn heute weckt das Wort in mir vor allem Schuld und Hilflosigkeit. Das Mittelmeer ist ein Massengrab. Seit 2014 sind nach Schätzungen der Internationalen Organisation für Migration 19.064 Menschen ertrunken. 

Und Europa ließ das geschehen – dieses Europa, das sehr erfolgreich um mein Vertrauen und meine Zuversicht geworben hatte; dieses Europa, über das mir in der Schule wieder und wieder erzählt wurde, welche Vorteile Freizügigkeit und der Austausch der Kulturen für mich und meine Generation haben würden; dieses Europa, in dem man wollte, dass wir stolz auf unsere Vielfalt sein würden und die Geschichte der Nationalismen überwinden könnten. 

Ich und meine Mitschüler wurden gefüttert mit dem Narrativ, dass Europa eine Macht des Guten sein könnte, ein Vertreter des Humanismus, ein Überwinder von Grenzen. Wie es uns enttäuschen würde, dieses Europa. 

Denn statt die Leben von Menschen zu retten, die zusammengenommen eine deutsche Kleinstadt bevölkern könnten, begann man, sich in Nationalismen zu zerlegen. Statt selbstverständlich die Mittelmeer- und Grenzstaaten zu entlasten und das Dublin-Abkommen zu überarbeiten, um Geflohene besser in Europa verteilen und integrieren zu können, zerstritt man sich über Quoten (Handelsblatt). Statt jede Zusammenarbeit mit Ländern wie Libyen zu stoppen, wo erwiesenermaßen Sklavenhandel mit Geflohenen betrieben wird (DER SPIEGEL), wurde die Zusammenarbeit intensiviert (bento). 

Das Mittelmeer ist für mich heute ein Wort für ein Armutszeugnis. 

Ein Symbol für die tödliche Verweigerung einer der reichsten Regionen der Welt, Verantwortung zu übernehmen. Ein Wort, das eine Wahrheit sichtbar macht, vor deren Konsequenzen trotzdem viele die Augen verschließen: Dass ich meine Kindheit in einem derartigen Reichtum verbringen konnte und solche Reisen erleben durfte, liegt unter anderem auch daran, dass Europa die Welt ausbeutet. Das ist nicht meine individuelle Schuld und nicht die meiner Eltern. Aber in der Welt, die dieses Europa mitgestaltet, liegt die Verantwortung dennoch bei uns.

Sehe ich heute Werbung für eine Kreuzfahrt zu den schönsten Inseln des Mittelmeers, wird mir schlecht. Ich schaue auf diese schwimmenden Ferienanlagen und denke an Schlauchboote. Ich kann nicht mehr zurück in die alte Assoziationskette, kann nicht mehr an den Ort, den das Wort Mittelmeer früher einmal für mich herbeizauberte. 

Denn ich weiß heute: Die Welt, die deine Eltern dir schaffen wollten, gab es nie – und wird es auch nie geben. Denn es gibt Haie im Mittelmeer. Europa allein macht es nicht besser. Und "Toter Mann" ist kein Spiel.

Und die einzige klitzekleine Hoffnung, die ich habe, ist, dass meine Generation wirklich mit diesem Wort erwachsen geworden ist – und bereit, Verantwortung zu übernehmen.


Grün

Es gibt endlich Öko-Feuerwerk. Warum man es trotzdem nicht kaufen kann
Eine junge Wissenschaftlerin entwickelt grüne Alternativen und erklärt, warum das gar nicht so einfach ist.

Klimaschutz war das große Thema 2019. Trotzdem endet auch dieses Jahr wie immer: mit Rückschau, Raclette – und sehr viel Rauch. 

Denn obwohl eine Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland laut einer aktuellen Umfrage für ein Böllerverbot ist (RND), bleibt der Umsatz mit Silvesterfeuerwerk unverändert hoch (Statista). Die Deutschen wollen den Spaß an den Knallern offenbar nicht aufgeben. Da fragt man sich: 

Warum lässt sich die Freude am Feuerwerk nicht einfach mit Umweltschutz verbinden? 

Rund 4200 Tonnen Feinstaub werden laut einer Schätzung des Umweltbundesamts (UBA) jedes Jahr durch in Deutschland erworbene Feuerwerkskörper in die Luft geschossen. Der Großteil davon entstehe in der Silvesternacht. Das UBA vermutet den tatsächlichen Feinstaub-Wert sogar noch deutlich höher, da viele Knaller im Ausland gekauft werden. Doch selbst nach der konservativen Schätzung wäre eine einzige Nacht für zwei Prozent des pro Jahr in Deutschland freigesetzten Feinstaubs verantwortlich.

Das ist nicht nur absurd, sondern schadet auch der Umwelt und den Menschen: Feinstaub ist für diverse Atemwegs- und Herz-Kreislauferkrankungen verantwortlich (UBA) und gerade für Kinder sehr schädlich (SPIEGEL). Zudem landen viele der in Feuerwerkskörpern verwendeten Chemikalien durch den Raketenmüll im Boden und in Gewässern (UBA).

Doch Öko-Böller sucht man im Supermarkt vergebens. Warum?

Wir haben Madgalena Rusan gefragt. Die 36-Jährige ist Chemikerin und arbeitet an der Ludwig-Maximilians-Universität München an der Entwicklung von ökologischerem Feuerwerk.