Bild: Hanna Lohmann

Seit sieben Monaten schlafen Yasmin und ihr Ehemann Karam auf unserem Sofa im Wohnzimmer. Die beiden sind 23 und 25 Jahre alt. Sie sind vor dem Krieg in Syrien geflohen.

Vor einem Jahr recherchierte ich für einen Artikel im Flüchtlingsheim, dabei haben wir uns zufällig kennengelernt. Wir verstanden uns und ich schlug vor, mal etwas zu unternehmen. Daraus entwickelte sich eine Freundschaft, zwischen den beiden, meinem Freund Henning und mir.

Während sich in meinem Leben ständig etwas tat, stagnierte bei den beiden alles:

Sie warteten auf die erste Anhörung für ihr Asylverfahren, dann auf die zweite, schließlich auf den Bescheid, ob Deutschland sie als Flüchtlinge anerkennt. Das Warten zermürbte sie. So gerne wollten sie etwas tun. Irgendetwas.

Schließlich konnte ich über Bekannte Praktikumsstellen vermitteln, nur eben nicht in der Nähe des Heimes, in dem sie lebten. Deswegen boten mein Freund und ich an, was wir hatten: unser Schlafsofa im Wohnzimmer für die beiden. Vier Personen, ein Hund auf zwei Zimmer, Küche, Diele, Bad verteilt. 50 Quadratmeter. Immerhin mehr als im Heim: Dort gab es nur ein Hochbett, Toilette, Küche und Waschmaschine teilten sie sich mit Dutzenden anderen.

Das syrische Ehepaar möchte nicht erkannt werden(Bild: Hanna Lohmann)

Wir gingen damals noch davon aus, dass die beiden ohnehin sehr bald in ihre eigene Wohnung ziehen würden, schließlich hatten die zuständigen Behörden immer und immer wieder versichert, dass die zwei bald Bescheid über ihr Asylgesuch bekommen würden. Schließlich bewiesen sie mit den Praktika auch Integrationswillen!

Doch aus Wochen wurden Monate. Ich hätte es nie für möglich gehalten, wie lange man in Deutschland auf wichtige Dokumente warten kann.

Der syrische Bürgerkrieg

Der Bürgerkrieg in Syrien begann im März 2011 mit friedlichen Protesten gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad. Dieser schlug die Aufstände brutal nieder, Tausende wurden in Foltergefängnisse gesperrt. 

Die "Freie Syrische Armee" (FSA) rief zum bewaffneten Kampf gegen Assad auf. Im Chaos etablierten sich bald islamistische Milizen, darunter der "Islamische Staat" (IS), der große Teile Syriens eroberte. Von der FSA blieb fast nichts übrig.

Daraufhin flog ein internationales Bündnis der USA Luftschläge gegen den IS; Russland, der Iran und die libanesische Hisbollah-Miliz unterstützen Assads Armee. Menschenrechtler schätzen, dass bislang Hunderttausende Menschen ums Leben kamen. Knapp die Hälfte der Bevölkerung ist auf der Flucht. Mehr zu Syrien auf bento.

Seitdem hat sich unser Leben verändert. Nicht nur, weil es kaum noch Schweinefleisch gibt und eine Wasserflasche neben der Toilette bereitsteht, da die arabische Toilettenkultur eben kein Papier vorsieht.

Vor allem gibt es in der Dachgeschosswohnung von meinem Freund wenig Platz für Privatsphäre: Wir wissen voneinander, wer wann ins Bad muss, damit alle pünktlich aus dem Haus kommen und auch wer wann welchen Schlüssel mitnehmen muss, damit niemand vor der Haustür wartet. Wir haben den Hochzeitstag der beiden zusammen gefeiert, sie haben uns zu Weihnachten beschenkt.

Zum Klicken: So leben die vier zusammen
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Allerdings gibt es nicht nur fröhliche Anlässe, wenn zwei von vier Freunden vor dem syrischen Assad-Regime geflohen sind.

Letztens haben die beiden auf YouTube ein Video von einer Schulaufführung gefunden, in der sie mitgewirkt haben. Wir hatten Spaß. Aber als mein Freund und ich fragten, was die Leute heute so machen, lautete die Antwort ziemlich oft: "tot" oder "verschwunden".

Die zwei sind jünger als ich und mir fällt nur ein Mitschüler ein, der tragisch nach einem Autounfall verstorben ist. In Syrien scheint es keinen Menschen zu geben, der nicht einen Freund oder ein Familienmitglied an den Krieg oder in den Folterknästen verloren hat.

Wenn wir miteinander reden, denke ich manchmal, wie leicht ich es hatte. Auslandsaufenthalt in der 11, nach dem Abi reisen, Studium im Ausland. Jedes Jahr Urlaub.

Die beiden sind auch viel gereist. Weil sie mussten.

Oft fallen diese Dinge in alltäglichen Situationen auf. An Weihnachten waren wir essen, die Kellnerin kam aus Osteuropa. "Achja, Ungarn! Da war ich auch schon mal", rief ein Onkel. "Ich auch. Da saß ich drei Tage im Gefängnis", antwortete Karam, er ist über die Balkan-Route nach Deutschland gekommen.

Frohe Weihnachten.

Es nervt, wenn Menschen über Flüchtlinge reden, die noch nie einen getroffen haben.

Natürlich haben auch die beiden mitbekommen, dass nicht jeder in Deutschland Geflüchteten gegenüber freundlich gesinnt ist. Wir reagieren darauf mit Ironie, denn Probleme haben wir genug.

Wenn ich mein Portemonnaie mal zuhause liegen lasse, schickt mir Karam eine WhatsApp mit einem Foto und dem Text: "Syrischer Flüchtling findet Geld und gibt es zurück. Danke, Merkel." Ich antworte dann: “Shokran, Assad” also "Danke, Assad" auf Arabisch.

Das letzte Jahr hat auch uns verändert.

Unsere eigenen Probleme sehen wir jetzt irgendwie mehr in Relation. Es erdet, mit Menschen zusammenzuleben, die richtige Probleme haben. Anderseits ist uns aufgefallen, dass auch unsere Leben weitergehen müssen. Und, dass es wichtig ist, uns kleine Auszeiten zu nehmen. Dann unternehmen wir etwas zu zweit.

Auch wenn das Zusammenleben so gut geklappt hat, war es auch anstrengend. Wir haben natürlich alle emotionalen Zustände gemeinsam durchlebt: Wenn wir nach Hause kommen, kann es sein, dass einer heult. Manchmal heulen wir danach gemeinsam, manchmal lachen wir schon fünf Minuten später wieder.

Offiziell war das Ganze übrigens nicht. Die beiden hatten ja eine Unterkunft. Also waren sie weiter regelmäßig dort, um nach der Post zu sehen und waren unserer Hausverwaltung nur als Gäste gemeldet. Die Tatsache, dass es sich um Geflüchtete handelt, haben wir einfach nicht erwähnt. Die Nachbarn im Haus waren zwar skeptisch, haben aber keine Probleme gemacht.

Mein Freund und ich verstehen und nicht als "Flüchtlingshelfer". Wir haben einfach Freundschaft geschlossen, mit zwei Syrern. Obwohl sie viele Probleme und wenig Geld haben, bestimmt das unser Verhältnis nicht. Im Gegenteil, dadurch, dass sie genauso oft bezahlen wie wir, können wir wirklich eine Freundschaft auf Augenhöhe führen.

Zum Klicken: Diese Menschen halfen im Herbst 2015, als Tausende Flüchtlinge am Hamburger Hauptbahnhof angekommen sind. Wie geht es ihnen heute?
"Ich habe noch nie so viel geheult wie am Hamburger Hauptbahnhof.
Mit den Flüchtlingen habe ich unter der Treppe gepennt, Flüchtlingsgegner haben mir ins Gesicht gespuckt.
Die Zeit hat mich emotional gefickt. Es war wie im Rausch.
Im Dezember waren auf einmal mehr Helfer als Flüchtlinge da. Seitdem stehen wir nicht mehr am Hauptbahnhof.
Erst dann wurde mir bewusst, dass mich die Flüchtlingshilfe fast meine Existenz gekostet hätte.
Ich habe einen eigenen Friseursalon, wenn der Chef ständig weg ist, gibt es natürlich Probleme.
Kämen wieder viele Flüchtlinge an, würde ich sofort erneut zum Hauptbahnhof gehen."
"Ich bin seit zwei Jahren in Deutschland, die Monate am Hauptbahnhof waren die bisher beste Zeit für mich.
Ich war einer der ersten Helfer, habe nur drei oder vier Stunden pro Nacht geschlafen.
Ich stehe noch immer in Kontakt zu anderen Helfern, jeden Freitag treffen wir uns in einer Shisha-Bar.
Am Hauptbahnhof habe ich Freunde gefunden, die mir auch heute noch wichtig sind.
Ich beginne bald ein FSJ im Krankenhaus. Ohne meine Erfahrung am Hauptbahnhof hätte ich den Platz bestimmt nicht bekommen.
Ich werde in der Notaufnahme arbeiten, einen Probetag hatte ich schon. Die Ärzte haben mich gefragt, ob ich Blut sehen kann.
Was sie nicht wissen: Ich komme aus Syrien, habe aber mit meinen Eltern lange in Libyen gelebt, als dort der Bürgerkrieg schon ausgebrochen war.
Dort sah ich Menschen ohne Kopf auf der Straße liegen, habe Verwundete versorgt.
Was genau ich in Libyen erlebt habe, erzähle ich selbst Freunden nicht. Mit Blut habe ich jedenfalls kein Problem."
"Am Hauptbahnhof habe ich gemerkt, wie einfach es ist zu helfen. Wer sich nur Weltfrieden herbeiwünscht, wird nichts verändern.
Am Hauptbahnhof habe ich auch meinen Freund getroffen. Seit neun Monaten sind Ibrahim und ich nun ein Paar.
Wenn ich mit ihm zusammen bin, lerne ich viel über seine Kultur und er über meine. Er hat mir viele Fotos von seinem Leben in Syrien gezeigt.
Vor rund einem Jahr, mitten in der schlimmsten Phase der Flüchtlingskrise, war ich mit meiner Oma und Freunden von ihr in Sachsen wandern.
Einer dieser Freunde, ein älterer Herr, hat sich Sorgen gemacht, weil seine Nichte mit einem Syrer zusammen ist. So wie ich.
In diesem Moment habe ich gemerkt, dass diese Menschen ein ganz komisches Bild von Ausländern haben.
Ich hoffe und glaube, dass meine Generation anders tickt. In meiner Grundschulklasse hatte die Hälfte der Schüler türkische Wurzeln.
Für mich ist es normal, dass hier Frauen mit Kopftuch und Menschen mit schwarzer Hautfarbe herumlaufen.
Wir sind alle Menschen. Wir sind alle unterschiedlich – und doch gleich."
"Für mich hat die Zeit am Hauptbahnhof alles verändert. Ich habe dort unglaublich schnell Deutsch gelernt, weil ich einfach gelabert habe.
An den Gleisen habe ich auch Mina getroffen, jetzt sind wir seit neun Monaten ein Paar.
Ich habe eine Wohnung, einen Job bei H&M – all das wäre ohne die Monate am Hauptbahnhof nicht möglich gewesen.
Vor ein paar Wochen kam ein Syrer zu mir und sprach mich an: 'Ey, du bist doch derjenige, der mir am Hauptbahnhof geholfen hat!'
Ich hatte für ihn übersetzt und ihn zu seiner Unterkunft außerhalb der Stadt gebracht.
Jetzt wohnt er direkt neben mir, die Begegnung war wunderschön. Ich bin richtig glücklich, dass er sich noch an mich erinnert.
Vor einem Jahr kamen diese Menschen hier an und hatten nichts. Jetzt leben sie in einer Wohnung – so wie ich. Das macht mich stolz."
"Meine Heimfahrt werde ich nie vergessen. Ich saß im Zug von Hamburg nach Aarhus, Dänemark.
Gegenüber von mir saß ein Syrer mit seiner zehn Monate alten Tochter. Dem kleinen Mädchen gaben wir eine Banane und eine Flasche Milch.
Zwei deutsche Frauen hatten noch ein paar Kekse. Das Baby trank alles aus und aß auch fast die ganze Banane, so hungrig war es.
Dann fragten die Deutschen den Syrer, wo die Mutter sei. Sie war gestorben, eine Bombe hatte sie getötet.
In diesen Moment fingen wir an zu weinen. Alle gemeinsam: der Syrer, die deutschen Frauen und ich.
Stumm, um das Baby nicht zu beunruhigen. Das war der vielleicht traurigste Moment meines Lebens.
In den vergangenen Monaten habe ich mich besser kennengelernt. Ich weiß nun, wie hart ich arbeiten und was ich erreichen kann.
Meine Abschlussarbeit in Psychologie schaffte ich in der Hälfte der vorgesehenen Zeit. Jetzt arbeite ich für den dänischen Staat – als Flüchtlingshelferin.
Auf Deutschland werde ich mein Leben lang stolz sein. Angela Merkel sagt: Wir schaffen das – Dänemark hingegen hat die Grenze dichtgemacht.
Aber Merkel hat Recht: Die Flüchtlinge brauchen Hilfe, sie haben alles verloren. Und wir werden es schaffen."
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Vor einigen Tagen kam endlich der erlösende Asylbescheid. Gegen den werden wir zwar klagen, weil sie nur ein Jahr subsidiären Schutz bekommen haben, statt für drei Jahre "richtiges" Asyl. Außerdem haben sie eine Wohnsitzauflage bekommen. Das heißt: Ohne weiteres dürfen sie nicht aus dem zugewiesenen Örtchen wegziehen. Ihre Praktikumsbetriebe hatten zwar angeboten, sie auszubilden. Durch die Distanz wird das aber nicht funktionieren.

Wenn alles gut geht, dürfen die beiden am 1. April endlich in eine eigene Wohnung ziehen. Ich freue mich sehr für die zwei, dass sie dann endlich ankommen dürfen.

Sie werden mir aber auch fehlen.


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