Bild: Fabian Hammerl
Abdi ist als Minderjähriger alleine aus Somalia geflohen. Jetzt lebt er in Hamburg.

Ob sein Bruder es auch geschafft hat, weiß Abdi nicht. "Vielleicht ist er tot, vielleicht lebt er noch", sagt der 17-Jährige. Momentan hat er viel zu tun: Schule, Behördenkram, Deutsch lernen. Er muss sich vor allem an sein neues Leben gewöhnen.

Schwarzes Westside-Shirt, Basketball-Kappe, Kopfhörer: Auf den ersten Blick merkt man Abdi nicht an, was er durchgemacht hat. Bis er die Fotos und Videos auf seinem Handy zeigt: Menschen, die sich auf einem hoffnungslos überfüllten Boot zusammenkauern. Männer, die erschöpft in der Wüste sitzen. Ein Junge mit einem Maschinengewehr: Abdi selbst.

Die islamistische Kämpfergruppe Al-Shabaab ("Die Jugend") wollte ihn als Kindersoldaten einsetzen, erzählt er. Sie verübt seit Jahren Anschläge in Ostafrika, entführt Menschen und zwangsrekrutiert Kinder. Kinder wie Abdi, der sagt, Männer von Al-Shabaab hätten ihn und seinen Bruder eines Tages verschleppt und zur Ausbildung zum Krieger gezwungen. Klettern, Gewehr halten, schießen. Nach drei oder vier Monaten gelang es ihm, zu fliehen, zunächst zurück zu seiner Familie. Damals war er 13. Sein Vater riet ihm, das Land zu verlassen; die Kämpfer würden ihn sonst wieder mitnehmen.

Sein Bruder wollte einen anderen Weg nehmen, mehr weiß Abdi nicht.

Damit begann Abdis Flucht nach Europa: über Äthiopien, den Sudan, Libyen, das Mittelmeer. Mehr als zwei Jahre war er unterwegs, erzählt Abdi, allein 10 Monate verbrachte er in einem libyschen Gefängnis. Der Grund: fehlende Ausweispapiere. Sein Bruder wollte einen anderen Weg nehmen, mehr weiß Abdi nicht.

Abdi will anderen von seinen Erlebnissen erzählen; deshalb sitzt er in einem großen, abgedunkelten Raum in einem ehemaligen Fabrikgebäude. Es gehört zum Hamburger Thalia-Theater, in dessen Stück "Ankommen" acht unbegleitete minderjährige Geflüchtete ihre Geschichte erzählen: von der Flucht vor Perspektivlosigkeit, Gewalt, Krieg. Davon, wie es ist, neu in Deutschland zu sein. Sie kommen aus Pakistan, Afghanistan, dem Benin – und aus Somalia, so wie Abdi. "Ich will den Menschen mein Gesicht zeigen", sagt er. "Ich will, dass sie wissen, dass viele junge Leute allein hier ankommen und ihre Hilfe brauchen."

Wie beim Speeddating wandern die Zuschauer von Darsteller zu Darsteller.(Bild: Fabian Hammerl)
Wie Speeddating, nur mit traurigeren Geschichten.

Eine klassische Bühne mit Publikum davor gibt es bei "Ankommen" nicht. Die Zuschauer – pro Vorstellung zwölf – wandern von Darsteller zu Darsteller, ähnlich wie beim Speeddating, nur mit traurigeren Geschichten. Sie verbringen jeweils fünf Minuten mit den Jugendlichen, die durch Vorhänge voneinander getrennt sind. Außerdem gibt es Ton- und Videoaufnahmen, in denen die Jungen – Mädchen sind keine dabei – von den Ursachen ihrer Flucht berichten. Konkrete Gesichter und Bilder statt der üblichen anonymen Zahlen aus den Nachrichten.

Eines dieser Gesichter ist das von Abdi. Seit eineinhalb Jahren lebt er in Hamburg. Zusammen mit anderen Jugendlichen, auch aus Deutschland, wohnt er in einem Haus der Jugendhilfe. Er teilt sich ein Stockwerk mit zwei Jungs, täglich kommt eine Betreuerin vorbei. Zum Beispiel um zu schauen, ob sie den Putzplan einhalten, sagt Abdi. Momentan besucht er eine sogenannte Vorbereitungsklasse an einer Berufsschule, er will seinen Hauptschulabschluss nachholen. In Somalia ist er nur sieben Jahre zur Schule gegangen, erzählt Abdi. Mehrmals musste er die Schule wechseln, weil seine alte bei Angriffen zerstört wurde.

Zu seiner neuen Schule in Hamburg muss er morgens eine Stunde fahren. Manchmal kommt er zu spät, wenn er mal wieder nicht gut schlafen konnte: Albträume von der Flucht, vom Gefängnis in Libyen. Oder Träume von seiner Familie, wie er mit seinen Eltern redet. Abdi hat keinen Kontakt zu ihnen, versucht aber über das Internet, seine Familie zu finden. Er postet seine Nummer auf Facebook-Seiten, damit ihn Leute mit Hinweisen anrufen können, sagt Abdi. Bisher hat sich noch nichts ergeben. Er liest Nachrichten, über Somalia, über afrikanische Politik. Um herauszufinden, warum "in Afrika so viel Krieg ist und hier nicht". Eine Antwort hat er noch nicht gefunden.

Die Leute sagen immer: Herzlich willkommen.
Abdi

Abdi geht gern ins Fitness-Studio und ins Schwimmbad, am Wochenende trifft er sich mit Freunden, Deutschen und anderen Geflüchteten, spielt Fußball. Er schaut die "Tagesschau", informiert sich. Warum die ganzen Übergriffe auf Geflüchtete und ihre Unterkünfte passieren, versteht er nicht. Er hat zwar gehört, dass es viele Leute in Deutschland gibt, die Geflüchtete nicht mögen. An seinem neuen Wohnort gibt es davon aber nicht viele, glaubt Abdi: "Die meisten in Hamburg sind ganz nett." Er fühlt sich sicher hier. "Die Leute sagen immer: Herzlich willkommen."

Auch mit seinem Vormund kommt Abdi gut aus, von ihm hat er von dem Theaterstück erfahren. Der Vormund übernimmt die Funktion eines Elternteils, jeder minderjährige Geflüchtete bekommt vom örtlichen Jugendamt einen Vormund zugewiesen. 30.000 Kinder und Jugendliche werden dieses Jahr in Deutschland erwartet. Viele von ihnen ziehen in Großstädte wie Hamburg oder Berlin, die dortigen Ämter sind überfordert. Am ersten November ist deshalb ein Gesetz in Kraft getreten, das sicherstellen soll, dass die Jugendlichen gleichmäßig im Land verteilt werden. Wie viele von ihnen momentan in Deutschland leben, ist nicht bekannt.

Abdi sitzt an seinem Platz; die Jugendlichen sind durch Vorhänge voneinander getrennt.(Bild: Fabian Hammerl)

Auch von dem ganzen bürokratischen Prozedere erzählt "Ankommen"; die Macher des Stücks sprachen mit Betreuern und Mitarbeitern von den zuständigen Behörden in Hamburg. Die Aussagen laufen immer wieder im Hintergrund, während die Zuschauer mit Abdi und den anderen Jugendlichen sprechen.

„Das Wichtigste [für die Jugendlichen] wäre, in einen sicheren Hafen zu kommen.“

„Manchmal entsteht die Traumatisierung erst in Deutschland.“

„Sich in eine Gesellschaft zu integrieren, verursacht auch psychischen Stress.“

Integration ist das Wort, das überall herumschwirrt. "Wir wissen, dass deutsche Leute nicht so viele Kinder haben", sagt Abdi. "Wir sind jetzt die Kinder und können dann machen, was die Menschen hier brauchen." Nach dem Hauptschul- möchte er einen Realabschluss machen, danach eine Ausbildung. Vielleicht zum Krankenpfleger, vielleicht auch zum Schauspieler, irgendwann.