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Versnobt, anspruchsvoll, freiheitsliebend: Die Generation der um die Jahrtausendwende geborenen ist gefürchtet – vor allem bei Arbeitgebern. Ihre Eltern haben genug Wohlstand erwirtschaftet, nun müssen sich die jungen Leute nicht mehr anstrengen. Sie wachsen mit ungekannten Bequemlichkeiten auf und können am Arbeitsmarkt nach Lust und Laune wählen.

Vollzeit? Nicht mit mir. Nur 25 Tage Urlaub im Jahr? Tschüss!

Zum Glück droht nun eine Rezession. Jetzt heißt es für junge Leute endlich: den Gürtel enger schnallen. 

Schluss mit dem Job-Wunschkonzert. Statt Fachkräftemangel droht vielleicht bald wieder Stellenknappheit. Sollen sie froh sein, wenn sie überhaupt noch einen Job kriegen, diese arroganten jungen Leute.

Könnte man meinen. Die Wahrheit sieht aber anders aus.

Wer in diesem Land zwischen 20 und 30 Jahre alt ist, weiß mit hoher Wahrscheinlichkeit, wie sich Prekarität anfühlt. Wie es ist, in einer oder mehreren Teilzeitstellen sein Dasein zu fristen, um die immer weiter steigenden Mieten noch zahlen zu können. (Studie) Oder sich durch unbezahlte Praktika zu kämpfen, weil ein Studium eben nicht automatisch einen Job garantiert. (SPIEGEL ONLINE)

Schon als 2002 der Euro kam, wurde alles schlagartig teurer. Nicht Avocados und Chiasamen – sondern Milch und Medikamente. 2008: Finanzkrise! Ein paar Spekulanten verpulverten den Wohlstand ganzer Generationen – auch unserer – auf Jahre.

Dann ging es wohl aufwärts, so steht es zumindest in den Märchenbüchern der Wirtschaftsgeschichte. Der Konjunkturzyklus, angeblich so verlässlich wie die Jahreszeiten, prophezeite Aufschwung. Aber halt, nicht so schnell: die schwarze Null musste trotzdem stehen! 2009 wurde die Schuldenbremse beschlossen. Bund und Länder mussten sparen. Öffentliche Jobs wurden reduziert, privatisiert, verteilzeitet.

Typische Millennials im ersten Vollzeit-Job.

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Rezession? Für Millennials gab es nie etwas anderes als Krise, Kampf und Konkurrenz.

Von da an wussten junge Leute: Wann immer die Nachrichten Exportweltmeistertitel und Milliardenüberschüsse in den Haushaltskassen meldeten, fiel davon für sie nicht viel ab. Die Löhne stiegen schwach, es wurde investiert und gebaut.

Ein Blick auf die Reallöhne zeigt: Insgesamt hatten die Menschen im Jahr 2014 trotz Aufschwungs oft deutlich weniger Geld zur Verfügung als noch 2000 (Bundeszentrale für politische Bildung). Der große Rest musste hoffen, dass ein eventuell höherer Lohn im Verhältnis zur Mieterhöhung oder zur Verteuerung der Bahn- und Busfahrkarten steht. Seitdem steigen die Reallöhne deutlicher an und gleichen die Inflation besser aus. (Spiegel Online) Trotzdem purzeln Millennials aus der Mittelschicht. (bento) Denn es wird immer teurer, sich das leisten zu können, was für ihre Eltern ganz normaler Lebensstandard war. (OECD)

Für eine ganze Generation ist seit mehr als zehn Jahren nichts als Krise.

Jungen Menschen wird während ihrer Bildungslaufbahn erzählt, sie seien so frei wie nie zuvor, könnten lernen und studieren, was sie wollen. Sie sind es gewohnt, immer noch ein bisschen mehr leisten zu müssen. Weil kaum ein Ausbildungsweg noch in gut bezahlte Arbeit mündet, lernen junge Menschen heute länger, unterwerfen ihr Privatleben der Optimierung. Sie haben "nützliche" Hobbys, unternehmen "wertvolle" Reisen und machen effizient Party.

Beim Berufseinstieg ist es dann egal, wie viel sie vorher geackert haben. Junge Erwachsene dürfen sich von älteren Erwachsenen anhören, dass mehr als 1200 Euro netto leider nicht drin sei, da es "der Branche", "der Wirtschaft" oder "dem Markt" nun einmal schlecht ginge. 

Millennials wird oft unterstellt, sie hätten eine notorische und lächerliche "Fear of Missing Out".

Minderwertigkeitsgefühle, weil sie sich zu oft in sozialen Medien herumtreiben. Der Vergleich mit anderen, denen es besser geht, mache sie traurig und missgünstig.  

Dabei ist FOMO (Fear Of Mising Out) vielleicht nicht der Neid, dass es Jennifer aus dem Abschlussjahrgang auf Bali gut geht. Sondern die Sorge, sich niemals Wohlstand erarbeiten zu können, ein Leben lang nicht gut genug zu sein – und am Ende womöglich kaum Rente zu bekommen.

Vielleicht dauert es jetzt nicht mehr lange, bis die Chefinnen und Chefs dieses Landes verkünden, es könne in diesem Jahr keine Lohnerhöhungen, kein Weihnachts- oder Urlaubsgeld geben, während im Supermarkt alles schleichend ein paar Cent teurer wird.

Vielleicht werden wir es hinnehmen. Vielleicht aber auch endlich mal Nein sagen zu unfairen Löhnen, zu prekären Arbeitsbedingungen, zu wachsweichen Arbeitnehmerrechten. Die aktuelle Wirtschaftslage haben nicht wir verbockt – genausowenig wie die der letzten zehn Jahre.

Erstmal aber stellen wir uns weiter auf schlechte Zeiten ein. Darin haben wir Übung.

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Queer

Warum Frauen, die Frauen lieben, sich immer noch so oft unsicher fühlen

Mit meinem männlichen Partner könnte ich an jeder Straßenecke Berlins wild rumknutschen. Wir können zusammen nachts durch dunkle Parks gehen, im Club eng tanzen und ich fühle mich absolut sicher. Nicht, weil mein Partner so stark ist und mich beschützt – sondern weil Männer mich in seiner Gesellschaft in Ruhe lassen. Sie respektieren mich, weil ich scheinbar schon einem anderen Mann "gehöre".

Das Gefühl der Sicherheit fällt mir auf, weil ich es auch anders kenne.

Bevor ich meine Ex-Freundin in der Öffentlichkeit geküsst habe, sah ich mich um. Was für Leute sind da? Guckt jemand? Zwei Frauen, die offen zärtlich sind, kriegen oft das Doppelte an Belästigungen ab. Und Frauen, die Frauen lieben, fühlen sich auch heute noch oft unsicher. 

Auch mitten in Deutschland, selbst in liberalen Großstädten.

In einer Studie der Lesbenorganisation LesMigras gab ein Drittel der befragten queeren Frauen an, schon einmal von Menschen aus dem engen Umfeld (Freunde, Familie) beschimpft worden zu sein. 65 Prozent seien von Fremden in der Öffentlichkeit beschimpft worden. Ein Fünftel hat schon Gewalt in der Öffentlichkeit erlebt. 

Die Macherinnen der Studie schreiben, dass viele Betroffene nicht Anzeige erstatten – sie wollen sich nicht vor der Polizei outen. In der polizeilichen Kriminalstatistik tauchen diese Fälle dann nicht auf.

Wer also glaubt, in Deutschland könne man lieben, wen man will, ist wahrscheinlich hetero.

Schon bevor ich eine Frau date, überlege ich gut, wo. Der Klassiker geht nämlich so: Ich sitze mit meinem Date in einer Bar. Wir unterhalten uns angeregt, sehen uns tief in die Augen, meine Hand liegt auf ihrem Oberschenkel. Und keine zehn Minuten später zieht ein Typ seinen Barhocker zu uns und klinkt sich ins Gespräch ein.

Einmal saß ich eng umschlungen mit einer Frau auf einem Sofa – und zwei Männer setzten sich links und rechts neben uns, um uns jeweils penetrant anzuflirten. Wären wir hetero, egal ob ein Paar oder nur Freunde, die Szene wäre unvorstellbar.