Bild: Santi Palacios/dpa
Wir haben mit einem Schlepper über seine Arbeit gesprochen.

10.385, allein im September. So viele Migrantinnen und Migranten kamen in einem Monat über das östliche Mittelmeer nach Europa. So viele wie seit 2015 nicht mehr. 66 Menschen sind bei der Überfahrt in diesem Jahr bereits ertrunken (IOM). Die meisten Geflüchteten stammen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan. Wegen des türkischen Militäreinsatzes gegen die syrischen Kurden rechnen viele mit steigenden Opferzahlen. Denn wenn die Menschen heimlich nach Europa wollen, dann setzen sich viele an der türkischen Küste in unsichere Schlauchboote. 

Vermittelt werden die Überfahrten durch Schlepper. Aktivisten fordern, die Europäische Union (EU) müsse mehr tun, um Migranten in Seenot zu helfen und ihnen legale Fluchtrouten ermöglichen. Die EU sieht es hingegen als ihre Aufgabe, den Schleppern das Handwerk zu legen. Die Schlepper selbst sagen nichts. Ihr Geschäft funktioniert im Verborgenen.

Abu Hisam ist ein Schlepper. Er verdient mit der Not von Migranten sein Geld. 

Wir haben ihn in einer arabischsprachigen Facebook-Gruppe entdeckt, in der er seine Dienste bewirbt. Wir verwickelten ihn in ein Gespräch. Am Anfang wollte er nicht reden. Dann forderte er 100 Dollar je Viertelstunde Telefongespräch. Schließlich ließ er sich ohne finanzielle Gegenleistung auf ein Gespräch ein. Wir hatten ihn damit konfrontiert, dass er dafür sorge, dass Menschen sich in tödliche Gefahr begeben. Das wollte er so nicht stehen lassen.

Abu Hisam sagt, er sei 24 Jahre alt und gebürtig aus dem Irak. Er organisiere Flüchtlingsboote in der türkischen Küstenstadt Izmir. Von einigen Stränden in der Umgebung sind es nur drei bis vier Kilometer bis zu den ersten griechischen Inseln.

Wir haben uns in mehreren Telefonaten und WhatsApp-Chats über seine Arbeit ausgetauscht. Seinen Namen und die Namen seiner Kinder haben wir geändert. Abu Hisam bezeichnete sich selbst in den Gesprächen nie als Schmuggler. Er nennt sich lieber "wasit", das arabische Wort für Makler. Was von seinen Angaben stimmt und was nicht, können wir nicht bis ins letzte Detail überprüfen. Manche Dinge lassen sich leicht verifizieren, wie Ortsangaben, Entfernungen, ihm drohende Konsequenzen. Seine persönlichen Erlebnisse und Schilderungen hingegen nicht. 

Wir wollten von Abu Hisam wissen: Warum schickt er Menschen auf die vielleicht tödliche Reise? Und wie vereinbart er das mit seinem Gewissen?

"Wenn andere sagen, ich sei ein schlechter Mensch, dann haben sie keine Ahnung. Was soll schlimm an meiner Arbeit sein? Ich zwinge niemanden, mit mir Deals abzuschließen. Ich zwinge auch niemanden, sich in ein Boot zu setzen. Wer nach Europa will, macht das auf sein eigenes Risiko. 

Alles was ich tue, ist ihnen dabei zu helfen: Ich bin hier in Izmir, einer Küstenstadt in der Türkei. Ich beschaffe die Boote, Benzin für den Motor und sage ihnen, wann sie wo sein müssen, um aufs Meer zu kommen. Ich selbst bin dabei nie mit am Strand." 

Die Türkei war lange Jahre eine der beliebtesten Routen für Schutzsuchende aus dem Nahen Osten, um über den Balkan oder die Ägäis nach Europa zu kommen. Im März 2016 handelte die EU dann einen Deal mit Ankara aus: Die türkische Polizei sollte die illegale Einwanderung unterbinden, Strandabschnitte und Grenzen stärker kontrollieren. Dafür sagte die EU der Türkei Milliardenhilfen für die Verbesserung der Lebensbedingungen Geflüchteten zu. 

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Seither kamen deutlich weniger Migranten auf den griechischen Inseln an. Doch seit einigen Wochen bröckelt das Abkommen. 

Präsident Recep Tayyip Erdogan hat seine Migrationspolitik radikal verschärft, Geflüchtete werden plötzlich abgeschoben. Vielerorts in der Türkei drohen vor allem Syrerinnen und Syrern Repressalien. Viele versuchen daher ihr Glück doch bei einer Überfahrt. (SPIEGEL, New York Times)

"Selbst draußen war ich noch nicht. Ich weiß nur, dass eine Überfahrt wohl am besten ist, wenn gerade Flut ist. Ich habe einen türkischen Partner, der sich um die Boote kümmert – ich bleibe am Telefon für die Koordination. Das heißt, ich suche Leute und verhandele mit ihnen. Sind wir uns einig, vermittele ich sie an Fahrer, die sie zu einem bestimmten Zeitpunkt an den Strand bringen. Dort übernimmt mein Partner.  

Er ist auch der eigentliche Chef. Ich habe in dem Geschäft als Makler noch nicht so viel Erfahrung, er ist da schon länger dabei. Wie lange? Keine Ahnung. Aber er wirkt routiniert. Mit der türkischen Polizei hatten wir auch deshalb noch nie Probleme.

„Die Polizisten verfolgen nur Flüchtlinge, an Land und auf dem Meer. Uns Makler lassen sie in Ruhe.“

Ob die Schmiergeld von meinem Chef nehmen, weiß ich nicht. Aber da ich sowieso fast nur vom Telefon aus arbeite, habe ich nichts zu befürchten. Ich bin nur ein Broker. Wer soll mir schon nachweisen, was ich mache?"

Unser Gespräch zieht sich über drei Tage. Mehrmals frage ich ihn, wie er sich zur Polizei verhält und wie seine Arbeit abläuft. In Widersprüche verwickelt er sich dabei nie. Aber macht ihn das schon glaubwürdig? Ich klicke mich durch sein Facebook-Profil und schaue, mit wem er sich unterhält, was andere über seine Arbeit schreiben. Ein Kontakt dankt ihm für seine Hilfe. Auf seinem Profil gibt er an, mittlerweile in Karlsruhe zu wohnen. Andere fragen ihn in Diskussionen, wie man aus der Türkei rasch wegkomme.

Die Türkei hat nach eigenen Angaben seit Beginn des Bürgerkriegs etwa 3,6 Millionen Menschen aus Syrien aufgenommen – mehr als jeder andere Staat. Gleichzeitig suchen auch Geflüchtete aus Afghanistan, dem Irak und anderen Staaten Schutz im Land. Viele hoffen auf eine Weiterreise. (UNHCR)

Das Zusammenleben zwischen Türken und Geflüchteten verlief lange Zeit ohne größere besorgniserregende Zwischenfälle. Auseinandersetzungen zwischen der Mehrheitsgesellschaft und Zugezogenen gab es zwar, aber wenige. Inzwischen ist die Stimmung gekippt: Die Türkei steckt in einer Wirtschaftskrise. Viele Türken betrachten die Migranten als Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt. Im Istanbuler Stadtteil Küçükçekmece machte erst im Juli ein Mob von etwa 60 Männern Jagd auf Migranten. (SPIEGEL)

Menschen spüren, dass sie nicht länger geduldet seien, sagt Abu. Er sagt, das Geschäft laufe wieder an.

„Eine einzelne Überfahrt nach Griechenland kostet bei uns aktuell 1000 Dollar. Meine Provision liegt bei 200 Dollar pro vermitteltem Passagier.“
Abu Hisam

Es gebe Schmuggler, die auf der Straße Geflüchtete ansprechen und Trips organisierten. Abu Hisam sei keiner von ihnen, er finde seine "Kunden" ausschließlich über Facebook. In dem Netzwerk gibt es Dutzende Hilfsgruppen, in denen sich Menschen auf der Flucht austauschen. 

Die einen posten News aus Europa – etwa die Info, dass Deutschlands Innenminister Horst Seehofer künftig ein Viertel aller nach Italien kommender Bootsflüchtlinge aufnehmen will. Die anderen teilen Statusupdates ihrer Flucht, zeigen Bilder von Unterschlüpfen entlang der Route oder Screenshots von Google Maps, um andere anzuleiten. 

Ein Facebook-Nutzer erklärt in einer Gruppe, wie er die Landesgrenze zwischen der Türkei und Griechenland überquert hat.

Immer wieder tauchen verwackelte Handyvideos von Flüchtlingsunterkünften auf, viele sind aus Griechenland und dokumentieren die miserablen Zustände.

Abu Hisam nutzt diese Videos für seine Zwecke. In den Kommentaren hinterlässt er seine Handynummer, wirbt für seine Dienste: "Wer auch nach Griechenland will, ruft mich an!"

"Gerade habe ich zwei Leute für einen Trip klargemacht – es ist also schnell verdientes Geld. Aber ganz ehrlich: Ich brauche das auch. Denn ich sorge hier nicht für mich allein. Ich habe eine Frau und zwei Kinder; meinen Sohn Hisam und meine Tochter Lamisa. Er ist zwei Jahre alt, sie elf Monate. 

Wir sind 2017 aus dem Irak abgehauen, mein Bruder kam auch mit. Jetzt sitzen wir hier in der Türkei fest und sparen Geld, um auch irgendwann weiterzukommen."

„Ich wünsche mir, dass meine Familie und ich auch irgendwann nach Europa gehen.“
Abu Hisam

Der Irak versucht nach Jahrzehnten unter der Herrschaft von Diktator Saddam Hussein, einem US-Einmarsch und einem blutigen Bürgerkrieg zur Ruhe zu kommen. Doch das gelingt nur mühsam. Viele Fraktionen im Land buhlen um die Macht, es fehlen Jobs, der Krieg hat viel zerstört. 

Die Terrormiliz "Islamischer Staat" hat vom Irak aus begonnen, die Region zu erobert. Mittlerweile ist der IS militärisch geschlagen, hat aber im Untergrund neue Netzwerke gebildet. Die Armee ist im Kampf gegen die Dschihadisten überfordert. Viele junge Iraker wie Abu Hisam hoffen daher auf einen Neuanfang – möglichst weit weg der Heimat. 

Abu Hisam nimmt dafür sogar in Kauf, eigene Werte zu verraten. So schreibt er es zumindest nach mehreren Tagen Kontakt in einem plötzlichen Sinneswandel.

"Wenn ich ehrlich bin, habe ich am Anfang nicht die Wahrheit gesagt. Natürlich ist das ein Scheißjob. Es ist die ekligste Sache, die man machen kann – und ich tue es nur des Geldes wegen. Irgendwie muss ich ja meine Familie versorgen. Mein Traum ist, Damenfriseur zu werden. Dafür habe ich Geschick. Vielleicht kann ich eine Ausbildung machen, wenn wir es selbst irgendwann nach Europa schaffen. Aber das, was ich jetzt mache, gefällt mir einfach nicht. Es ist illegal."

Auf die Frage, ob er seine Kinder selbst in ein Boot setzen will, wenn er genug Geld zusammen hat, antwortet Abu Hisam nicht. 

Dann schreibt er, seine Handybatterie sei gleich leer, er müsse für heute aufhören. Am nächsten Morgen hat er seinen WhatsApp-Kanal blockiert. Auf Anrufe reagiert er nicht mehr.

Video: Inken Dworak


Future

Stella studiert Gender Studies und arbeitet nachts als Escort-Dame – wie passt das zusammen?
Videoreihe "Durchgemacht": tagsüber studieren, nachts arbeiten

Für Stella* ist es genauso ein Nebenjob wie der ihrer Kommilitonen oder Kommilitoninnen. Escort-Dame zu sein, mache ihr einfach Spaß, sagt sie. So wie anderen das Kellnern oder ein Werkstudierendenjob in einem Unternehmen. "Ich mag sehr gern flirten, ich mag sehr gern Sex, ich lerne gern neue Leute kennen", sagt Stella.

Tagsüber studiert sie Soziologie und Gender Studies an der Goethe-Universität in Frankfurt, abends und nachts flirtet sie mit Männern – für Geld. Geld, das sie braucht, um ihr Studium ganz allein zu finanzieren. Dank ihres Jobs kommt sie ohne weitere Unterstützung aus.