Bild: dpa/Daniel Reinhardt
Michel Abdollahi fordert: Alltagsrassismus muss bestraft werden.

Es wird immer schwieriger, dass mich Nachrichten aus der Fassung bringen – insbesondere was die Flüchtlingsthematik anbelangt. Ich glaube, das geht vielen von uns so. Jeden Tag prasseln Meldungen auf uns ein.

Wir stellen wahrscheinlich schon aus Selbstschutz auf Durchzug.

Ob nun wieder ein neues Heim brennt, irgendwo eine neue Mauer um eine Unterkunft gebaut wird oder irgendwo irgendein "besorgter Bürger" eine Vergewaltigung beobachtet hat, was sich im Gerichtsprozess aber als gelogen darstellt. Es erinnert mich alles immer mehr an Nachrichten aus dem Nahen Osten, an Konflikte, an die wir uns gewöhnt haben:

"In Tel Aviv ist heute eine Autobombe explodiert. Hunderte Tote und Schwerverletzte. In Syrien wurde heute versehentlich ein Kindergarten bombardiert. Dutzende Kinder starben."

An mir geht das fast spurlos vorbei. Es ist eine weitere Nachricht aus einer Krisenregion. Ich erwarte genau das. Mit dem afrikanischen Blähbauchbaby sammelt heute längst keiner mehr Spenden ein. Das macht keinen mehr betroffen.

Das ist traurig, ist aber so.

Selbst bei Terrorverdacht in Deutschland schrecke ich nicht mehr auf. Als in München ein Mann – so wie ich mit iranischen Wurzeln – Amok lief, war ich noch nicht so desensibilisiert. Jetzt schon.

Vor ein paar Tagen habe ich aber einen Artikel gelesen, der mich vom Schlaf abhielt. Ich bin also doch noch nicht völlig abgestumpft. Mein Kampfgeist ist zurück:

Wir dürfen nicht abstumpfen, denn Gewalt, Terror, und Rassismus dürfen nie normal werden.

In einer Reportage über Fremdenhass in Sachsen fallen ganz beiläufig einige Sätze (SPIEGEL ONLINE):

"Anke Rölke ist Lehrerin am Goethe Gymnasium und setzt sich für Flüchtlinge ein. In Bautzen wird Rölke auf der Straße beschimpft, wenn sie mit Flüchtlingen unterwegs ist. Wenn ihr Verein für einen Ausflug einen Bus mieten will, lehnten die Unternehmen den Auftrag ab, sagt Rölke. Findet sich doch ein Bus, hämmerten an der Ampel schon mal Passanten gegen die Busscheiben, bis die Kinder anfangen zu weinen. Alltagsrassismus nennt Rölke das."

Die Menschen dort in Bautzen, selbst eine Gymnasiallehrerin, sind so weit weg von der Realität: Sie sprechen dabei von "Alltagsrassismus" – ernsthaft? Sie tun eine Straftat als Alltag ab. Als etwas, an das man sich gewöhnt hat.

Wir befinden uns in einer Phase der Abstumpfung. Das ist gefährlich, weil man die Situation nicht zwingend gutheißt, man sie aber akzeptiert. Solche Nachrichten wie aus Bautzen gehen spurlos an vielen vorbei. Die Reaktionen sind bereits automatisiert: "Kopfschütteln, kurz betroffen sein, Sachsen halt (mittlerweile auch wahlweise ein anderes Bundesland), weitermachen."

Ich finde: Nein. Nicht weitermachen. Nicht akzeptieren.

Mir geht es hier nicht um Flüchtlinge oder um Ausländer, genauso wenig um Migranten oder um Sachsen. Mir geht es hier um diesen einen Satz: "Menschen in Deutschland klopfen solange an die Busscheiben bis Kinder weinen."

Das ist purer Hass, das muss fassungslos machen. Deutschland – das Land in dem ich lebe und leben möchte – macht so etwas nicht. Wir müssen aufhören, diese Situation zu akzeptieren oder noch schlimmer, sie zu beschönigen. Diese Menschen müssen dafür bestraft werden.

Diese Stimmung muss aufhören. Hass auf Kinder hat nichts mehr mit Fremdenfeindlichkeit zu tun. Nichts.
Wir befinden uns in einer Phase der Abstumpfung.

Ich bin weder der Anwalt der Gerechten, noch der Verteidiger der Flüchtlinge. Ich habe es nie als meine Aufgabe gesehen, auf diese Themen aufmerksam zu machen. Das ist keine Berufung. Es ist eine Situation, auf die ich gerne verzichten kann.

Ich möchte schlicht, dass Hass nicht noch mehr zu einem Teil unserer Gesellschaft wird. Ich habe die Schnauze voll davon, jeden Tag diese Thematik zu bearbeiten.

Ich möchte eben nicht eines Tages Schuld daran sein, wenn meine Kinder sagen: "Warum habt ihr nichts getan, habt ihr es denn nicht gesehen?".

Denn davon sind wir gerade nicht mehr so weit entfernt. Gefühlt zumindest. Nicht weil Hass und Rassismus wachsen, sondern weil sich daraus etwas viel Gefährlicheres ergibt: die Abstumpfung des vernunftorientierten Teils der Gesellschaft. Das hat wiederum zur Folge hat, dass sich krude Theorien und menschenverachtende Meinungen weiter verbreiten.

Wir stumpfen ab. Das ist der Nährboden der Populisten.

Wenn wir aufgeben, gewinnen die anderen. Das darf nicht sein, deswegen stelle ich mich dem entgegen.

Es ist ein mühsamer Kampf gegen bestimmte parteiliche und überparteiliche Kräfte, die aus eigenem Geltungs- und Machtbedürfnis die Zukunft unseres Landes aufs Spiel setzen. Sie tolerieren, akzeptieren und fördern Hass, um ihre eigenen Interessen durchsetzen. Der "besorgte Bürger" nutzt dieses Ventil, um seine eigenen Probleme und Sorgen zu kompensieren.

Dem müssen wir uns entgegen stellen – bis es aufhört.

Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sind weder eine Haltung, noch eine Meinung, noch ein akzeptables Kompensationsmittel, noch irgendein Recht.

Wir wollen diese Stimmung und diese Leute nicht in Deutschland.

Wer so lange auf Busscheiben haut, bis die Kinder im Bus weinen, muss dafür bestraft werden. Und alle, die dabei zuschauen und nicht handeln, ebenso.

Das ist nicht Alltag. Der Staat muss hier eingreifen und wenn er es nicht macht, dann müssen wir ihn dazu verpflichten. Wir müssen uns noch viel lauter und vehementer dagegenstellen, bis es jeder verstanden hat.

Wir wollen diese Stimmung und diese Leute nicht in Deutschland. Es reicht nicht, dass die Politik mit Sorge auf diese Entwicklungen schaut. Jeder, der so etwas beobachtet, muss es zur Anzeige bringen.

Die Frage, die wir uns alle stellen sollten: In was für einer Gesellschaft möchten wir leben?

Wovon möchten wir ein Teil sein? Die Gesellschaft funktioniert häufig nur im Ganzen. Da kann man sich nicht den guten Teil aussuchen.

Also: Wo willst du leben? Wenn nicht in dieser Gesellschaft, wo Busklopfen nicht zu mehr reicht, als zu einem Schulterzucken:

Mach was dagegen!

Future

Diese Eigenschaft ist bald so wichtig im Job wie Ehrgeiz und IQ
Neugierig?

Wenn man sogenannte "Erfolgstrainer" fragt, was man selbst an den Tisch bringen muss, um die Karriereleiter möglichst schnell und nachhaltig emporzusteigen, hört man immer wieder die üblichen Verdächtigen: Ehrgeiz braucht man und Ausdauer, soziale Kompetenz, Kreativität und die Fähigkeit, sich jeder Situation immer aufs Neue anzupassen. Und, wenn möglich, einen hohen IQ.