Bild: Stefan Mühlenhof
Er ist aber auch NDR-Reporter.

"Wenn ich an den Islam denke, dann denke ich an feige Mörderbanden", sagt ein älterer Mann in Michel Abdollahis Mikrofon. Die beiden stehen sich in der Hamburger Innenstadt gegenüber. Der 34-Jährige hört ruhig zu, sagt erst mal nichts. In seiner rechten Hand hält Abdollahi, der einen schicken Mantel trägt, ein großes hellgrünes Schild mit der Aufschrift: "Ich bin Muslim. Was wollen Sie mir sagen?"

Abdollahi will nach den Anschlägen in Paris wissen, was die Leute denken über ihn, den Muslim. Die gleiche Aktion hat er bereits im Januar probiert, nach der Attacke auf die französische Satirezeitschrift "Charlie Hebdo".

Selbst auf 9GAG landete er damit, internationale Medien berichteten, die Idee mit dem Schild fand Nachahmer. Insgesamt soll das erste Video eine Million Leute erreicht haben, behauptet Abdollahi. Er ist für den NDR als "Reporter für kulturelle Kuriositäten" unterwegs.

Der Islam, Geflüchtete, Rechtsextremismus – diese aktuellen Themen beschäftigen Abdollahi. So wohnte er zum Beispiel einen Monat in Jamel in Mecklenburg-Vorpommern. Der Ort gilt als "Nazidorf", da viele der Bewohner zur rechtsextremen Szene gehören.

Ich verarsche die nicht, die verarschen sich selbst.
Michel Abdollahi

Außerdem befragte Abdollahi wohlhabende Hamburger zu einer geplanten Flüchtlingsunterkunft in ihrem Stadtteil und besuchte das 100-Einwohner-Dorf Sumte, in dem seit Kurzem mehr als 600 Geflüchtete leben.

Die Leute, die mit Abdollahi reden, sind trotzdem erstaunlich gesprächig. Das liegt auch an seinem Stil: Er ist sehr höflich, lässt die Menschen ausreden – klassische norddeutsche Zurückhaltung.

"Die Leute müssen Vertrauen zu mir fassen. Wenn ich mich freundlich mit dem AfD-ler unterhalte oder mit der Oma, die gegen das Flüchtlingsheim ist, dann sagen die mir, was sie wirklich denken."

Dabei hätte ihm jemand beim Sender anfangs gesagt, dass er zu nett sei: "Man war überrascht, dass diese Art, die einem beim Fernsehen so gar nicht beigebracht wird, so gut funktioniert."

Im TV ist Abdollahi erst seit 2014 zu sehen, vorher hat er an Poetry Slams teilgenommen. Seit 15 Jahren ist er in der Szene unterwegs, seit zehn Jahren organisiert und moderiert er Slams auch selbst.

Der Leiter des "Kulturjournals" hätte ihn häufiger auf der Bühne beobachtet, erzählt Abdollahi. Eines Tages sei er dann gefragt worden, ob er nicht Lust hätte, über ein Fernsehprojekt zu sprechen.

So kam er zu seiner Reporter-Rolle, bei der ihm sein charmantes Auftreten heute sehr hilft.

Er ist immer schick angezogen, trägt in jedem Beitrag einen Anzug – sein Markenzeichen. "Die Menschen vergessen dann manchmal, dass ich Journalist bin." Wenn er lächelt, bekommt sein schmales Gesicht sehr markante, sympathische Grübchen. Privat trage er aber auch gerne Kapuzenpullis.

Michel Abdollahi mag es gerne schick, im Hamburger Schauspielhaus fühlt er sich wohl.(Bild: Jan Brandes)

Im Unterschied zu manchen Satiresendungen legt Abdollahi niemandem die Worte in den Mund oder lässt nur bestimmte Meinungen zusammenschneiden. "Das nimmt den Leuten die Argumentationsgrundlage. Sie können dann nicht sagen: Der verdreht alles nur!".

Wenn jemand etwas Fragwürdiges sagt er "Aha", schaut betroffen und wartet kurz. "Dann sprudelt es weiter aus den Leuten raus. Ich bin ich auch jedes Mal überrascht, warum die mir das alles erzählen." So schafft er es, dass sich viele schnell selbst entlarven. "Ich verarsche die nicht, die verarschen sich selbst."

Abdollahi kann aber auch weniger ernst. Ein Mal versuchte er auf einer Esoterikmesse – verkleidet als iPhone im Ganzkörperkostüm – Leute von ihrer vermeintlichen Handysucht abzubringen. Er bringt sie sogar dazu, ihm ein Anti-Smartphone-Gelöbnis laut nachzusprechen: "Du bestimmst mein Leben nicht. Ich brauche dich nicht, du brauchst mich."

(Bild: ARD/NDR Kulturjournal)

Als sie ihr Gerät für Geflüchtete spenden sollen, lehnen dann aber doch alle ab. Immerhin spenden sie großzügig Geld, von dem Abdollahi dann tatsächlich ein Handy kauft und es jemandem in einer Flüchtlingsunterkunft schenkt.

Wenn es um Geflüchtete geht, um Pegida und die ganze Debatte, wird der Reporter wieder ernst. "Was mir Sorgen macht, sind der offene Hass und wie einfach es ist, ihn zu artikulieren. Es macht mich traurig, dass ich nicht mehr nach Dresden fahren will und auch Leuten mit ausländischem Aussehen davon abrate."

Die Mehrheit der Bewohner dort habe mit der ganzen Sache ja nichts zu tun. "Es tut mir leid, dass unbescholtene Dresdner durch diese blöden Deppen in so ein schlechtes Licht gerückt werden." Sein Urteil über Pegida-Anhänger fällt eindeutig aus: "Die sind schlecht integriert."

Das Thema berührt ihn auch persönlich. Als er fünf Jahre alt war, kam seine Familie aus dem Iran nach Deutschland: "Wir hatten nichts, als wir hierher gekommen sind. Seit wir hier sind, arbeiten wir und sind glücklich. Und dann muss ich mir von irgendwelchen Ostdeutschen anhören, wir seien Ausländer?"

Seit zehn Jahren organisiert und moderiert Abdollahi Poetry-Slam-Veranstaltungen.(Bild: Jan Brandes)

Im Alltag in Hamburg bekommt er davon jedenfalls nicht viel mit. Ihm widerfahre nur sehr wenig Abneigung, so Abdollahi. Bei seiner "Ich bin Muslim"-Aktion wurde er vereinzelt zwar dumm angemacht oder traf auf Leute, die sagten, sie hätten Angst vor Muslimen.

Im Gespräch hätten viele dann aber gemerkt, dass sie bei 1,5 Milliarden Menschen islamischen Glaubens auf der Welt schlecht verallgemeinern können. Andere Passanten umarmten ihn einfach. Es gab aber auch komische Momente, erzählt Abdollahi. So manch einer dachte wohl, er sei ein Geflüchteter und neu in der Bundesrepublik.

"Eine Frau sagte 'Herzlich Willkommen in Deutschland'. Ich meinte dann nur 'Vielen Dank!'. Eigentlich wollte ich sagen: 'Ist ein bisschen spät für so etwas. Ich lebe seit 1986 hier.'"