Bild: Ali Can/ Perpective Daily

Die #MeToo-Debatte hat es zu einer weltweiten Debatte geschafft, die #MeTwo-Diskussion wird gerade zu einer deutschlandweiten: Unter dem Hashtag teilen Menschen mit Migrationshintergrund, wie sie im Alltag Diskriminierung und Rassismus erleben. 

Es sind kurze Tweets, die zeigen, dass Mesut Özil mit seinem Empfinden, sich in Deutschland von vielen nicht akzeptiert zu fühlen, nicht allein ist. Initiiert wurde der Hashtag von Aktivist und Buchautor Ali Can. Er sagt zu bento: "Ich wünsche mir mehr Menschen des öffentlichen Lebens, die jetzt sagen: Ihr gehört dazu, ihr seid Teil von Deutschland."

So berichten Menschen über Demütigungen: 

Universitäts-Abschluss, zahlreiche Praktika – auch wenn das für Akzeptanz nicht ausschlaggebend sein sollte, sie fehlt trotzdem: 

Offene Beleidigungen, die sich anhören wie aus einem anderen Jahrhundert:

NICHT LUSTIG!

Giorgina kommt aus Koblenz – aus Afrika schon gar nicht. 

Geschäfts-, nicht Putzfrau:

Höflichkeit hat nichts mit der Herkunft zu tun. Sollte selbstverständlich sein. Eigentlich. 

Ja, auch Menschen, die nicht Müller heißen, können Deutsch:

Ali Can, 24, ist der Initiator des Hashtags und setzt sich immer wieder mit Projekten für eine offene Debattenkultur, gegen Fremdenhass und für eine lebendige Demokratie ein. Als Fußballspieler Mesut Özil am Wochenende seinen Abschied aus der Nationalmannschaft auch damit begründete, nach seinem Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Taypip Erdogan rassistisch angefeindet worden zu sein, dachte Ali sich: Es reicht. 

"Wir brauchen eine neue Debatte über Alltagsrassismus – sozusagen eine #MeToo-Debatte für Menschen mit Migrationshintergrund", sagte er in einem Kommentar für "Perspective Daily".

"In den Augen von Grindel und seinen Helfern bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen, aber ein Immigrant, wenn wir verlieren."
Mesut Özil

Zwei Tage ist der Hashtag nun alt, mehr als 3500 Tweets gibt es bereits. Überrascht ist Ali darüber nicht. Er selbst weiß, wie allgegenwärtig Rassismus im Alltag ist. Wir haben mit ihm darüber gesprochen. 

Das macht Ali Can auch...

Ali Can, 24, kam 1995 als Kleinkind mit seinen Eltern aus der Türkei nach Deutschland. Heute engagiert er sich bei Unicef, gründete den Friedensverein "Interkultureller Frieden e.V.". und studiert Deutsch und Ethik auf Lehramt in Gießen (Homepage von Ali Can). Um mit Flüchtlingsgegnern ins Gespräch zu kommen, rief er die "Hotline für besorgte Bürger" ins Leben.

Wieso eigentlich #MeTwo?

"Man kann Deutsch sein und sich trotzdem zu einem anderen Land verbunden fühlen – weil man dort geboren wurde, weil man die Sprache spricht, weil die Eltern daher kommen. Das ist kein Gegensatz, diese zwei Seiten stehen nicht im Widerspruch. Deshalb #MeTwo."

Was sind deine Erfahrungen mit Alltagsrassismus?

"Ich empfinde es wie Özil. Wenn man erfolgreich ist, ist man ein guter Deutscher, wenn nicht, dann ein Migrant. Ich bekomme Hassmails und ich kenne es, dass man wegen seines Aussehens oder Namens keine Wohnung bekommt oder nicht in eine Disko darf. 

Genau solche Momente regen gerade alle auf, es ist aber auch eine Chance. Es muss klar sein, dass wir das Deutschsein nicht von einer fußballerischen Leistung oder überhaupt irgendeiner Leistung abhängig machen dürfen – sondern über Werte und die demokratische Haltung.

Die Debatte war überfällig, aber sie hat einen öffentlichen Impuls gebraucht. Wir alle leiden darunter." 

Was wünscht du dir von der Debatte?

"Ich freue mich, dass viele bei Twitter schreiben, die keinen Migrationshintergrund haben, aber deren Freunde. Wie zum Beispiel meine Mitbewohnerin, deren Partner aus Eritrea kommt. Sie hat es mehrfach erlebt, wie er von der Polizei in Essen unfair behandelt wurde bei Kontrollen. 

#MeTwo ist die Chance zu schauen, was unsere deutsche Gesellschaft ausmacht. Es ist doch ganz normal, dass wir alle unterschiedliche Vorlieben, Verbundenheit und Wurzeln spüren. Ich mag zum Beispiel Indien total – wegen Bollywood, Yoga und Gandhi. Deshalb bin ich ja trotzdem Deutscher. Wichtig ist doch nur die Haltung zur freiheitlich demokratischen Grundordnung. Niemand darf wegen seiner Herkunft oder Religion diskriminiert werden." 

Özil setzt sich nun gegen Rassismus und damit für demokratische Werte ein. Das steht im Widerspruch zu dem Foto mit einem Machthaber wie Erdogan. Wie siehst du das?

"Die Kritik an ihm finde ich immer noch berechtigt. Özil ist ein Fußballer mit mangelndem diplomatischen Bewusstsein. Dass er das Bild als unpolitisch bezeichnet hat, ist völlig naiv. Das legitimiert bei Weitem trotzdem nicht, dass man ihn diskriminiert, ausgrenzt und rassistisch beleidigt. Das Schlimme ist, dass diese Anfeindungen sogar von wichtigen Stimmen der Gesellschaft kam – wie einem SPD-Politiker oder Theater-Intendanten.

Wenn Özil Erdogan sympathisch findet, ist das sein gutes Recht. Man muss es nicht gut heißen. Aber die eigene Freiheit ist auch immer die Freiheit des Anderen – solange er sich vom Grundgesetz nicht entfernt hat. Es gibt auch Fotos von Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder mit Russlands Präsident Wladimir Putin. Wieso regen wir uns nur bei Özil auf?

Auch ich kritisiere Özil in mehreren Aspekten. Das gehört ja auch zur Demokratie – doch bitte ohne ihm die Herkunft vorzuhalten und wertschätzend. Sonst werden sich viele Deutsch-Türken abschotten."

Özil wirft dem DFB mangelnden Rückhalt vor. Wie siehst du das?

"Normalerweise hätten sich mit Özil viel mehr Menschen solidarisieren müssen. Vorbilder wie Uli Hoeneß hauen stattdessen nur noch drauf. Er agiert wie ein Hooligan. Das ist keine konstruktive Kritik, sondern Populismus. Das ist super dekonstruktiv für die Integration in Deutschland. Weil sich Menschen mit türkischem und anderem Migrationshintergrund jetzt mit Özil solidarisieren. Wenn er sich abschottet, schotten wir uns auch ab. 

Dann kann aus der sogenannten Flüchtlingskrise auch eine Integrationskrise werden. Ich wünsche mir mehr Menschen des öffentlichen Lebens, die jetzt sagen: Ihr gehört dazu, ihr seid Teil von Deutschland. 

Am liebsten würde ich Özil einmal selbst dazu interviewen und ihn bitten, sich mit #MeTwo zu solidarisieren."

Warum der Rücktritt von Özil eine Schande für den DFB war –  und der falsche zurückgetreten ist. Unser Meinungsstück:


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