Wenn Schauspieler in Rollen schlüpfen, müssen sie oft vieles ablegen: die Art zu sprechen, das Weltbild, manchmal auch die Klamotten. Die eigene Persönlichkeit und die der Rolle verschwimmen – und damit immer wieder auch persönliche Grenzen.

Vielleicht ist es deshalb nicht verwunderlich, dass die MeToo-Debatte gerade da entstand, wo Spiel und Wirklichkeit Hand in Hand gehen. Nachdem sich einige Frauen trauten, die Machenschaften von Hollywood-Produzent Harvey Weinstein anzuprangern, schwappte eine Welle der Zustimmung über die Branche. Endlich wird darüber gesprochen!

Die Diskussion blieb nicht in der US-Filmbranche, sie ging bis in die internationale Politik. Auch die Reaktionen von Schauspielerinnen in Europa waren stark. Die Erkenntnis: Patriarchale Machtstrukturen gibt es überall – doch der Schauspielberuf scheint dafür besonders anfällig.

Deutschland bekam seinen eigenen Skandal: den um Dieter Wedel

Etliche Schauspielerinnen berichteten in der "Zeit" von Schikanen und psychischer Folter bis hin zu Übergriffen und Vergewaltigungen durch den Regisseur. Doch sie sagen auch, dass er zwar "der Schlimmste, aber nicht der Einzige" sei. 

Wir wollten wissen:

Wie erleben angehende Schauspielerinnen die Branche? Und wie hat sich ihre Sicht auf den Beruf verändert? 

Wir haben rund 20 deutsche Schauspielerinnen angeschrieben, sowie alle staatlichen Schauspielschulen. Die Reaktionen waren zurückhaltend. Viele sagten sofort ab, wollten sich lieber nicht zu dem Thema äußern. Der Direktor einer Münchner Schauspielschule wollte lieber selbst ein Interview geben, als unsere Mail an seine Studentinnen weiterzureichen. Ein paar Schauspielerinnen sagten Interviews zu, doch ihre Agentur zog sie kurz darauf zurück. Der Grund: Thema zu heikel.

Eine Aussage, die zeigt: Es bleibt, trotz der großen Aufmerksamkeit, die die Themen Sexismus und sexuelle Belästigung gerade bekommen, immer noch schwierig, darüber zu sprechen. 

Vier Frauen haben sich trotzdem dafür entschieden.

Stehanie Amarell in "Dark"(Bild: Netflix / Screenshot)

Stephanie Amarell, 21, spielt unter anderem in der Netflix-Serie "Dark":

"Ich habe keine Übergriffe erlebt. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass solche Situationen leicht entstehen. Das liegt in der Natur unserer Arbeit: Die Atmosphäre am Set ist sehr experimentell und intensiv. Das Grundproblem sind aber die ausgeprägten Machtstrukturen, die der Beruf vielleicht noch mehr als andere mit sich bringt. Als Schauspieler bist du immer Bittsteller. Wenn du Rollen willst, musst du denen gefallen, die sie besetzen.

Dein Marktwert ist dein Aussehen, deine Ausstrahlung. Das musst du nutzen, darauf schauen die Leute. Wer sich diesem System verschließt, kann sich in der Branche nicht halten.

Um gut zu spielen, muss aber auch die Atmosphäre am Set stimmen. Ich muss mich wohlfühlen. Dieses Gefüge ist sehr fragil und wird jeden Tag neu verhandelt. Wenn man sich kritisch äußert oder beschwert, dann kann das auch dazu führen, dass die anderen dich nur noch mit Samthandschuhen anfassen – oder sich die Atmosphäre verschlechtert. 

Ich glaube, dass es in diesem Gefüge sehr schwer ist, Verhaltensregeln festzulegen. Dazu sind Situationen und Menschen zu individuell.

Was sagt die Art, wie ich küsse, darüber aus, wie gut ich diese Rolle verkörpere?
Stephanie Amarell

Die MeToo-Debatte finde ich grundsätzlich aber gut, weil darüber reden auch bedeutet, dass sich vielleicht etwas bewegt. Am Ende ist es ja nur ein Symptom für ein Problem, dass unsere gesamte Gesellschaft betrifft. Das Beste, das MeToo in meinem Beruf bewirken könnte, wäre: Dass man sich traut, am Set offen über seine Unsicherheiten zu reden – ohne Angst davor, nicht ernst genommen oder nicht mehr gebucht zu werden.

Was sich als erstes ändern darf, sind die Castings: Ich frage mich, warum dabei so häufig Kuss- oder Bettszenen vorkommen. Was sagt die Art, wie ich küsse, darüber aus, wie gut ich diese Rolle verkörpern könnte? Dann sollst du einen Mann küssen, dem du gerade das erste Mal im Leben begegnet bist und der Regisseur sagt: 'Ich bin gespannt, was ihr daraus macht.'

Keine Chance auf einen Dialog im Vorfeld, wo man gemeinsam aushandeln könnte: Was darf ich, wie weit willst du gehen, was darf ich nicht?

Vielleicht ist es das, was MeToo bewirken könnte: die Selbstverständlichkeit, mit der solche Situationen akzeptiert werden, in Frage zu stellen."

Kristin Steffen(Bild: Joachim Gern)

Kristin Steffen, 25, Studentin des aktuellen Abschlussjahrgangs des Schauspielstudios Köln:

"Ich habe noch keine Übergriffe erlebt, allerdings wurde ich schon oft auf Äußerlichkeiten reduziert. Ich entsprach anscheinend nicht dem Schönheitsideal und sollte 'an meiner Weiblichkeit' arbeiten.

Männer und Frauen werden in diesem Bereich einfach unterschiedlich behandelt. Ich würde mir wünschen, dass sich das ändert. Dazu gehört auch die Tatsache, dass es immer noch deutlich weniger Frauen in Theater-Ensembles und an Schauspielschulen gibt.

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Seit den MeToo-Geschichten mache ich mir mehr Gedanken über den Umgang am Theater und reflektiere in Proben, welches Frauenbild ich vertreten will. Ich finde das Handeln ohne Angst dabei sehr wichtig ist, also versuche ich schon jetzt immer, meine ehrliche Meinung zu sagen.

Das ist natürlich nicht immer leicht, wie man nun auch in den berichteten Geschichten sieht. Es gibt mir kein gutes Gefühl, dass dabei Täter geschützt und Anschuldigungen vertuscht werden. Das ist gefährlich, da es Angst verbreitet und Menschen zum Schweigen bringt.

Auch ich mache mir Gedanken darüber, was es für Auswirkungen hat, meine Meinung zu äußern."

Mateja Meded(Bild: kirchknopf + grambow)

Mateja Meded, 28, Schauspielerin am Maxim-Gorki-Theater in Berlin:

"Ich finde es interessant, wie am Theater ein männliches Verhalten geduldet wird und Frauen stiefmütterlich behandelt werden. Damit meine ich: Sie haben in vielen Stücken Opferrollen oder sie müssen halb nackt herumlaufen, weibliche Rollen sind fast immer für den emotionalen Teil der Inszenierung verantwortlich. 

Man sollte einfach mal Schauspielerinnen mit Schauspielern im Theater oder beim Film vertauschen und dann genau hinsehen: Wie viele Männer sind noch übrig in einem festen Ensemble und was für Rollen spielen diese Männer in einer Inszenierung?

Man sollte mal Schauspielerinnen mit Schauspielern im Theater oder beim Film vertauschen
Mateja Meded

Dadurch wird deutlich: Das System, in dem wir leben, ist immer noch ein weißer Hetero-Schwanz.

Ich habe in diesem System ein dreifaches Problem: Ich bin eine Frau, ich bin Ausländerin und Geflüchtete. Durch diese Dreierrolle sind 90 Prozent der Castinganfragen, die ich bekomme, entweder Ostblock-Prostituierte, stereotypisch dargestellte Roma oder Putzfrau

Wir sollten anfangen, zeitgemäßere Bilder von Frauen und der LGBTQ- Community zu erschaffen. Es geht nicht darum, weiße, heterosexuelle Männer aus dem Theater zu verbannen.

Es geht um Raum für diejenigen, die bis heute nicht gleichwertig behandelt werden. Um eine gerechtere Bezahlung dieser Menschen. Im Theater herrschen nicht die Gesetze der realen Welt. Es ist ein Kunstraum, der alles sein kann was er will, unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht, Sprache oder Zeit. Das sollten wir nutzen!"

Elisa Schlott(Bild: Jeanne Degraa)

Elisa Schlott, 24, war in einigen deutschen Kinofilmen zu sehen und ist am Schauspielstudio Köln engagiert:

"Ich habe einmal einen Film gedreht, in dem meine Figur vergewaltigt wurde. Die Vergewaltigung fand in einem Auto statt und wurde nicht gezeigt. Man sah also nur den Wagen von außen. Der Schauspieler, der den Vergewaltiger gespielt hat, stieg allerdings zu mir ins Auto und fing an, sich an mir zu reiben, obwohl die Szene im Off stattfand. Das war total übergriffig und ekelig. Er hat später noch Witze darüber gemacht.

In meinem Umfeld reden alle über die bekannt gewordenen Fälle. Nicht nur die Frauen, sondern auch die Männer.

Ich sehe zum Beispiel Regisseure, die verunsichert sind, ob ihre Art mit Schauspielern und Schauspielerinnen bei den Proben umzugehen, schon übergriffig ist. Das ist auf Theaterproben auch manchmal extrem, weil man viel von sich preisgibt und eine gewisse Form der Distanzlosigkeit innerhalb der Proben wichtig ist.

Dennoch empfinde ich dieses Gefühl von Unsicherheit als etwas Positives, da die Menschen sich mit der Thematik auseinandersetzten und beginnen, ihr eigenes Verhalten zu prüfen."


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