Neulich erzählte mir eine Freundin von einer Situation bei der Arbeit. Die männlichen Kollegen aus der Führungsriege hätten sich in der Mittagspause darüber aufgeregt, wie schlimm es sei, mit Frauen zu planen. Diese Schwangerschaften. Diese Halbtagsstellen. Super schwierig.

"Was ein Schwachsinn", sagte die Freundin. Eine der Kolleginnen arbeite Vollzeit, habe drei Kinder. Frauen, die in Teilzeit arbeiteten, erledigten viele Aufgaben noch von zu Hause – obwohl sie nicht mehr dafür bezahlt würden. Und auch die lästernden Männer selbst haben zum Teil Kinder und arbeitende Frauen, sie wissen also um die Herausforderung, Arbeit und Familie miteinander zu vereinbaren.

Was also ist ihr Problem? 

Sie erheben sich über die Kolleginnen, reden sie klein. Frauen mit Kindern = die komplizierten Mitarbeiterinnen. Wie sollen männliche Machstrukturen durchbrochen werden, wenn dieses Bild der arbeitenden Mutter weiter aufrecht erhalten wird?

Es gibt sie noch, die Situationen in Clubs, wenn Männer versuchen, dir unauffällig über den Po zu streichen. Freundinnen, die dir erzählen, wie sie an einer Frage verzweifeln: Kind oder Karriere? Männer, die eigentlich nur einen Witz machen wollten – aber dabei Brüste erwähnten. 

Ein Jahr nach #MeToo habe ich mich gefragt: Haben all die Frauen, die ihre Stimme erhoben haben, all die Berichte über Sexismus, Vergewaltigungen, Macht der Männer, all die Preise für starke Frauen, all die Studien zu Gehaltegefällen nichts gebracht?

(Bild: Mihai Surdu/ Unsplash)

Es gibt diese zahlreichen Beispiele aus dem Alltag, und es gibt die prominenten Fälle: 

  • Da ist Sigi Maurer. Eine ehemalige österreichische Grünen-Politikerin, die schuldig gesprochen wird, weil sie sexuell belästigt wurde und das öffentlich gemacht hat. (bento)
  • In den USA wird Brett Kavanaugh Richter am Obersten Gerichtshof. Und die Professorin Christine Blaisey Ford, die ihm versuchte Vergewaltigung vorwirft, erhält im Gegenzug Morddrohungen. (bento

Wir haben geredet, immer wieder geredet – einige Frauen haben sich nach Jahren des Schweigens endlich fürs Reden entschieden. 

Was davon bleibt: Die Gewissheit, dass man mit all seinen Erfahrungen nicht allein ist. Dass Filmmogule gestürzt werden können. Dass Angela Merkel – eine Frau, die sich schwer damit tut, zu sagen, dass sie Feministin ist – öffentlich kritisiert, wenn die Junge Union nur Männer in den Vorstand wählt (bento). Und die Erkenntnis, dass Frauen, die Vergewaltigungen und Misshandlungen publik machen, Friedensnobelpreisträgerinnen werden können – so wie vergangene Woche Nadia Murad (bento).

Es sind Erfolge, die aber nicht darüber hinwegtäuschen sollten, was Frauen sich jeden Tag im Alltag oder bei der Arbeit anhören müssen. Oder dass sie noch täglich sexuelle Übergriffe erleben, weniger verdienen, unter rein männlicher Führung arbeiten müssen und selber keine Aufstiegsmöglichkeiten bekommen. 

All die Feministinnen, die in den Jahrzehnten zuvor für Gleichberechtigung gekämpft haben, würden mich wohl als naiv bezeichnen, wenn ich geglaubt hätte, es würde sich wirklich strukturell etwas ändern, immerhin Alltagssexismus würde aufhören.

Was bleibt von #MeToo, ein Jahr danach: wenig. Doch die Bewegung steckt auch noch in ihren Anfängen. In den kommenden Jahren muss noch viel passieren – und hoffentlich muss #MeToo nicht volljährig werden, bis Frauen sich gerecht behandelt fühlen.


Today

Einige Politiker wollen den Schweigefuchs verbieten. Was bedeutet er noch?
Wir haben Jemanden gefragt, der es wissen muss

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan soll ihn gezeigt haben. Sein Außenminister Mevlüt Cavusoglu ebenso: Der kleine und der Zeigefinger abgespreizt, Ring-, Mittelfinger und Daumen bilden einen Kreis. Nun wollen einige Politiker den sogenannten "Wolfsgruß" verbieten lassen. Was hat es damit auf sich?

Woher kommt der Gruß?

"Der Gruß bezieht sich auf eine türkische Legende, wonach die Türken von Wölfen abstammen sollen", erklärt der Politikwissenschaftler Ismail Küpeli im Gespräch mit bento. Heute aber sei der Gruß vor allem ein Zeichen der türkischen Nationalisten. Er beziehe sich auf die Gruppe der "Grauen Wölfe", sagt Küpeli. 

Bei den "Grauen Wölfen" handelt es sich um Anhänger der rechtsextremen türkischen Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP), die auch Anhängerinnen und Anhänger in Deutschland hat. Hier treten sie aber nicht als Partei sondern in unterschiedlichen Verbänden auf. 

Wofür stehen die Grauen Wölfe?

Die Grauen Wölfe haben drei zentrale Ziele:

  1. Die Herrschaft von türkischen Muslimen in der Türkei
  2. Die Rückkehr des großtürkischen Reiches von China bis nach Mitteleuropa
  3. Eine reinrassige Türkei – es sollen keine anderen Bevölkerungsgruppen in der Türkei existieren 

"Sie sind gegenüber den Minderheiten in der Türkei, also Armeniern oder Juden sehr rassistisch", erklärt Küpeli.

Wie viele Graue Wölfe leben in Deutschland?

Laut der Bundeszentrale für politische Bildung leben etwa 18.000 "Graue Wölfe" in Deutschland. Küpeli findet diese Zahl aber schwierig zu definieren: "Zählen wir die Aktiven, dann können wir von höchstens ein paar Tausend ausgehen, aber wenn man die nimmt, die diese Gedanken unterstützen, dann ist diese Zahl eher zu klein."

Eine echte Gefahr für die Demokratie sieht er in der Gruppe aber nicht: "Für die freie demokratische Grundordnung stellen sie keine Gefahr dar. Dafür sind diese Gruppen zu unbedeutend. Aber für ihre Gegner, also für türkische Oppositionelle oder für Kurden sind sie es." 

Immer wieder komme es vor, dass Graue Wölfe Andersdenkende einschüchtern oder sie überfallen. Küpeli nennt es "Straßenterror" – gezielt gegen Regierungsgegner der Türkei gerichtet.

Ist der Wolfsgruß der Türkische Hitlergruß?

Viele Politiker sehen in der Geste ein verfassungsfeindliches Symbol und vergleichen ihn mit dem Hitlergruß. Dieser Vergleich ist aber zu undifferenziert, meint Küpeli. "Beim Hitlergruß ist die Bezugnahme viel eindeutiger." Das mache es beim Wolfsgruß so schwierig. 

Denn der Wolfsgruß steht nicht für eine bestimmte Partei oder Idee, sondern für die Bewegung der Türkischen Ultranationalisten. Es gibt auch sehr patriotische Türken, die ihn zeigten, auch wenn sie mit den "Grauen Wölfen" nichts zu tun hätten. 

Was bedeutet der Gruß noch?

In Schulen wird das Zeichen oft als sogenannter "Schweigefuchs" oder "Leisefuchs" verwendet, damit im Klassenraum alle still sind und zuhören. Wie die "Schwäbische Zeitung" am Mittwoch berichtete, soll das Kultusministerium in Baden-Württemberg geraten haben, auf den "Schweigefuchs" zu verzichten. Es handle sich aber nicht um ein Verbot.  (Deutschlandfunk)