Bild: Unsplash/Eddy Lackmann

Es ist eine hitzige und unsortierte Debatte, die wir um das Thema Sexismus führen, seit Frauen vor wenigen Wochen angefangen haben, den Missbrauch von Harvey Weinstein öffentlich zu machen. 

Darf man jetzt überhaupt noch flirten? Sollten sich Frauen noch schminken und High Heels tragen, oder fördern sie damit Sexismus? Gehören wirklich alle Arten von Belästigung – von Chauvi-Kommentar bis Vergewaltigung – unter den gleichen Hashtag? #metoo

"Zeit"-Autorin Eva Biringer hat immerhin auf eine Frage eine klare Antwort:

Wenn die Frage lautet, ob ich mir schon mal das System zunutze gemacht habe, muss ich gestehen: Yes, me too.
Eva Biringer, "Zeit"-Autorin

In ihrem Kommentar "Wir sind doch nicht alle nur Opfer" schreibt sie, dass die Sexismus-Debatte von einer "Wolf-Lamm-Rhetorik" beherrscht würde, dass Männern zu Tätern und Frauen zu Opfern gemacht würden, obwohl sie auch profitieren würden: von Männern, die ihnen Türen aufhalten, von persönlichen Vorteilen, die sie im Austausch für ein nettes Lächeln ergattern würden, von einer gut sitzenden Bluse beim Bewerbungsgespräch. 

Sie fordert Frauen auf, Selbstkritik zu üben. Sie sollen sich fragen, ob sie sich durch ihr Frausein noch nie Vorteile verschafft hätten. "Ob sie sich nie haben helfen lassen bei Dingen, in denen sie nicht gut sind." Wie sie selbst etwa, die sich als "die mit dem Bohrmaschinendefizit" bezeichnet. 

Das sind die falschen Fragen.

Die mit dem Bohrmaschinendefizit bin ich auch. Ich habe weder meine Mutter noch meinen Vater jemals mit einer Bohrmaschine in der Hand gesehen und bin ihrem schlechten Beispiel gefolgt. Das hat mit Sexismus und Fehlern im System aber noch gar nichts zu tun. Sexistisch wird es erst, wenn der nächste Denkschritt ist, dass nur ein Mann das Problem mit der Bohrmaschine lösen kann. 

Mein Badezimmer-Regal hat meine Freundin Lisi montiert: 
Lisi, 25, kann mit der Bohrmaschine umgehen. (Bild: privat)

Richtig ist aber: Ja, auch Frauen müssen Selbstkritik üben. Nicht, indem sie sich Fragen, wie viele Vorteile sie aus sexistischen Strukturen schon gezogen haben.

Die wichtigere Frage ist: Bin ich selbst sexistisch?

Das wird so gut wie jede Frau, wenn sie ehrlich ist, mit "Ja" beantworten müssen. Frauen wachsen schließlich in derselben Gesellschaft auf wie Männer. Wir schauen die gleichen Filme und Serien, sehen morgens an der U-Bahn-Haltestelle die gleichen Werbeplakate, lesen die gleichen Bücher. Frauen internalisieren sexistische Denkweisen genauso wie Männer. 

Was wir mögen, wann wir uns schön fühlen und wen wir attraktiv finden – all das wird maßgeblich von der Welt um uns herum beeinflusst. Das kann man einfach so hinnehmen. Oder: Man kann sich mit diesen Mechanismen auseinandersetzen, verstehen was sie bedeuten und sogar versuchen, sie zu verändern. 

Darum ist es auch so wichtig, dass diese Debatte geführt wird, laut und schonungslos. Denn sie betrifft jeden. Und jede.  

(Bild: Unsplash/Toa Heftiba)

Wir sind heute eine offenere und tolerantere Gesellschaft, als vor vielen Jahren noch. Weil homosexuelle Paare endlich heiraten dürfen. Weil auf den Geburtsurkunden zukünftig ein drittes Geschlecht eingetragen werden kann. Weil wir Menschen bei uns aufnehmen, die Schutz brauchen. Weil Weihnachtsmärkte jetzt auch auf Arabisch werben, um mehr Leute aus der Gesellschaft einzubeziehen. 

Und auch Frauen haben heute in Deutschland mehr Freiheiten, als je zuvor. 

Niemand verbietet ihnen, sich schön zu machen, ihre Reize einzusetzen, niemand verbietet ihnen, eine Bohrmaschine zu benutzen – und manche machen sogar beides. Aber: Wenn man so tut, als hätte eine dieser beiden Dinge etwas mit dem Geschlecht zu tun, dann schränkt man Frauen ein, dann reduziert man sie. Und dann ist man ein Sexist – egal, ob männlich oder weiblich. 

Sexismus und Vorurteile sind nicht an Geschlecht geknüpft. In dieser Debatte müssen sich alle hinterfragen. Männer und Frauen.

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