Bild: dpa/Marijan Murat
Zwei Erkenntnisse einer neuen Studie

In drei Statements hat Mesut Özil am Sonntag seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft bekanntgegeben. Dabei wirft er dem DFB-Präsidenten Reinhard Grindel Rassismus vor, der Präsident habe ihn aus dem Team drängen wollen.

Er fühle sich in der Nationalmannschaft ungewollt, auch weil Deutsche ihn nach seinem Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Taypip Erdogan als "Ziegenfickerbeschimpft oder ihm geraten hatten, sich "nach Anatolien zu verpissen".

Mit dem Rücktritt von Mesut Özil ist in Deutschland eine neue Debatte um Zuwanderung entbrannt. Nun zeigt eine neue Studie zum Leben von Deutschtürken: Özil ist mit seinen Empfindungen zur Identität nicht allein.

Die Studie wurde vom Essener Zentrum für Türkeistudien erhoben. Die Forscher befragen seit vier Jahren in ganz Nordrhein-Westfalen Menschen mit türkischen Wurzeln zum Stand der Integration. Für die aktuelle Studie haben sie allerdings auch in anderen Bundesländern nachgefragt. (Tagesschau)

Das Ergebnis: Fast überall fühlen sich Deutsche mit türkischen Wurzeln hier nicht mehr beheimatet.

Deutsche mit türkischen Wurzeln

Knapp 2,8 Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln leben in Deutschland. Etwa die Hälfte hat die deutsche Staatsangehörigkeit, ebenfalls etwa zur Hälfte sind sie in Deutschland geboren.

Die Forscher haben 1000 türkeistämmigen Personen ab 18 Jahren in NRW befragt. Außerdem weitere 1000 türkischstämmige Personen in anderen Bundesländern.
Die wichtigsten Fakten zur Studie:

1

Viele türkischstämmige Menschen in Deutschland fühlen sich ihrem Herkunftsland Türkei etwas stärker verbunden. 

"Stark oder sehr stark zugehörig" zur Türkei fühlen sich bundesweit etwa 89 Prozent der Befragten, zu Deutschland immerhin etwa 81 Prozent. "Sehr stark zugehörig" bejahen 61 Prozent der Türkischstämmigen für die Türkei, nur 37,5 Prozent für Deutschland. 

Diese Verbundenheit mit der Türkei nimmt seit 2010 stark zu. Bei der Frage, wo ihre Heimat liege, antworteten in den vergangenen Jahren wieder deutlich mehr mit "Türkei":

(Bild: ZFTI)

2

Angehörige der zweiten und dritten Generation sind zerrissen – und haben ein zwiespältiges Verhältnis zu Deutschland.

Man fühle sich Deutschland nah, aber man fühle sich auch "anders". 47 Prozent der Befragten hätten das angegeben. Mehr als die Hälfte der Türkeistämmigen in Deutschland fühlen mittlerweile auch ihre Interessen von der türkischen Regierung besser vertreten als von der Bundesregierung. Die sehen nur 37 Prozent als Anwalt ihrer Interessen.

Selbst die dritte Generation der Türkeistämmigen in Deutschland, also Menschen, die hier aufwuchsen und sozialisiert wurden, wendet sich stärker der Heimat ihrer Großeltern zu.

Was bedeutet das?

Dass Deutschland seine Menschen nicht genügend integriert – und es zum Beispiel dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan gelingt, Menschen fern ab der Türkei trotzdem abzuholen.

Haci-Hali Uslucan, der wissenschaftliche Leiter des Zentrums für Türkeistudien an der Universität Duisburg-Essen, sieht zwei Hauptursachen: 

  1. "Zum einen hatten wir die letzten fünf, sechs Jahre eine sehr gehässige Integrationsdebatte, fokussiert auch auf Türkischstämmige und Muslime." 
  2. "Auf der anderen Seite sehen wir ein starkes Bemühen der türkischen Regierung, sich genau um diese Gruppe zu kümmern, etwa durch das 2010 eingerichtete Ministerium für Auslandstürken – mit der klaren Botschaft: 'Wir kümmern uns um euch, die Deutschen nicht'."

Martina Sauer, die Autorin der Studie, erklärt dies damit, dass man sich in Deutschland immer noch schwertue mit einer Doppel-Identität: 

"Die deutsche Mehrheitsgesellschaft, aber auch die deutsche Politik tut sich sehr schwer mit Menschen, die sich nicht auf eine Kultur festlegen wollen - ganz anders als in klassischen Einwanderungsländern wie den USA, Großbritannien oder auch Frankreich. Da geht man mit dieser Pluralität sehr viel gelassener um."

Was Deutsche also lernen müssten: Man kann mehrere Identitäten in sich tragen, mehrere Heimaten vereinen. Die türkische Heimat zu mögen heißt nicht automatisch, Deutschland abzulehnen.

Oder, wie es Özil in seinem Schreiben formulierte: Man kann zwei Herzen in sich tragen. 


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