Die Geschichte in drei Bildern

Mesut Özil gehört zu Deutschland – und Rassismus hat in unserem Land nichts zu suchen. Diese Botschaft hat die selbsternannte "Anti-Troll-Armee Reconquista Internet" am Montagabend mit riesigen Lichtinstallationen an mehreren Wahrzeichen in Berlin deutlich gemacht. (Pressemitteilung)

Die von Jan Böhmermann ins Leben gerufene Aktion projizierte dreimal das Konterfei von Özil mit dem Hashtag #neverwalkalone an den Bundestag, das Brandenburger Tor – und abgewandelt an eine Figur vor dem Axel-Springer-Verlagsgebäude.

Die Bilder seien nach eigenen Angaben jeweils für einige Minuten zwischen zwei und drei Uhr zu sehen gewesen, teilte die Organisation dem rbb mit. 

Und so sah das aus:

Der Bundestag

Mesut Özil hatte am Sonntag ausführlich seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft erklärt. In dem Statement wirft er dem DFB-Präsidenten Reinhard Grindel Rassismus vor, der Präsident habe ihn aus dem Team drängen wollen. 

Außerdem fühle er sich in der Nationalmannschaft ungewollt, auch weil Deutsche ihn nach seinem Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Taypip Erdogan beschimpft und respektlos behandelt hätten. 

"In den Augen von Grindel und seinen Helfern bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen, aber ein Immigrant, wenn wir verlieren." 

Die Beleidigungen waren abfällig, beleidigend, rassistisch. 

Dagegen setzte "Reconquista Internet" nun ein klares Statement. 

Das Brandenburger Tor

(Bild: https://reconquista-internet.de/portfolio/oezil)

Die Aktion verband die Anti-Troll-Armee mit einer öffentlichen Würdigung. In einer Pressemitteilung heißt es: 

"Mesut Özils Beitrag zu der 'Die Mannschaft' ist nicht nur ein sportlicher: In ihm sehen Millionen Jugendliche eine Identifikationsfigur und ein Vorbild. Mesut Özil stand als Deutscher Fußballnationalspieler auch für ein aufgeklärtes, offenes, modernes und vielfältiges Deutschland, in dem es jeder schaffen kann ganz gleich welcher Herkunft, Religion oder welchen sozialen Standes."

Doch es ging auch um Kritik – vor allem an der Berichterstattung der "Bild"-Zeitung. Auch vor dem Axel-Springer-Verlangsgebäude in Berlin war das Bild an einer Skulptur zu sehen. Hier mit den Worten "Best Never Racist":

Das Axel-Springer-Gebäude

Dazu schreiben die Organisatoren, es habe sich bei der "Bild"-Berichterstattung um eine "schamlose, wochenlange, rassistische Hetzkampagne" gehandelt. Konkret benennen sie den Chefredakteur Julian Reichelt und den Sportchef Matthias Brügelmann. Die Zeitung hatte zum Beispiel am Montag getitelt: "Im Internet! Auf Englisch! Özils wirre Jammer-Abrechnung mit Deutschland!"

Deshalb kritisiert die Anti-Troll-Armee in ihrer Mitteilung weiter: 

"...das unerträgliche Schweigen vieler seiner Mannschaftskameraden und nicht zuletzt die Selbstgerechtigkeit, Inkompetenz und Haltungslosigkeit des DFB machen betroffen und mahnen zum Handeln, denn:
In Deutschland wird niemand wegen seiner Hautfarbe, Religion oder Herkunft ausgegrenzt oder diskriminiert! Selbst wer Dummes tut – wie zum Beispiel sein Heimatland um 28,5 Millionen Euro Steuern zu betrügen oder sich fahrlässig in zwielichtiger Gesellschaft fotografieren zu lassen – verwirkt in Deutschland niemals sein Recht, ein vollwertiges Mitglied unserer offenen und freien Gemeinschaft zu sein!"

Nicht nur "Reconquista Internet" vermisst eine Haltung, auch im Netz fragen sich viele, wann sich zum Beispiel der Bundestrainer, der Team-Manager oder Mannschaftskameraden äußern. Nur Jerome Boateng, Antonio Rüdiger und Julian Draxler meldeten sich bislang öffentlich zu Wort und beklagten das Ausscheiden von Özil – zu den Rassismus-Vorwürfen äußerten sie sich nicht. 

In den Pressestellen von Bundestag und Axel-Springer-Verlag hatte man nichts von der Aktion mitbekommen. Der Verlag teilte bento auf Anfrage mit: "Wenn es denn so stattgefunden hat, wie das Foto zeigt, dann fand die Projektion nicht auf unser Gebäude statt, sondern auf eine Skulptur des Künstlers Stephan Balkenhol", schreibt ein Sprecher. "Das Denkmal heißt 'Balanceakt' und erinnert an die Deutsche Wiedervereinigung und den Mauerfall, es steht für das kontinuierliche Bemühen darum, Freiheit zu bewahren und zu verteidigen."

Auch Angela Merkel hatte sich am Montag über eine Sprecherin zu Özils Rücktritt geäußert. Sie ließ mitteilen: "Deutschland ist ein weltoffenes Land, und die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund ist eine Schlüsselaufgabe der Bundesregierung." Özil sei ein toller Fußballspieler, der viel für die Fußball-Nationalmannschaft geleistet habe. (bento) Der DFB selbst wies die Rassismus-Vorwürfe in einer Mitteilung zurück. (bento)

Wer steckt hinter der Projektion?

"Reconquista Internet" hat sich zur Aufgabe gemacht, Hass "mit Vernunft und Liebe" zu begegnen. Sie ist Böhmermanns Antwort auf einen kleinen Club rechter Twitter-Trolle, die als "Reconquista Germanica" rumnerven, beleidigen, hetzen oder drohen. 

Im Netz organisiert sich "Reconquista Internet" über die Plattform Discord. Dort zählt die Gruppe mittlerweile nach eigenen Angaben 60.000 Mitglieder – damit ist sie stärker als die AfD. Inzwischen agiert die Gruppe selbstständig, wer die Idee zu solchen Aktionen hat, ist unklar. Es handle sich um ein 30-köpfiges Team "unterschiedlich spezialisierter Menschenwürdefans".

Am Ende der Mitteilung verabschieden sie sich:

"Mit Herz und Hand und mit Verstand!"


Gerechtigkeit

Mit dieser Protest-Aktion zeigen Frauen in den USA, wie sehr ihre Rechte in Gefahr sind
4 Fragen zur Aktion

Protest muss nicht immer laut sein. Er muss nicht von Menschenmassen überbracht und nicht von der Polizei begleitet werden. Es geht auch ganz ruhig – und trotzdem ausdrucksstark. Das zeigt ein Fall in den USA.