Bild: Uwe Anspach/dpa
Heute: Ein ständiger Identitätstest

Mesut Özil und mich verbindet eigentlich nichts – was kaum überrascht. Was haben mein Leben und das eines Ausnahmefußballers schon gemeinsam? Wenn ich seinen Dreiakter lese, teile ich vieles nicht, seine Zeilen zum Erdogan-Foto etwa. Und doch stelle ich fest, dass wir uns manchmal offenbar ähnlich fühlen.

Es geht bei Özils Rücktritt um so viel mehr als die Zukunft des DFB und der Nationalmannschaft. Özils Rücktritt oder vielmehr seine Begründung des Rücktritts ist symptomatisch für Deutschland im Sommer 2018.

Özil, ich und viele andere teilen offenbar dieses Gefühl, dass wir als Deutsche mit seltsamem Namen unser Deutschsein wieder viel stärker rechtfertigen müssen. Deutschland war da schon mal weiter. Doch seit einigen Jahren wird es wieder mehr: Bei mir sind es die "Geh doch dahin, wo..."-Zuschriften, die "Wo kommen Sie denn wirklich her?"-Nachfragen – und auch Lob der Art "Das hätte ich nicht gedacht, dass man mit jemanden wie Ihnen auf diesem Niveau sprechen kann".

Auch mich schmerzt, wenn mir manche mein Deutschsein aberkennen wollen.

Ich reagiere dann meist wütend. Ich empfinde es schlicht als unverschämt und übergriffig, wenn ein anderer glaubt, mir meine Identität vorschreiben und mich quasi ausbürgern zu können.

Ja, das mag ziemlich jammernd und wehleidig klingen. Ich kann die Leute schon sagen hören: "Sie schreibt für den SPIEGEL, was will sie denn noch? So schlecht scheint es ihr ja nicht zu gehen?"

Und das stimmt, ich habe das riesige Glück, in einem Land geboren und aufgewachsen zu sein, in dem mein auf manche offenbar bedrohlich wirkender Name mir bisher fast nie im Weg stand. Vielleicht hat er mir manchmal sogar geholfen.

Vielleicht ist es ein Vorteil für mich, eine Frau zu sein, eine Frau, die kein Kopftuch trägt, denn ich vermute, mit Kopftuch oder als junger Mann mit so einem Namen wäre es schwieriger. Zumindest legen das Beschimpfungen nahe, die mich gelegentlich als SPIEGEL-ONLINE-Autorin erreichen.

Denn ab und an werde ich für einen Mann gehalten, oder aber mancher Leser ist der festen Überzeugung, dass sich hinter diesem Namen nur eine verschleierte Frau verbergen kann. Auch im Alltag habe ich es leicht: Die meisten tippen bei mir auf Spanien, also die gute Seite des Mittelmeers. 

Wer mich aber kennt, würde nie auf die Idee kommen, mich für etwas anderes als eine Deutsche zu halten.

Dass ich in Deutschland fast nie Nachteile wegen meines ausländisch klingenden Namens habe, ist keine Selbstverständlichkeit. Ich habe jahrelang in Frankreich gelebt, wo ich zum Beispiel bei der Wohnungssuche immer Mitbewohner mit anderen, vermeintlich weniger bedrohlichen Namen vorschicken musste. Ausländische Namen waren okay, solange sie nicht arabisch waren. In anderen Ländern werde ich bei der Einreise erst einmal stundenlang verhört und muss immer damit rechnen, nicht einreisen zu dürfen.

Gerade allerdings habe ich den Eindruck, dass in Deutschland das Erreichte in Gefahr gerät. 

Dass Gräben wieder tiefer werden, die ich längst überwunden glaubte, dass wir uns im Beleidigungsaustausch zu verbarrikadieren drohen – "undankbare Jammermigranten" und "Rassisten".

Als ich klein war, warnte mein Vater, dass "wir", seine Kinder mit den seltsamen Namen, nie wirklich als Deutsche akzeptiert werden würden. Ich habe ihn dafür ausgelacht. Für mich waren das die Befindlichkeiten der ersten Generation, das hatte nichts zu tun mit meinem Leben. Natürlich bin ich Deutsche. Später nahm er den Satz zurück – Deutschland habe sich verändert, sagte er. Doch vielleicht habe ich damals zu früh gelacht?

Was fehlt mir denn noch? Ich wünsche mir, dass wir uns nicht anmaßen, für andere festzulegen, wo sie sich zugehörig fühlen dürfen. Ich wünsche mir, dass Deutsche, die vermeintlich anders aussehen, heißen oder klingen, sich nicht ständig für ihr Deutschsein rechtfertigen müssen.

Denn das gibt mir das Gefühl, Deutsche auf Probe zu sein.

So als könnte man mir mein Deutschsein, meine Heimat, wegnehmen – wenn ich nur einmal falsch antworte im immerwährenden Identitätstest, auf die Fragen, die ständig mehr werden und inzwischen von den Ess- und Trinkgewohnheiten bis hin zu Einschätzungen der türkischen Innenpolitik reichen.

Raniah Salloum ist Redakteurin im SPIEGEL-Auslandsressort. Sie wurde 1984 in Deutschland geboren, ihre Eltern stammen aus Deutschland und Syrien.

Dieser Text ist zuerst auf SPIEGEL-ONLINE erschienen.


Gerechtigkeit

Türkischstämmige Menschen wenden sich immer stärker von Deutschland ab
Zwei Erkenntnisse einer neuen Studie

In drei Statements hat Mesut Özil am Sonntag seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft bekanntgegeben. Dabei wirft er dem DFB-Präsidenten Reinhard Grindel Rassismus vor, der Präsident habe ihn aus dem Team drängen wollen.

Er fühle sich in der Nationalmannschaft ungewollt, auch weil Deutsche ihn nach seinem Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Taypip Erdogan als "Ziegenfickerbeschimpft oder ihm geraten hatten, sich "nach Anatolien zu verpissen".

Mit dem Rücktritt von Mesut Özil ist in Deutschland eine neue Debatte um Zuwanderung entbrannt. Nun zeigt eine neue Studie zum Leben von Deutschtürken: Özil ist mit seinen Empfindungen zur Identität nicht allein.